Meinungsforscher Güllner Der Steinbrück-Schreck

Manfred Güllner ist Sozialdemokrat - und eines der größten Probleme für Peer Steinbrück. Mit wöchentlichen Umfragen und bissigen Kommentaren quält er die SPD und ihren Kanzlerkandidaten wie kein anderer Meinungsforscher. Was treibt den 71-Jährigen an?
Forsa-Chef Güllner: "Für die SPD ist zwei mal zwei 38"

Forsa-Chef Güllner: "Für die SPD ist zwei mal zwei 38"

Foto: Forsa

Berlin - Der Mittwoch ist im sozialdemokratischen Kalender kein schöner Tag. Gleich nach dem Aufstehen erwartet die Genossen meist eine Demütigung: Manfred Güllners neueste Umfragezahlen laufen über die Ticker, und die Lektüre ist für die SPD regelmäßig eine Qual. Noch über oder schon unter 20 Prozent? Das ist oft die spannendste Frage. Es ist furchtbar.

"Ich würde den Mittwoch am liebsten streichen", klagt ein Sozialdemokrat.

Seit Jahren schon versetzt der Forsa-Chef mit seinen Daten die Genossen in Aufregung. Aber in diesen Wochen ist es besonders schlimm. 24, 23, 22 - für die SPD scheint die Skala des Meinungsforschers nach unten offen. Und für Peer Steinbrück sowieso. Gerade mal 17 Prozent Zustimmung hat Güllner für den Kanzlerkandidaten in seiner vorigen Umfrage ermittelt, weit weniger als alle anderen Institute. In den Redaktionen schrieben sich die Meldungen mal wieder wie von selbst.

Die Zahlen sind das eine. Güllners öffentliche Bewertungen von Partei und Programm das andere. Aus seiner Sicht ist so ziemlich alles falsch, was die SPD anpackt. Er hält die Partei für ein Sammelbecken von Nieten, die ihren eigenen Abstieg nicht wahrhaben wollen. "Seit Jahrzehnten ist die SPD immun gegen die Realität", meint Güllner. "Für die ist zwei mal zwei nicht vier. Auch nicht fünf. Sondern 38." Es sind solche Sätze, die die Sozialdemokraten zur Weißglut treiben.

Seinen Kleinkrieg gegen die SPD führt Güllner aus Berlin-Mitte. In einem ehemaligen Warenhaus beschäftigt er ein paar Dutzend Telefonisten, die ihm täglich die politische Stimmung liefern. Güllner empfängt in einem nüchternen Besprechungsraum. Grauer Anzug, blaues Hemd, brave Frisur. Er wirkt wie ein harmloser Beamter. "Wir beobachten die Realität und teilen unsere Ergebnisse mit", sagt er.

Es gibt auch Sozialdemokraten, die er mag

Doch für den Kanzlerkandidaten ist Güllner im Wahlkampf ein massives Problem. Wie kein anderer Meinungsforscher sorgt der 71-Jährige dafür, dass die SPD als Verlierertruppe wahrgenommen wird. Und in der Partei fragt man sich, wie das eigentlich kommen konnte.

Güllner, Sohn eines Zangenmachers, ist selbst Sozialdemokrat. Seit fast 50 Jahren. Über die Partei kam er zum Umfrageinstitut Infas und später zum Statistischen Amt in Köln. "Ohne die SPD wäre ich nicht, wo ich bin. Die SPD war eine Klassenerhöhungsmaschine", sagt er. Rücksicht nimmt er deswegen nicht. Heute gefällt er sich mehr denn je darin, mit der Partei abzurechnen.

Er sieht die SPD im Niedergang begriffen, und zwar so richtig. Kein Zugang zu bürgerlichen Schichten, eine bröckelnde Wähler- und Mitgliederschaft, mangelnder Reformeifer, kein vernünftiges Personal, zu weit links - Wenn man Güllner zuhört, glaubt man, die Partei befinde sich im Endstadium und er selbst sei berufen, ihr das beizubringen. Die Diagnosen sind nicht ganz falsch. Aber aus dem Mund von jemandem, der dazu da ist, Stimmungen abzubilden, anstatt sie zu bedienen, klingen die Thesen auffallend reißerisch.

Es gibt auch Sozialdemokraten, die er mag. Gerhard Schröder zum Beispiel, zu dem er zu Kanzlerzeiten ein gutes Verhältnis hatte. "Wenn er wissen wollte, wie es so steht, rief er an", sagt Güllner. Über Jahre begleitete der Forsa-Chef Schröders Regierungspolitik, klopfte wichtige Weichenstellungen auf mögliche Wirkungen ab. Noch heute spricht er regelmäßig mit dem Niedersachsen. "Er war einer der wenigen Politiker, die mit dem Instrument der Umfragen vernünftig umgingen", sagt Güllner.

Er zückt eines seiner Bücher, für das Schröder einst das Vorwort verfasste. "Die Aussage eines Politikers, er nähme Umfrageergebnisse nicht ernst, heißt also, dass er das nicht ernst nimmt, was Menschen denken und fühlen", schreibt Schröder. Güllner freut sich. Er sieht das genauso.

Eine Umfrage für Steinbrück

Mit Steinbrück  ist alles ganz anders. Die beiden kennen sich kaum, aber das Verhältnis trägt Züge einer Privatfehde. Wenn der Kanzlerkandidat über den Meinungsforscher spricht, gerät er schnell in Rage: keine Glaubwürdigkeit, ein Spieler, unseriös. Wenn Güllner über Steinbrück spricht, wirkt es, als rede er über ein Dummerchen. Er werde im Rückblick auf die Bankenkrise noch immer als "Adlatus von Angela Merkel, als ihr 'Kofferträger' wahrgenommen", glaubt Güllner.

Ihre Wege haben sich nur einmal gekreuzt. Als Steinbrück noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war und damit liebäugelte, die Grünen aus der Koalition zu schmeißen und die FDP reinzuholen, ließ er von Güllner testen, was die Menschen von einem solchen Schritt hielten. Das Ergebnis: überwiegende Zustimmung. Steinbrück scheute dennoch den Schritt, den Koalitionspartner auszuwechseln.

"Rot-Gelb war eine strategisch richtige Überlegung", sagt Güllner heute. "Aber das Entscheidende ist: Er hat sie nicht durchsetzen können. Er hat geredet, ohne zu handeln." Güllner meint, darin ein Muster bei Steinbrück erkennen zu können.

In der SPD hofft man, dass Güllners Bedeutung mit der Zeit nachlässt. Zufrieden nehmen die Sozialdemokraten zur Kenntnis, dass der Forsa-Mann in der Szene der Meinungsforscher nicht den besten Ruf hat. Dort wird mit Blick auf Güllners spektakuläre Umfragen schon mal gelästert, dass dieser vor Umfragen "seine Würfel" raushole. Irgendwann, so glauben die Genossen, werde das schon auf ihn zurückfallen. Das Problem ist, dass sie darauf schon ziemlich lange warten. Die Medien nehmen Güllners Zahlen noch immer sehr gerne.

Und so denkt manch ein Sozialdemokrat darüber nach, es auf anderem Weg zu versuchen. "Vielleicht", sagt ein hochrangiger Sozialdemokrat, "sollte Peer einfach mal ein Bier mit dem Manfred trinken."