Sabine Rennefanz

Wider die Unersättlichkeit Lernen von der DDR

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Mit unserem Energieverbrauch, mit unserer räuberischen Lebensweise geht es nicht so weiter. Das muss nichts Schlechtes sein.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): Verzichtsrhetorik und Geldpflaster

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): Verzichtsrhetorik und Geldpflaster

Foto: Chris Emil Janssen / IMAGO

Vor einer Woche schnürte die Bundesregierung mal wieder eines ihrer berühmten Pakete: diesmal zur Entlastung der Bürger. Das Entlastungspaket enthält unter anderem 300 Euro für jeden Arbeitnehmer, um für die steigenden Benzin- und Dieselpreise zu entschädigen, 100 Euro pauschal als Kindergeld. Es wirkt seltsam entrückt und gleichzeitig typisch deutsch: Während nicht weit entfernt Krieg und Vertreibung herrschen, werden die Deutschen für die Unannehmlichkeit des Tankstellenbesuchs  entschädigt. Man könnte es auch Schweigegeld nennen. Damit erkauft sich die Bundesregierung Zeit. Jemand schrieb neulich, der Staat behandle die Bürger wie die Erwachsenen, die den Kindern fünf Euro in die Hand drücken, damit sie das Haus verlassen.

Die Methode, die Bürger mit Geld zu beruhigen, ist nicht neu. Es gab nach der Wiedervereinigung das Begrüßungsgeld , nach der Finanzkrise die Abwrackprämie, nach dem ersten Lockdown den Familienbonus. Stets ging es darum, den Konsum anzukurbeln und dafür zu sorgen, dass die Menschen ihr Geld in die Geschäfte tragen. Das nächste Auto, das nächste Handy, der nächste Urlaub. Es gibt in Deutschland viele Menschen, die sich dreimal überlegen müssen, was sie kaufen. Sie verdienen jede Unterstützung. Aber es gibt noch mehr Menschen, denen es finanziell sehr gut geht, die 300 Euro für ein weiteres Paar Schuhe ausgeben. Brauchen sie Entlastung? Gibt es ein staatlich garantiertes Recht auf einen unversehrten Geldbeutel? Auf gute Laune beim Tanken?

Dieses Entlastungspaket ist wahrscheinlich das letzte Beruhigungsmittel, das verteilt wird. So wie es ist, wird es nicht bleiben, lautet ein berühmter Satz des Dichters Bertolt Brecht. Er hat ihn in der Hoffnung geschrieben, dass es besser wird, aber man kann ihn auch andersrum lesen. So wie es ist, wird es nicht bleiben: mit unserem Konsum, unserem Energieverbrauch, unserer verschwenderischen, räuberischen Lebensweise.

In vergangenen Jahrzehnten wurde gutes Leben immer nur so definiert, dass man mehr haben muss.

Es ist jetzt viel die Rede davon, wer Schuld hat an der Energieabhängigkeit von Russland: Angela Merkel, Gerhard Schröder. Und es ist natürlich richtig, die Entscheidungen aufzuarbeiten. Aber es ist entlastend, jemand anderen dafür verantwortlich zu machen, wenn man doch zugeben müsste, dass fast alle Deutschen von diesen Deals mit Russland profitiert haben, weil sie für billiges Öl und Gas sorgten – und Wirtschaftswachstum ohne Ende. Wenn Unabhängigkeit von Russland und Öl und Gas den meisten Wählern wichtig gewesen wäre, dann hätten die Grünen doch schon 2017 eine absolute Mehrheit gewinnen müssen. Jetzt geht das Zeitalter der Unersättlichkeit, das mit der Entdeckung von Öl und Gas als billiger Energiequelle nach dem Zweiten Weltkrieg in großem Maße begann, seinem Ende zu. Das war schon lange klar, der russische Präsident und sein Krieg beschleunigen es nur.

Jede Energiequelle hat ihre eigene Kultur hervorgebracht, schreibt der Kanadier Barry Lord in »Art and Energy«. Mit der Kohle entstand das Arbeitsethos, die moderne Kleinfamilie. In der Kohlezeit war man Patriot, wenn man verzichtete und hart arbeitete. Der britische Premier Winston Churchill sagte 1940 in einer Ansprache, dass er nur Blut, Schweiß und Tränen zu bieten habe. Mit dem billigen Öl und Gas in den Fünfzigerjahren kam die globale Shopping- und Wegwerfgesellschaft. In vergangenen Jahrzehnten wurde gutes Leben immer nur so definiert, dass man mehr haben muss. Gutes Leben bedeutete, mehr zu konsumieren. Das nächste Auto, das nächste Handy, der nächste Urlaub. Freiheit war die Freiheit zum Einkaufen, Shopping war Heimatliebe. »Wenn Sie Patriot sind, gehen Sie einkaufen«, sagte der amerikanische Präsident George Bush nach 9/11. Junge Menschen schrieben »Shopping« als Hobby in ihren Lebenslauf. Nach dem ersten Lockdown in Deutschland 2020 öffneten Baumärkte und Möbelhäuser zuerst. Vor den Schulen.

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck beschreibt in einem ihrer Essays in der Sammlung »Kein Roman« wie ein West-Berliner Händler kurz vor Weihnachten 1989 von der Laderampe am Grenzstreifen glitzerndes Weihnachtspapier an die Bedürftigen im Ostteil verteilte, die in einem Land lebten, das solch feines Papier nicht herstellen konnte. In der DDR hob man Weihnachtspapier auf, strich es glatt, verwendete es wieder im nächsten Jahr. Erpenbeck begann in dieser Zeit, Verpackungen von DDR-Produkten  zu sammeln. Sie sind nicht glänzend, nicht aufwendig, sind aus grobem, einfachem Papier gemacht. Es steht nicht viel drauf. Man sieht, sagt Erpenbeck, dass Kaufen und Verkaufen keine große Bedeutung hatte. Die Dinge hatten einen eigenen Wert, auch aus dem Mangel heraus. Über die DDR-Mentalität, alles zu reparieren, wurde oft gelacht. Inzwischen fordert selbst die EU, dass Produkte künftig langlebiger sein sollen . Lernen von der DDR, wer hätte das gedacht.

Es geht jetzt nicht darum, die eine Maßnahme zu finden, die alles ändert, obwohl ein Tempolimit schon mal ein Anfang wäre. Es ist ein Prozess, der viele Jahre dauern wird. Es wäre ein Anfang, wenn die Bundesregierung die Bürger nicht wie Kinder mit Geldgeschenken ruhigstellen, sondern ehrlich sein, auch mal etwas fordern würde. Insofern bleibt die Verzichtsrhetorik des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck erst einmal reines Wortgeklingel, solange er Teil einer Regierung ist, die Geldpflaster auf jede Wunde des Autofahrervolks klebt.

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