Widerstand gegen S21 Im Stuttgarter Kessel brodelt's

Stresstest bestanden, von Gutachtern besiegelt - doch damit ist der Konflikt um Stuttgart 21 noch lange nicht ausgestanden, glaubt Josef-Otto Freudenreich. Denn die Schwaben werden nicht einfach nach Hause gehen. Sie brauchen eine Perspektive für ihre neue Demokratielust.
Demonstranten gegen Stuttgart 21: Was passiert mit der Protestbewegung?

Demonstranten gegen Stuttgart 21: Was passiert mit der Protestbewegung?

Foto: Franziska Kraufmann/ dpa

Der Schwabe will nicht unter Niveau belogen werden. Dass er "hählinga" (auf hochdeutsch: heimlich) hintergangen wird: in Ordnung. Das hat er während 58 Jahren CDU-Regierung gelernt und sich genau so "hählinga" dagegen gewehrt. Aber dass er für dumm verkauft werden soll, ohne katholische Scheinheiligkeit und pietistische Skrupel, das trifft den Nerv, der zuckt, wenn ihm offen bedeutet wird: Du zählst nix.

Dann wird er aufsässig und tut etwas, was seinem Naturell zutiefst zuwider ist: Er verachtet die Obrigkeit, muckt auf oder beschädigt sogar fremdes Privateigentum.

Die CDU, die mit ihr verbandelten Wirtschaftskreise und die Deutsche Bahn haben bei Stuttgart 21 das Kunststück fertig gebracht, viele Schwaben soweit zu treiben. Sie haben ihnen Fortschritt, Modernität und Zukunft versprochen - und ernten dafür Hohn, Spott und Zorn, weil sie nicht sagen können, was das denn eigentlich bedeuten soll. Nicht in Zahlen, die mal so, mal so sind, nicht in Werten, die mal "Jahrhundertchance", mal "das neue Herz Europas" heißen. Klar ist nur, dass die Verträge in den Hinterzimmern der Politik abgeschlossen, von offensichtlich ahnungslosen Volksvertretern abgesegnet und von Chefredakteuren als Wohltat für das Land gepriesen wurden.

Das hat die Menschen zu Zehntausenden auf die Straße getrieben. Die Perlenkettenwitwe vom Stuttgarter Killesberg genauso wie den Hartz-IV-Bezieher vom Hallschlag, die Architekten, Ingenieure, Juristen und kleinen Unternehmer, die alle unter demselben Logo auftreten: gegen S21 und für ein neues Stuttgart. In ihnen hat sich eine Stadt gefunden, die nicht mehr für die biedere Gemütlichkeit steht, sondern für den Aufruhr. Dadurch ist ein neues Selbstbewusstsein entstanden, eine neue Identität, die in der Welt draußen aufmerksam registriert wurde. "Du kommst aus Stuttgart, der Hauptstadt des Widerstands?" - wer hört das nicht gerne und gerne immer wieder?

Stuttgarter Aufbruch

Wer in der Stadt lebt, spürt diesen Aufbruch, der sich, politisch emanzipiert und privat kreativ, nicht im Wahlzettel und in der Erfindung einer neuen Einspritzpumpe für den Mercedes oder den Porsche erschöpft. Hier gibt es Volksversammlungen vor dem Rathaus, bei denen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Verkehrsminister Winfried Hermann (beide Grüne) in die Mangel genommen werden, weshalb die SPD (die Urlaubsvertretung der CDU) dort gar nicht erst erscheint. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist und Verleger Jakob Augstein spricht zurecht von einem "Labor Baden-Württemberg", in dem sich künftige gesellschaftliche Entwicklungen wie unter der Lupe betrachten lassen.

Und jetzt kommt an diesem Freitag die öffentliche Stresstest-Präsentation. Wer glaubt, hier ginge es nur um Fahrpläne, Tunnels und unterirdische Bahnsteige, der irrt. Hier geht es um demokratische Teilhabe, um die Glaubwürdigkeit der politischen und wirtschaftlichen Klasse - und die Frage nach dem Danach. Im Stuttgarter Kessel brodelt's, und je näher der Bau des Tiefbahnhofs rückt, desto mehr steigt der Druck. Niemand kann heute einschätzen, wie er sich entladen wird, ob er in Resignation oder Radikalität mündet, ob die Aufspaltung in gute und böse Demonstranten (von Schlichter Heiner Geißler Schmuddelkinder genannt) das Problem nicht erst recht noch verschärft. Dieser Freitag, an dem die einen im Rathaus sind und die anderen davor, wird viel darüber aussagen.

Doch wie immer dieser Tag enden wird, es bleibt die Notwendigkeit, dem Protest eine Perspektive zu weisen, die den Aufbruch aufnimmt und in konkrete Projekte der Partizipation umsetzt. Bahnhof rauf oder Bahnhof runter: Die Schwaben wollen schaffen, also lasst sie in ihrem Labor tüfteln! Sie nach Hause zu schicken, wie es viele Kommentatoren verlangen, ist schon den Preußenkönigen - "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" - eingefallen. Das war vor mehr als 200 Jahren.

Josef-Otto Freudenreich war bis 2010 Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung", inzwischen verantwortet er das Online-Portal "Kontext:Wochenzeitung"