Grüner Ministerpräsident Kretschmann wirft Parteikollegen "Besserwisser-Gestus" vor

Winfried Kretschmann ist einer der populärsten Grünen, aber er kritisiert die eigene Partei scharf. "Wir müssen eine neue Tonlage finden", warnt er - und verteidigt die traditionelle Ehe.

Winfried Kretschmann
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Winfried Kretschmann


Dem einzigen Grünen-Ministerpräsidenten Deutschlands, Winfried Kretschmann, gefällt das Image seiner Partei nicht. "Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will", schreibt er in einem Gastbeitrag für die "Zeit". "Wir sollten daher das Moralisieren lassen. Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren."

Kretschmann hatte im März sein Amt als Regierungschef in Baden-Württemberg verteidigt und koaliert in Stuttgart mit der CDU. Jetzt ruft er seine Partei dazu auf, ihre Kernthemen anders zu vermitteln. "Wir müssen eine neue Tonlage finden, getragen von Klarheit und Respekt", so der 68-Jährige. "Wenn wir unsere Politik ohne Besserwisser-Gestus erklären, verständlich in der Sprache, klar in der Sache und mit einem festen Wertekompass, dann bin ich zuversichtlich."

Es ist nicht das erste Mal, dass Kretschmann seiner Partei Ratschläge gibt. Im April stellte er das Doppelspitzen-Prinzip infrage. Im August plädierte er für Schwarz-Grün im Bund, obwohl seine Partei eigentlich ohne Koalitionsaussage in den Wahlkampf gehen will.

Kretschmann verteidigt klassische Ehe

In seinem Beitrag rüttelt Kretschmann zugleich an einem der letzten Alleinstellungsmerkmale der Grünen. Eigentlich will die Partei den traditionellen Ehebegriff aufbrechen und unterschiedliche Familienformen gleich behandeln.

Stattdessen hebt Kretschmann nun ausdrücklich die klassische Ehe hervor. "So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen - und das ist auch gut so."

Viele Grüne reagierten darauf mit Empörung. Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck kritisierte Kretschmann. "Bei Familien gibt es in Deutschland eine große Vielfalt. Und diese Vielfalt ist auch gut so", sagte er SPIEGEL ONLINE.

"Die klassische Ehe ist in Ordnung. Genauso gut ist die Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen, genauso gut sind Alleinerziehende mit Kindern, ebenso wie das nichteheliche Zusammenleben mit oder ohne Kinder. Familie ist da, wo Kinder sind. Um der Kinder Willen ist der Staat gefordert, alle familiären Formen gleichermaßen zu schützen."

Die Grüne Jugend verglich seine Worte zur Ehe sogar mit der CDU-Populistin Erika Steinbach:

Der schleswig-holsteinische Grünen-Landtagsabgeordnete Rasmus Andresen warf dem Ministerpräsidenten einen "Kniefall vor Rechtspopulisten" vor, der Bundestagsabgeordnete Sven Kindler äußerte sich ebenfalls kritisch.

amz

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insgesamt 108 Beiträge
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charlybird 05.10.2016
1. Kretschmann
erinnert mich immer an eingeschlafene Füße. Und der Mann ist deutlich besser bei der CDU aufgehoben, die machen ja auch auf ein bisschen Grün, haben nichts mehr gegen Schwule - zumindest offiziell - und finden ein paar soziale Errungenschaften ja auch ganz passabel.
i.dietz 05.10.2016
2.
Leute seit mal nicht so streng. Herr Kretschmann entstammt schließlich einer Generation voll "Tugenden" und "Sittsamkeit" ! Und wer keine Homo-Ehe mag ? Tja, dann ist das auch o.k. Es hat ja jeder seine freie Meinung !
morini 05.10.2016
3. das ist ungeheuerlich
er ist bestimmt ein Rechtsradikaler.
wug2012 05.10.2016
4. Genau diese Reaktionen
auf die Äußerungen von Herrn Kretschmann machen diese Partei unwählbar.
jklas 05.10.2016
5.
Winfried Kretschmann ist sicher beliebter als die Grüne Jugend, die dem von ihm kritisierten "Besserwisser-Gestus" wohl am allerstärksten entspricht.
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