Syrische Flüchtlingsfamilie in Ostdeutschland Ein Jahr danach

Vom syrischen Bürgerkrieg in den ostdeutschen Plattenbau: Vor einem Jahr kamen Mutas al-Siab und seine Frau Doaa nach Deutschland. Als wir sie damals besuchten, waren sie erschüttert von ihren Erlebnissen. Wie geht es ihnen heute?

SPIEGEL ONLINE

Aus Parchim berichtet


Mit zittrigen Fingern zoomt Mutas al-Siab das Foto in seinem Smartphone heran: ein ausgemergelter nackter Oberkörper, eine Hand liegt verdreht auf der Brust, trübe Augen - ein toter Mann. "Das ist mein Bruder", sagt Mutas. Seit einem Jahr und drei Monaten leben er und seine Frau Doaa nun in Deutschland, fern von ihrer Heimat Syrien, in der sie verfolgt wurden. Noch immer füllen sich seine Augen mit Tränen, wenn er über Omar spricht.

SPIEGEL ONLINE traf Mutas und die hochschwangere Doaa zum ersten Mal im April vergangenen Jahres kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland im Übergangslager Bramsche. Medizin wollte der 25-Jährige damals studieren, das Elend vergessen, das er in Syrien gesehen hatte. Doch vom Vergessen ist er 15 Monate später weit entfernt.

Das Foto in seinem Smartphone hat ihm Gewissheit über das Schicksal seines zwei Jahre jüngeren Bruders gebracht. Es gehört zu einer ganzen Serie von Bildern gefolterter Häftlinge, die aus dem Bürgerkriegsland geschmuggelt und an die USA überspielt wurden. Mutas hat sich online durch die Galerie des Grauens gequält - und schließlich Omar unter den Opfern gefunden. Mutas' Mutter macht ihn für dessen Verschwinden verantwortlich, schließlich hatten die Polizisten eigentlich den älteren Bruder gesucht. Deswegen verschweigt er ihr die traurige Wahrheit. Auch der Vater und ein weiterer Bruder, die noch in Syrien leben, behalten sie für sich.

Das Paar lebt inzwischen in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. In der 17.000-Einwohner-Stadt gibt es zwei Flüchtlingslager mit insgesamt etwa 250 Plätzen und einer kleinen Moschee. Mutas und Doaa haben eine Wohnung in der Weststadt, einer Plattenbausiedlung.

Was wurde aus ihren Plänen? Was aus ihren Träumen?

Mutas will nach vorn schauen. Er denkt nicht mehr viel an die Flucht aus Damaskus, die ihm und seiner Frau nur knapp gelang. Er will nicht mehr über die durch Raketen verletzten Demonstranten sprechen, die der Krankenpfleger nachts zu versorgen half. Er beschwert sich nicht: weder über die starren Blicke, die seine Kopftuch tragende Frau beim Bezahlen an der Kasse erhält, noch über den defekten Laminatboden in seinem Wohnzimmer, der sich nach oben wellt.

Stolz zeigt Mutas die Urkunde vom Deutsch-Test für Zuwanderer, das Zertifikat über den geleisteten Integrationskurs und die Bescheinigung für den bestandenen Test "Leben in Deutschland". Als wir uns vor einem Jahr trafen, brauchte es einen Dolmetscher zur Verständigung. Jetzt kann er sich komplett auf Deutsch verständigen. Zu einem "berufsbezogenen Sprachkurs" ist er angemeldet, ein Praktikum im Krankenhaus soll im Oktober beginnen. Er will so schnell wie möglich als Krankenpfleger arbeiten.

Das Paar gehörte zu jenen 10.000 Flüchtlingen aus Syrien, die die Uno nach Deutschland vermittelt hatte. Sie wurden unter den Bewohnern eines Lagers im Libanon ausgewählt und in die Bundesrepublik geflogen. Ihnen blieb der illegale und gefährliche Weg Richtung Europa über die Türkei oder das Mittelmeer erspart.

Ihr Bleiberecht war schon bei der Ankunft geklärt. In Parchim angekommen konnte sich Mutas direkt beim Jobcenter melden, den Hartz-IV-Antrag stellen, ein Konto bei der Sparkasse eröffnen und eine Wohnung suchen. Drei Monate später zog die Familie in die 45-Quadratmeter-Wohnung in der Weststadt. So mancher in Parchim sieht in der Siedlung ein Ghetto. Mutas und Doaa sehen: ihr eigenes Sofa, warmes Wasser, einen Router, um nach Hause zu kommunizieren - und vor allem Sicherheit.

An den Hakenkreuzen vorbei

Wenn Mutas heute von seinem "Job" spricht, meint er den Deutschkurs, den er gerade macht. Fünf Stunden Unterricht täglich. Nachmittags gibt er das Gelernte an seine Frau weiter, die sich ansonsten zu Hause um die inzwischen fast einjährige Tochter Souad kümmert. In einigen Monaten will die 24-Jährige den Sprachkurs selbst belegen. So planen es die beiden.

Doaas Ziel ist es, ihr in Syrien begonnenes Medizinstudium an einer deutschen Hochschule zu beenden. In ihrer Heimat hatte ihr nicht mehr viel dazu gefehlt. Welche Teile ihrer Ausbildung hier anerkannt werden, weiß sie noch nicht. Darüber, dass auch Mutas Medizin studiert, reden sie nicht mehr. Er muss jetzt Geld verdienen.

Das syrische Paar will sich weder von den Hakenkreuzen, die es an den Mauern der Uni Rostock gesehen hat, von seinen Plänen abbringen lassen, noch von den manchmal unfreundlichen Passanten in ihrem Viertel, die sich schon mal weigern, ihnen den Weg zu erklären. Er selbst grüßt stets die anderen Bewohner, von denen viele alt sind. Er lächelt sie an - und manchmal lächelt jemand zurück. Nur sechs Menschen hätten sie bisher schlecht behandelt, sagt Mutas. Nur sechs, in einem Jahr.

Hummus in Hamburg

In Parchim gibt es anders als in vielen anderen Städten zwar keine festen rechten Strukturen, weiß die Sprecherin des Polizeipräsidiums Rostock Isabel Wenzel. Aber Rechtsradikalismus ist auch hier ein Thema. So hat der Staatsschutz die Facebook-Seite "Parchim wehrt sich gegen Asylmissbrauch" im Blick. Hier finden sich rassistische Posts - etwa über die angeblich Gewaltbereitschaft von Flüchtlingen.

Wenn Mutas und Doaa die Sehnsucht nach der Heimat packt, fahren sie mit dem Schleswig-Holstein-Ticket nach Hamburg. Dort kann man wenigstens Hummus kaufen und Falafel. Dass die Bahnen dorthin nicht größer sind als Busse, findet er merkwürdig. "Aber wenigstens fahren welche", sagt er. "In Syrien ist alles kaputt."

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