Corona-Politik »Wir debattieren über Schulschließungen in einer bildungsbürgerlichen Blase«

Während das Kanzleramt Schulen geschlossen halten will, plädieren SPD-Länder für eine Öffnung nach dem 10. Januar – auch wegen der dramatischen sozialen Folgen. Berlin entwirft bereits Strategien.

Beim Thema Schule hat Deutschland viel aus dem ersten Shutdown gelernt. Vor allem, was es nicht kann. Britta Ernst, Bildungsministerin in Brandenburg, sagt: »Wir haben gesehen, dass wir nicht alle Schülerinnen und Schüler im Distanzlernen erreicht haben. Wir waren darauf nicht gut vorbereitet.« Das sei jetzt besser. Die Schulen seien besser ausgestattet, fast alle arbeiteten mit Lernplattformen, Lehrerinnen und Lehrer hätten sich weitergebildet. »Trotzdem sind wir sicher noch nicht überall dort, wo wir sein wollen«, so die Sozialdemokratin Ernst im SPIEGEL.

Ernst übernimmt ab Januar den Vorsitz der Kultusministerkonferenz. Sie sagt, der persönliche Kontakt zwischen Lehrkraft und Schüler sei durch nichts zu ersetzen. »Darüber sind wir uns innerhalb der Kultusministerkonferenz einig.«

Auch die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten waren sich lange einig darüber, Schulen und Kitas unbedingt offen zu halten. Nun sind Weihnachtsferien, die in vielen Ländern ohnehin bis zum 10. Januar dauern. Wie es danach weitergeht, ist jedoch unklar. Während sich die unionsgeführten Länder eher skeptisch äußern, wollen die SPD-Länder ihre Schulen wieder öffnen oder haben sie gar nicht erst geschlossen.

Berlin, das den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz innehat, plädiert dafür, den Schulbetrieb abhängig von den Infektionen in der Region zu machen. Bei einem Inzidenzwert von mehr als 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sollen Schüler in den Hybridunterricht gehen, also abwechselnd in der Schule und zu Hause lernen. So hatten es die sechzehn Länder am 25. November auch beschlossen. Und damit hatten auch die Eltern etwas, womit sie planen konnten.

Doch dann stiegen die Infektions- und Todeszahlen, die Länder beschlossen drastische Schließungen für die Weihnachtszeit. Und plötzlich standen die Schulen wieder im Fokus.

Berliner Senat entwickelt Szenarien für Januar

Damit sich die Situation vom Frühjahr nicht wiederholt, als die Schulen ganz plötzlich geschlossen wurden, ohne Pläne für ihre Wiederöffnung zu haben, entwickelt die Berliner Senatskanzlei derzeit Szenarien für ein gemeinsames Vorgehen der Länder. Berlin ist dafür ein geeigneter Moderator, denn in der Hauptstadt sind die sozialen Folgen von Schulschließungen gut zu beobachten. Seit Monaten betont der Sozialdemokrat und Regierende Bürgermeister Michael Müller die dramatischen Folgen von Schulschließungen für viele Familien.

Auch Silke Gebel, Grünen-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, setzt sich dafür ein, dass die Kollateralschäden der Schulschließungen nicht ausgeblendet werden: »Jeder zusätzliche Tag Lockdown in den Schulen führt zu einem Anstieg häuslicher Gewalt«, sagte Gebel dem SPIEGEL. Bei geschlossenen Kitas und Schulen sei das Dunkelfeld groß, weil sehr viele Fälle unentdeckt blieben. Das müsse diesmal verhindert werden, mit einer auch digital aufgestellten Beratungs- und Hilfestruktur. Auch wegen der sozialen Folgen sei es dringend geboten, Corona-konforme Schulkonzepte umzusetzen, so die Grünenpolitikerin.

Auch aus der Wissenschaft kommen mahnende Worte: Die Molekularmedizinerin Franziska Briest sagt: »Schulschließungen führen zu einem sehr starken Lernrückstand bei Kindern aus bildungsfernen Familien.« Briest ist Wissenschaftlerin an der Charité, Grünen-Kommunalpolitikerin und Sprecherin einer Elterninitiative. Manche Kinder hätten keinen Rückzugsort, an dem sie in Ruhe lernen könnten, sagt Briest. Außerdem falle ein warmes Mittagessen weg. Für viele Familien sei das ein großes Problem. »Das sind Familien, die oft nicht am Diskurs teilnehmen. Wir debattieren über Schulschließungen in einer bildungsbürgerlichen Blase.«

Wer Schulen schließe, müsse das gut begründen, so Briest. Er müsse klar beweisen können, dass Schulen das Problem seien und dass es keine Alternativen gebe. »Doch das ist nicht der Fall.«

Briest kritisiert die Berichterstattung über eine österreichische Studie, nach der Kinder so infektiös seien wie Erwachsene : »Beispielsweise fehlt bei der österreichischen Gurgelstudie, die zunächst ein Zwischenbericht ist, der Vergleich zu einer Gruppe außerhalb von Schulen.« Schüler und Lehrer könnten durchaus ähnliche Prävalenzen haben, aber wenn diese unter den Vergleichsgruppen lägen, gäbe es auch erst mal keinen Grund, Schulen besonders in den Fokus zu rücken. »Zudem sagt die Zahl der Infizierten nichts über die Art, das Risiko oder die Richtung einer weiteren Übertragung aus.« Hier spiele die »selektive Kommunikation von wissenschaftlichen Daten« derzeit leider eine sehr »unschöne Rolle« in der politischen Debatte.

Während der Schulschließungen im Frühjahr wurden mehr Kinder als sonst in Obhut der Jugendämter genommen. Asha Hedayati, Berliner Anwältin für Familienrecht, sagt: »Für Kinder, die Gewalt erfahren, ist die Schule ein wichtiges Netz. Sie brauchen ihre Freundinnen und Freunde. Sie brauchen den Schutzraum Schule, um nach Hilfe suchen zu können oder einfach etwas Ruhe zu bekommen.« Kinder benötigten diese Stunden für sich, für das gesunde Aufwachsen, für das Kindeswohl. Familien, denen es schon vorher schlecht gegangen sei, gehe es in der Pandemie noch schlechter.

Schule als kontrollierbarer Raum

Anders als viele Bundesländer vertritt das Kanzleramt die Haltung, dass Schulen und Kitas bei einem hohen Pandemiegeschehen geschlossen bleiben müssten. Dabei ist man sich im Kanzleramt durchaus bewusst, dass Kinder und Jugendliche, wenn sie in der Schule sitzen, keinem großen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Angela Merkel, Helge Braun und ihre Berater haben offenbar eher die Infektionen im Visier, die rund um die Schulen herum entstehen könnten. Zum Beispiel im Schulbus oder in der Peer Group, die naturgemäß keine eineinhalb Meter Abstand einhält. Das Problem dabei: Schließt man die Schulen, verliert man jegliche Kontrolle darüber, ob Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. Man gibt also Räume auf, die Lern- und Schutzort für Kinder und Jugendliche sind, und schickt sie dorthin, wo sie sich womöglich viel häufiger anstecken als in der Schule.

Ein Ausweg könnten Schnellteststrategien sein. Mit Schnelltests hat Deutschland ein Werkzeug in der Hand, das es im März noch nicht gab. So hat etwa die Initiative Rapid Tests, die sich um den Harvard-Wissenschaftler Michael Mina gegründet hat, Vorschläge gemacht, wie sich die Lehrerschaft regelmäßig selbst testen könnte. Das könnte man in einem nächsten Schritt auf Schülerinnen und Schüler in den oberen Klassen ausweiten. Doch Deutschland tut sich schwer damit, die Selbsttests zuzulassen, anders als etwa Frankreich. Der Bund müsse hier eine Ausnahme machen, fordert etwa die Grünenpolitikerin Gebel. Dann könnte sich Deutschland vor weiteren Wellen schützen, denn es steht nicht mehr so hilflos da wie im Frühjahr.

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