SPD, CDU und FDP wählen Neonazi Der nette Nachbar von der NPD

Warum wurde der NPD-Mann Stefan Jagsch Ortsvorsteher? Wer sich in der Waldsiedlung umhört, erhält verblüffend einfache Antworten: Der Mann sei bekannt, kollegial - und er könne Mails verschicken.

NPD-Politiker Stefan Jagsch
Andreas Arnold/ DPA

NPD-Politiker Stefan Jagsch

Von und Dino Argentiero


Die Sitzung des Ortsbeirats Waldsiedlung am 27. Juni verlief harmlos, fast ohne besondere Vorkommnisse. Die Sitzung an jenem Donnerstag begann um 19:30 Uhr. Ein Mitglied lobte die Frühjahrsputz-Müllsammlung im Ortsteil. Ein anderes meldete, dass es noch immer Beschwerden über den Kangal-Hund im Amselweg 11 gebe. Er belle des Nachts und raube den Bürgern den Schlaf, so steht es im Protokoll.

Am Ende erklärte Vorstand Klaus Dietrich (FDP), dass er ab sofort nicht mehr für das Amt des Ortsvorstehers zur Verfügung stehe. "Der Grund der Funktionsniederlegung ist die politische Wirkungslosigkeit des Gremiums Ortsbeirat", heißt es zur Erklärung in der Niederschrift.

Damals ahnte wohl kaum eines der Mitglieder, dass diese Sitzung der Ausgangspunkt sein würde für Vorkommnisse, die die Waldsiedlung in die nationalen Schlagzeilen bringen würde. Dass sie zu der Frage führen würde, ob der Ort unterwandert sei von Rechtsextremen. Dass sie schließlich die Politik auf Bundesebene in Erklärungsnot bringen würde.

"Neonazi mit Stimmen von CDU, SPD und FDP zum Ortsvorsteher gewählt", meldete der SPIEGEL am Samstag. Einstimmig hatten die Mitglieder des Ortsvorstands der Waldsiedlung entschieden, Stefan Jagsch zu ihrem Vorsitzenden zu machen. Jagsch ist stellvertretender Vorsitzender der NPD Hessen, sein Name tauchte mehrfach im hessischen Verfassungsschutzbericht auf. Auf seinem Profilbild bei Facebook steht der Spruch: "Und wenn sie auch geifern, Lügenpresse bleibt Lügenpresse".

Die Reaktionen kamen prompt. Noch am Samstagabend twitterte Lars Klingbeil (SPD): "Wir kooperieren nicht mit Nazis!" Verteidigungsstaatssekretär Peter Tauber bezeichnete die Wahl der Mitglieder des Ortsbeirats als "unverantwortlich, pflicht- und geschichtsvergessen". CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak legte am Sonntag nach: Die Wahl sei "nicht hinnehmbar" und müsse korrigiert werden.

Eine Frage konnte niemand beantworten: Wie konnte das geschehen?

Um zu verstehen, warum ein Rechtsextremer von demokratischen Parteien in ein politisches Amt gewählt wurde, muss man sich vor Ort in der Waldsiedlung umhören. Dort, wo Stefan Jagsch aufgewachsen ist. Dort, wo er heute noch lebt. Ordentlich gestutzte Hecken säumen die Grundstücke, drumherum erstreckt sich die grüne Weite des hessischen Flachlands.

Ein junger Mann sagt, er kenne den Jagsch schon seit seiner Kindheit. Der sei "ein klasse Typ", anders als andere Politiker, so der Mann, der seinen Namen nicht in diesem Artikel lesen will. Jagsch sage seine Meinung, das tue ja sonst keiner mehr. Und: "Der sagt eben noch Hallo". Auch eine ältere Frau begrüßt die Wahl von Jagsch. Er sei ein aufrichtiger Mann, jeder im Ort kenne ihn.

"Einer, der Mails verschicken kann"

Diese Ansicht vertritt auch Norbert Szilasko, CDU. Szilasko ist Mitglied im Ortsbeirat der Waldsiedlung, er stimmte für Jagsch. Im Interview mit der "Hessenschau" sah er darin kein Problem. "Wir sind völlig parteiunabhängig im Ortsbeirat", sagte Szilasko. Ob Jagsch bei der NPD sei oder nicht, mache keinen Unterschied - was der Ortsvorsteher in seiner Partei oder privat mache, gehe ihn auch nichts an.

Die Entscheidung für den Rechtsextremen sei aus der Not geboren. "Da wir keinen anderen haben - vor allem keinen Jüngeren, der sich mit Computern auskennt, der Mails verschicken kann." Im Ortsbeirat, berichtet Szilasko, verhalte sich Jagsch "absolut kollegial und ruhig".

Als sich Jagsch zur Wahl stellte, wollte niemand sonst das Amt besetzen. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits seit über zwei Monaten unbesetzt - seitdem der vorige Vorsitzende Klaus Dietrich seinen Rücktritt erklärt hatte. "In dieses Vakuum stieß der NPD-Funktionär. In Ermangelung einer Alternative, wie mir Sitzungsteilnehmer berichteten, wählten alle Vertreter der anderen Parteien ihn zum Vorsteher", sagte der Vorsitzende der örtlichen SPD, Markus Brando, im Gespräch mit der "Hessenschau".

Jagsch kündigte bereits an, im Falle einer Abwahl juristische Schritte einzuleiten. Der Ortsvorstand will sich am heutigen Sonntagabend treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

"Im Vorfeld nicht so ernst genommen"

Auch die örtliche CDU zeigte sich überrumpelt von der Tragweite der Entscheidung. Der erste Beigeordnete der Gemeinde, Werner Zientz, sagte: "Wir haben das Ganze im Vorfeld nicht so ernst genommen."

Doch nicht jeder in der Waldsiedlung sieht die Wahl von Stefan Jagsch so unproblematisch. "Ich bin komplett fassungslos", sagt ein junger Mann, der in der Kirche arbeitet. Er nehme in dem Ort keine Stimmung für die NPD wahr, aber den Jagsch, den kenne eben jeder.

Dabei sind einige Gemeinden im Wetteraukreis schon länger als NPD-Hochburgen bekannt. Bei der hessischen Kommunalwahl vor drei Jahren landete die NPD in dem 21.000-Einwohner-Städtchen Büdingen bei 10,2 Prozent, im benachbarten Altenstadt waren es 10 Prozent. Im Ortsteil Waldsiedlung der Gemeinde Altenstadt ist Jagsch nun Ortsvorsteher.

Jan Voß, SPD-Fraktionsvorsitzender der Gemeindevertretung von Altenstadt, übte Selbstkritik. Er finde es einfach nur erschreckend, dass Mitglieder seiner Partei Stefan Jagsch gewählt hätten. Er habe erst im Nachhinein davon erfahren. Auf Facebook antwortete Voß auf empörte Kommentare von Bürgern. "Wie es scheint, haben hier alle demokratischen Parteien versagt", schrieb er.



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