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Minarettverbot in der Schweiz: Kampf um Symbole

Foto: ? Michael Buholzer / Reuters/ REUTERS

Wirre Logik des Minarettverbots Wie du mir, so ich dir

Wir gegen die: So versteht Europas Rechte das Schweizer Minarettverbot - schließlich ergehe es den Christen in der islamischen Welt nicht besser. Doch in diesem Argument offenbart sich die geballte Macht der Denkfaulheit. Die beiden Gruppen lassen sich keineswegs gleichsetzen.
Von Yassin Musharbash

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen glauben, die Christen des Nahen Ostens seien von Kreuzrittern bekehrt worden. Aber Jesus wurde in Betlehem geboren, nicht in Bern. Die meisten Christen, die heute in der arabischen und islamischen Welt leben, sind Nachfahren von Jesus-Anhängern aus Zeiten der Urkirche. Als der Islam sich von Saudi-Arabien ausgehend ausdehnte, da sank ihre Zahl zunächst um jene, die sich zu der neuen Religion bekehrten. Viele taten das damals übrigens aus Steuergründen, Gewaltkonversionen blieben die Ausnahme. Heute liegt ihr Anteil, nicht zuletzt wegen massiver Auswanderungsbewegungen, nur noch bei wenigen Prozent. Und selbst Betlehem hat vermutlich keine christliche Mehrheit mehr.

Das Zusammenspiel mit den islamischen Herrschern war nie spannungsfrei. Es bewegte sich zwischen wechselseitigem Respekt und offener Diskriminierung der Christen. Bis heute ist die Lage der Christen in der islamischen Welt unterschiedlich. In Afghanistan, in Saudi-Arabien, in Iran ist es im Grunde ein Verbrechen, Christ zu sein. In Jordanien, in Syrien, in Palästina kreisen Konflikte eher um die Frage, ob es angemessen ist, wenn Kirchenglocken den Gebetsruf aus der Moschee durchbrechen - oder andersherum.

Eines ist aber ist immer gleich: In der muslimischen Welt sind die Christen fast nie Migranten. Im Gegenteil: Sie waren schon vor den Muslimen da. Ihre alten Kirchen sind älter als die ältesten Moscheen. Und schon deshalb ist die Lage der Muslime im Westen nicht mit der Situation der Christen in der islamischen Welt vergleichbar. Kulturell steht ein jordanischer Katholik einem libanesischen Sunniten näher als beide einem Schweizer Protestanten.

Bizarre Argumentation

Natürlich gibt es an der Lage der Christen in der muslimischen Welt trotzdem nichts zu beschönigen. Es ist ehrenwert, das zu kritisieren. Nur sollte man dann angemessene Wege suchen. Das Schweizer Volksbegehren gegen Minarettbauten als Akt der Solidarität mit nahöstlichen Christen umzudeuten , wie es manche tun, ist hingegen bizarr.

Einige der Unterstützer des Schweizer Volksbegehrens argumentieren so: Solange in Saudi-Arabien keine Kirchen gebaut werden dürfen, haben wir das Recht, Muslimen ihre Minarette zu verwehren. Doch das ist ein Scheinargument.

Das Problem ist, dass sich in dieser Gedankenkette ein vormodernes und unaufgeklärtes Denken offenbart. Denn hier werden plötzlich "die Muslime", egal woher sie stammen mögen, egal wie unterschiedlich sie sind, einfach als geschichtliche, religiöse und politische Einheit gefasst, die mutmaßlich in einer Art ewigem Konflikt mit den Nachbarzivilisationen steht. Und die wachsende Zahl der Minarette soll dafür das bildmächtige Symbol sein. "Wir" gegen "die".

Schweiz

Und die Frage, als was sich ein seit Jahrzehnten in der lebender Muslim denn noch fühlen könnte außer als Muslim, wird vorsorglich für ihn beantwortet: als nichts.

Pauschale Scheinlösungen

Das ist zum einen bitterironisch, denn es ist haargenau das, was eingefleischte Islamisten freitags gern von sich geben - vorzugsweise übrigens in Hinterhofmoscheen ohne Minarett, weil man da unbeobachtet ist.

Und zum anderen ist es tragisch, weil es jahrzehntelange Bemühungen um Differenzierung vergessen macht. Es gibt ja gute Gründe, bestimmte Moscheegemeinden kritisch zu beäugen. Sogar dafür, ihre Bauvorhaben in Zweifel zu ziehen. Geht es hier wirklich nur um einen schönen Bau - oder doch um einen in Mauern gegossenen Dominanzanspruch? Dann bleibt immer noch die Möglichkeit, sich im Einzelfall dagegen zu engagieren.

Stattdessen bejubeln Europas Rechtspopulisten das Schweizer Votum als Beginn eines neuen Zeitalters: Wie du mir, so ich dir - das soll die neue Devise sein. Dahinter verbirgt sich aber nicht nur ein schiefer Vergleich von muslimischen Äpfeln und christlichen Birnen, sondern auch die geballte Macht der gedanklichen Faulheit und der gefühlten Zusammenhänge.

Es hilft keinem Christen in Kairo, wenn in Winterthur kein Minarett mehr gebaut wird.

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