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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Wir Corona-Spießer

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Wenn ich mich dieser Tage umsehe auf den Straßen, in den Geschäften, den Restaurants, frage ich mich, ob ich vielleicht etwas verpasst habe. Ist Corona schon vorbei?
aus DER SPIEGEL 22/2020
Menschen in einer Warteschlange in Berlin Anfang Mai

Menschen in einer Warteschlange in Berlin Anfang Mai

Foto: Jens Schicke/ imago images

Wissen Sie noch? Die krasse Zeit damals, als wir beim Einkaufen ganz korrekt eine Maske überziehen und anderthalb Meter Abstand zueinander halten mussten? Scheint alles längst Geschichte zu sein. Zwar danken die Politiker uns Bürgern bis heute täglich aufs Neue dafür, dass wir so artig mitmachen bei der Covid-Bekämpfung. Aber in Wahrheit macht ja kaum noch einer mit. Ist jedenfalls mein Eindruck. Wenn ich mich dieser Tage umsehe auf den Straßen, in den Geschäften, den Restaurants, frage ich mich, ob ich vielleicht etwas verpasst habe. Ist Corona schon vorbei?

In Sachen Covid-19 gehöre ich bis heute zum Team Schlangenlinie. Wenn ich über einen gut besuchten Bürgersteig laufe, gleicht mein Bewegungsprofil den Kurven eines EKG. Ich gestehe, dass mich das sorglose Verhalten vieler Mitmenschen aus dem Team Schnurstracks immer wieder fuchsig macht. Ich verzweifle an den Flatlinern, die sich in einem engen Gang an einem vorbeidrängeln, statt mal zwei Sekunden zu warten, bis der Gang frei ist. An Leuten, die ihre Maske – wenn überhaupt – lässig unter dem Kinn hängen lassen, als würde das Virus über den Adamsapfel übertragen. Während ich unter meinem Stofflappen japse.

Ich meckere aber nie. Wenn es um Viren geht, sind hitzige Wortgefechte keine kluge Idee, weil mit jedem Schimpfwort auch Tröpfchen ausgetauscht werden. Eine Klopperei bietet sich noch weniger an. So trotte ich äußerlich gelassen davon, auch wenn es innerlich brodelt. Ich halte mich an Regeln, schränke mich ein, um meinen kleinen Beitrag zur großen Eindämmung zu leisten, sage ich mir selbstgerecht. Und dann kommen Leute um die Ecke gerüpelt, denen all das am Allerwertesten vorbeigeht!

Um ehrlich zu sein, gefällt mir die Rolle des Corona-Spießers überhaupt nicht. Ich wollte mich nie spießig fühlen. Womöglich hilft mir Christian Lindner, da wieder rauszufinden. Der FDP-Chef war neulich im Berliner Restaurant Borchardt essen. Am späteren Abend wurde er dann vor dem Lokal dabei fotografiert, wie er zum Abschied einen Kumpel umarmte – einen Unternehmer aus Sachsen, der im Nebenjob als Honorarkonsul für Weißrussland arbeitet. Dieses Public Shaming war mir ebenso zuwider wie der Shitstorm, der Lindner erreichte. Die halbe Republik, so fühlte es sich an, fiel über ihn her. Wegen einer Umarmung! Lindner entschuldigte sich am nächsten Tag, fügte aber hinzu: "Am Ende bleibt man Mensch." Etwas Menschlicheres hat man selten von ihm gehört.

Dann kommen Leute um die Ecke gerüpelt, denen alles am Allerwertesten vorbeigeht.

Vielleicht müssen wir Vertreter des Teams Schlangenlinie uns nach Wochen der Selbstgewissheit erst wieder in Toleranz üben. Wir müssen es anderen zugestehen, dass sie gelassener mit dem Virus umgehen – nicht weil sie böse wären, sondern weil Menschen halt unterschiedlich ticken. Gerade wäre ein guter Zeitpunkt dafür. Erstens kann man nicht ewig unter Anspannung leben. Und zweitens ist die Zahl der Infizierten momentan eher gering.

Vielleicht werde ich bald auch wieder einen Freund umarmen. Muss ja kein Honorarkonsul einer Diktatur sein.

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