Jakob Augstein

AfD vor Einzug in den Bundestag Tüchtig aufgeregt, wenig überlegt

Wegwünschen hat nicht geholfen: Die AfD ist viel stärker, als das liberale Deutschland gehofft hat. Und nun? Man kann weiter Flüche ausstoßen - oder überlegen, warum die Leute rechts wählen.
AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland

AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland

Foto: Uli Deck/ dpa

Schlimmer Verdacht: Die AfD ist eine rechte Partei. Die Abwandlung eines alten "Titanic"-Witzes kommt einem in den Sinn, angesichts der Entrüstung über die angebliche Mail der AfD-Politikerin Alice Weidel. Spätestens jetzt, heißt es allenthalben, könne niemand mehr sagen, er habe nicht gewusst, wofür die AfD steht. Absurd. Das wussten die AfD-Wähler schon vorher ganz gut.

Die Leute wählen diese Partei nicht trotz ihrer rechten Ausraster - sondern gerade deswegen. Was sagt das über Deutschland?

Araber, Sinti und Roma sind "kulturfremde Völker", Regierungspolitiker sind "Schweine", und Deutschland ist "nicht souverän" - das schrieb angeblich Alice Weidel, die feine Volkswirtin, einst in Frankfurt, und das fliegt ihr jetzt in der letzten Phase des Wahlkampfs um die Ohren. Aber Weidel ist nicht allein. Tür an Tür mit Alice sitzen ja in dieser Partei der böse Björn Höcke, der vom "Denkmal der Schande" redet, und der elegante Alexander Gauland, der eine Politikerin in Anatolien "entsorgen" will. Das ist Nazi-Jargon.

So redet das Spitzenpersonal einer Partei, die bei der Wahl womöglich zweistellig in den Bundestag ziehen wird. Wir werden demnächst vielleicht 70 Abgeordnete im Parlament finden, die gegen solche Parolen nichts haben. Warum da der mecklenburg-vorpommersche AfD-Mann Holger Arppe aus Partei und Fraktion zurückgetreten ist, erschließt sich nicht so richtig. Er hatte in einer Netz-Unterhaltung unter anderem geschrieben: "…...das ganze rotgrüne Geschmeiß aufs Schafott schicken. Und dann das Fallbeil hoch und runter, daß die Schwarte kracht!" Das unterscheidet sich nur in Nuancen.

Der Berliner "Tagesspiegel" schreibt: "Wenn ab September völkische und nationalistische Parolen im Bundestag zu hören sind, dann hat es ein Teil der Wähler so gewollt." Stimmt. Aber man merkt den Kollegen die Überraschung an. Offenbar will man nicht für möglich halten, dass ganze viele Wähler in vollem Bewusstsein Rassisten im Parlament sehen wollen.

Die irgendwie liberale Mehrheit im Land versteht das einfach nicht. Warum tun diese Menschen das?

Es geht "uns" doch so gut. "Deutschland boomt", hatte Sandra Maischberger beim TV-Duell im Vorwurfston zu Martin Schulz gesagt, "es gibt ein Wirtschaftswachstum, das sich gewaschen hat..., und doch sagen Sie: Es geht ein tiefer Riss durch unsere Gesellschaft. Leben Sie vielleicht in einem anderen Land, mit anderen Nachbarn?"

Wenn Martin Schulz ein mutiger Kandidat wäre, hätte er geantwortet: Liebe Frau Maischberger, kann es sein, dass Sie das nur deshalb fragen, weil Leute wie Sie und ich, die gut verdienen - im Fall von Frau Maischberger sogar sehr gut -, gar nicht mehr wissen, wie es den sogenannten normalen Menschen geht? Was sie beschäftigt? Wovor sie Angst haben?

Der SPIEGEL schreibt: "Es ist eine populäre Behauptung, dass die AfD die Partei der Abgehängten, Arbeitslosen und Ungebildeten sei. Allerdings lässt sie sich schwer mit der Realität in Einklang bringen." Das ist ein zentraler Satz. Es ist zwar eine Tatsache, dass sich die materiellen Lebensbedingungen vieler Menschen in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Aber das, was man früher "sozio-ökonomische Ursachen" genannt hätte, darf als Erklärung für den Erfolg der Rechten nicht infrage kommen.

Sonst müsste sich die Mehrheitsgesellschaft ihre Fehler eingestehen. Wie sind Güter und Chancen verteilt? Welche Werte zählen, und welche Tabus gelten? Was wird an Schulen und Universitäten gelehrt? Wofür fühlt man sich in den Zeitungsredaktionen und Fernsehstudios zuständig?

Wer sich mit gesellschaftlichen Gründen nicht befassen will, muss auf anthropologische Erklärungen ausweichen. Dann wird Rassismus zu einer bedauerlichen menschlichen Konstante erklärt, die man zwar bekämpfen kann, aber nicht beeinflussen. So wird die Auseinandersetzung mit der AfD zu einer unpolitischen Veranstaltung.

Die liberale Gesellschaft verfährt übrigens mit der AfD nicht anders als mit dem Terrorismus oder Donald Trump oder allen anderen Phänomenen, die ihr zu sehr auf den Leib rücken: Tüchtig aufregen, aber um Gottes Willen nicht die Frage zulassen, was das mit uns zu tun hat.

In Wahrheit kommt das alles nicht so überraschend. Es hätte schon genügt, den Soziologen Wilhelm Heitmeyer zu lesen, der zwischen den Jahren 2002 und 2011 in seiner Bielefelder Langzeitstudie "Deutsche Zustände" zeigte, was aus einer Gesellschaft wird, in der sich die prekäre Teilhabe an den materiellen Gütern der Gesellschaft ausbreitet und der Mangel an politischer Partizipation und moralischer Anerkennung zunimmt.

Wenn man heute Interviews mit Heitmeyer liest, merkt man: Der Mann hat richtig schlechte Laune. Er hatte gewarnt. Aber man hat nicht auf ihn gehört. Er sagt: "Es gab und gibt einen weitverbreiteten politischen Autismus. Die prekäre Zivilität wollte man nicht wahrnehmen."

Die AfD ist der Kollateralschaden einer Politik, zu der sich dieses Land mit voller Absicht entschieden hat. Die Nazis - das sind wir.

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