Wiedervereinigung "Komm, wir besetzen jetzt die Stasi!"

Im Dezember 1989 besetzten DDR-Bürger die Zentralen der Stasi, unter anderem in Erfurt, Leipzig und Berlin. Der ehemalige Sprecher des "Neuen Forums", Matthias Büchner, erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum sich Geschichtsfälscher für diese Episode der Wiedervereinigung interessieren.

AP

SPIEGEL ONLINE: Was passierte am 4. Dezember 1989 im Vorfeld der ersten Besetzung einer Stasi-Zentrale durch DDR-Bürger in Erfurt?

Büchner: Die Ereignisse und Nachrichten überschlugen sich zu der Zeit. Ich war drei Tage lang unterwegs und wollte nur noch schlafen. Kaum hatte ich mich hingelegt, klingelte Kerstin Schön, eine emanzipatorisch engagierte Ärztin aus Erfurt bei meiner Frau und sagte: "Komm, wir besetzen jetzt die Stasi. Weck' deinen Mann, egal wie." Und dann sind die Frauen, meine Frau damals hochschwanger, einfach losgegangen. Die waren von einer Intuition getragen. Fünf Frauen insgesamt sind los, ohne Plan, völlig unorganisiert und haben die Stasi-Zentrale besetzt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Hand voll Frauen - das klingt fast unglaublich. Wie sind die fünf Frauen denn in die Zentrale hineingekommen?

Büchner: Die sind erstmal dahin gegangen und weggeschickt worden. Dann haben sie sich in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe ging zum SED-Oberbürgermeister und hat gesagt: "Hier werden Sachen vernichtet, das können wir nicht zulassen." Der Bürgermeister hat es mit einer Verzögerungstaktik versucht. Die andere Gruppe ist zum SED-Bezirksstaatsanwalt gegangen und hat gesagt: "Sie sind zuständig, sie müssen was tun." Und auch der hat nur gesagt: "Da muss ich erstmal anrufen." Was die Frauen und auch Bürgermeister und Staatsanwalt zu diesem Zeitpunkt nicht wussten ist: Es hatten sich schon andere auf den Weg gemacht. Angeregt durch die Frauengruppe versammelten sich andere Frauen und auch Männer vor der Stasi-Zentrale und erhöhten dadurch den Druck.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die DDR-Staatssicherheit reagiert?

Büchner:Der Bezirkschef der Staatssicherheit, der General Schwarz, rief beim Staatsanwalt an und sagte: "Die wollen hierein, was soll ich tun? Soll ich schießen oder nicht?" Er soll sich am Ende eine Flasche Cognac eingefahren haben, um die Situation zu bewältigen. Der Bezirksstaatsanwalt sagte daraufhin zum General: "Bei mir sind auch Frauen. Lass die rein und sammle die Waffen ein." Später, als wir dann drin waren, fanden wir unter anderem auf dem Hof große Berge von geschredderten Unterlagen, die mit Wasser besprengt worden waren, also wie Beton. Das müssen Tausende und Abertausende Unterlagen gewesen sein. Und damit konnten wir dann auch die Staatsanwaltschaft überzeugen. Die Staatsanwaltschaft, die sonst immer händchenhaltend mit der Stasi lief und überhaupt nichts mit uns zu tun haben wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Büchner: Wir haben die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und später auch der Polizei "Sicherheitspartnerschaft" genannt. In anderen Bezirken, Tage später, sind die Besetzungen der Stasi-Zentralen dann direkt in Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft passiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von einer Zusammenarbeit bei den Besetzungen der Stasi-Zentralen zwischen den DDR-Staatsapparaten und der Bürgerbewegung. Wie genau war die Rollenverteilung?

Büchner: Die Frauen vom Neuen Forum in Erfurt haben die Besetzung der ersten Dienststelle der Staatssicherheit von vorne bis hinten komplett alleine in die Hand genommen. Die Staatsanwaltschaft kam später hinzu, als die Leute schon drin waren, aber auch nur nach einiger Überzeugungsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Ein Forschungsprojekt der beiden Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Berlin und Sachsen beschäftigt sich mit der Rolle der SED bei den Besetzungen der Stasi-Zentralen durch DDR-Bürger. Die wissenschaftliche Untersuchung beschäftigt sich im Kern mit der Vermutung, dass die SED die Besetzungen initiiert hat, um von der eigenen Rolle abzulenken und die Stasi zum Sündenbock für die Bevölkerung zu machen. Wie stehen Sie zu diesen Behauptungen?

Büchner: Die erste Aktion am 4. Dezember '89 in Erfurt war eine absolut spontane Aktion der Erfurter Frauen. Das war eine absolut friedliche Angelegenheit von verantwortungsbewussten Leuten, da lag hinterher kein einziges Blatt auf dem Boden. Weder die SED noch die Stasi selbst haben die Finger im Spiel gehabt. Dass die SED dann später versucht hat, sich selbst zu retten, das ist eine ganz andere Frage. Aber ich werde nicht zulassen, dass an dieser Stelle die Geschichte verfälscht wird.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Besetzungsaktionen in Leipzig und Berlin? Gerade in Berlin war die Stasi-Zentrale am Ende völlig verwüstet. War das ebenfalls ausschließlich das Werk der DDR-Bürger?

Büchner: Das ist natürlich eine ganz andere Sache. Bei der Besetzung in Berlin, am 15. Januar 1990, gab es ja durchaus richtige Verwüstungen und Randale. Das ist klar, das lief alles unter Regie der Stasi. Auch in Leipzig am Abend des 4. Dezember '89, da war Wolfgang Schnur, der später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, an vorderster Stelle. Ich vermute, er hatte einen Auftrag, dorthin zu gehen. Die SED wollte sich natürlich selbst retten und schob immer die Stasi vor. Und auch die Stasi hatte ihre eigenen Interessen und nutzte die Gunst der Stunde. Aber das ist eine Erkenntnis, die hatte ich im Dezember 1989 schon. Ich möchte ganz deutlich machen, dass diese neuen Untersuchungen eine subtile Form sind, Geschichte zu verfälschen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Büchner: Die Untersuchungen geben vor, historisch zu arbeiten, aber sie liegen ziemlich falsch. Einiges von dem, was sie sagen, ist ja durchaus richtig. Aber wenn man sich die Dinge anschaut, sogar selbst dabei war, dann wird schnell klar, dass die Bürgerbewegung und das Neue Forum damit in Misskredit gebracht werden. Wenn ihnen die Verantwortung aberkannt wird, dann wird auch ihr Verdienst geschmälert.

Das Interview führte Sonja Bechtold



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