Wiesbaden Kochs Triumph kommt für die CDU zu früh

Bei der SPD herrscht Untergangsstimmung, die FDP ist trotz Erfolg frustriert. Nur einer genießt seinen Triumph: Ministerpräsident Roland Koch hat bei der hessischen Landtagswahl die absolute Mehrheit erreicht. Damit ist er endgültig der starke Mann der Union - allerdings früher, als ihm vielleicht lieb war.

Von , Wiesbaden


Der neue starke Mann der CDU: Roland Koch
DDP

Der neue starke Mann der CDU: Roland Koch

Wiesbaden - Im Fraktionsraum der CDU geht es zu wie am Silvesterabend kurz vor Mitternacht. Die Parteimitglieder stehen mit vollen Sektgläsern vor den Fernsehschirmen und stimmen lauthals in den Countdown ein, den der Moderator vor der Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen anstimmt.

Dann schnellen auf jedem Schirm die schwarzen Kurven in die Höhe, höher, als sie es jemals getan haben bei einer hessischen Landtagswahl. Die ersten Hochrechnungen prognostizieren der CDU eine knappe absolute Mehrheit, und die Konservativen kreischen vor Glück. Wenige Sekunden später brandet erneut Jubel auf: Die ersten Ergebnisse aus Niedersachsen werden bekannt, wo die SPD ebenfalls eine schwere Schlappe kassierte.

Das Ergebnis, das Roland Koch und die hessische CDU erhofft und zugleich wohl auch ein wenig befürchtet haben, wird offenbar Realität: Koch wurde als erster hessischer CDU-Ministerpräsident überhaupt im Amt bestätigt, und das mit absoluter Mehrheit. Nun fürchten einige in der Union einen viel zu frühen Start der Debatte um die Kanzlerkandidatur 2006, die ein erstarkter Roland Koch unfreiwillig ins Rollen bringen könnte.

"Das ist nur eine erste Zwischenbilanz", versucht der Bundestagsabgeordnete Heinz Riesenhuber den Triumph Kochs klein zu reden. Es wirkt wie das verzweifelte Anschwimmen gegen einen übermächtigen Schwall der Euphorie, der zu diesem Zeitpunkt bereits durch den CDU-Fraktionssaal schwappt.

Wie ein Champion beim Einmarsch in die Arena

"Mit aller Gelassenheit und ohne abzuheben" müsse man die Kanzler-Frage jetzt angehen, mahnt Riesenhuber noch. Zu mehr hat er keine Zeit. Um 18.31 Uhr betritt Roland Koch den Raum, begleitet von lauter Bombast-Musik und einem Tross Statisten - der Champions beim Einmarsch in seine Arena. "Roland, Roland" rufen ihm seine Anhänger zu.

"Das ist ein großer Tag für die CDU", sagt Koch, als es endlich wieder ruhiger geworden ist. "Und ich gebe zu, auch für mich." Mehr will der Ministerpräsident nicht sagen zur Frage, was dieser Sieg für ihn persönlich bedeuten könnte. Stattdessen spricht er von einer "neuen Ära der hessischen CDU", bedankt sich artig für das Vertrauen der Wähler und die Mitarbeit der Parteibasis.

Ein unerfreuliches Thema aber bleibt Koch nicht erspart: Die Zukunft seines wahrscheinlich ehemaligen Koalitionspartners FDP. Eine "Zusammenarbeit mit guten Inhalten und persönlichem Vertrauen" habe es in den vergangenen vier Jahren gegeben. Die FDP habe auch in schweren Zeiten "Loyalität und Standvermögen" bewiesen.

Die FDP bleibt außen vor

Der Lohn für die Liberalen, deren Landeschefin Ruth Wagner unter hohem persönlichen Risiko Koch während der Spendenaffäre der Hessen-CDU gestützt hatte, dürfte nun der Gang in die Opposition sein. "Die CDU ist vorbereitet, willens und in der Lage, die Verantwortung in diesem Land zu übernehmen", sagt Koch und lässt damit keinen Zweifel daran, dass er die FDP außen vor ließe, sollte er die absolute Mehrheit im Landtag haben. Allerdings wäre diese hauchdünn: Die zuletzt prognostizierten 56 Sitze sind gerade das Minimum, mit dem Koch allein regieren könnte.

Mit generöser Geste streckt Koch, ganz der vorausschauende Politiker, deshalb der FDP die Hand entgegen: "Es gibt keinen Kurswechsel", ruft er unter dem erneut aufbrandenden Jubel der Feiergäste. "Unsere Politik wird fortgesetzt." Dann verlässt Koch den Saal. "Oh, wie ist das schön", schallt es ihm hinterher.

"Bökel hat zu wenig Gas gegeben"

Sektlaune hier, Katerstimmung dort: Im Fraktionssaal der SPD herrscht ein Lärmpegel wie auf einem Friedhof. "Der Wähler hat zu sehr auf die Bundespolitik geschaut", sagt ein SPD-Wahlkämpfer. Bökel habe "hervorragend gekämpft", aber halt einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Wähnen sich die Sozialdemokraten unbeobachtet, herrscht ein anderer Ton: "Bökel ist ein Softie", zischt eine SPD-Frau mit feuerrotem Schopf. "Der hat viel zu wenig Gas gegeben."

Nur bei einer Partei ist die Stimmung an diesem Abend noch verzweifelter: Die FDP hat trotz Möllemann-Affäre klar an Stimmen gewonnen - und wird voraussichtlich mit dem Gang in die Opposition bestraft. "Unser Wahlergebnis ist doch super", sagte ein Jungliberaler. "Und warum sollten wir nicht auch gute Oppositionspolitik machen können?" Der Mann hat gut reden, schließlich verliert er weder Dienstwagen noch Ministerbezüge. Hessens Wirtschaftsminister Dieter Posch kann das nicht von sich behaupten. "Wenn der Wähler einer Partei die absolute Mehrheit gibt, ist das ein Auftrag zur Regierungsverantwortung", sagt der FDP-Politiker mit versteinerter Mine. "So sind die Regeln."



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