Nikolaus Blome

Putin und Hitler Letzte Tage im Kreml

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eigentlich sollte man niemanden mit Hitler vergleichen, auch Putin nicht. Doch die Gemeinsamkeiten im Untergang sind frappierend.
Putin

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Foto: Dmitry Astakhov / ITAR-TASS / AFP

Neulich lief im Fernsehen noch einmal »Der Untergang« von Oliver Hirschbiegel, eigentlich wollte ich ins Bett gehen, aber dann habe ich es mir doch bis zu Ende angeschaut. Bruno Ganz als Hitler ist großartig, Ulrich Matthes als Goebbels, Corinna Harfouch als Magda Goebbels auch, und man könnte noch viele andere aufzählen. Es ist ein Film der Boomer, aber das kann in diesen Zeiten ja kein Makel sein. Im Gegenteil: Ich möchte lieber gar nicht wissen, wie wenige der heute unter 25-Jährigen im Geschichtsunterricht bis zu Adolf Hitlers Ende gekommen sind. Darum sollten sie vielleicht alle einmal diesen Film sehen, denn an einer ganzen Reihe von Stellen denkt man unwillkürlich: Ob das bei Wladimir Putin gerade auch so ist? Letzte Tage, nicht im »Führerbunker« in Berlin, aber irgendwo im Kreml?

Wladimir Putin ist natürlich kein zweiter Hitler, ebenso wenig ist er ein Nazi, wenn der Begriff noch irgendeinen Sinn haben soll. Darum geht es aber auch nicht, und auch nicht um die mehr als 20 Millionen Toten, die der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion verursacht hat. Es geht darum, dass sich zentrale Elemente des »Untergang« gerade auf Putins Seite wiederfinden. Es geht darum, was das über den Lauf der Dinge sagt. Über, eben, Putins Untergang.

Da ist zum einen die Angst der Mächtigen vor dem Allermächtigsten. Selbst der Chef des Geheimdiensts zitterte seine Antworten heraus, als Putin ihn zu Beginn des Kriegs nach den Plänen für die besetzten Gebiete fragte, die jetzt – anders als damals dargestellt – doch annektiert werden. Des Weiteren hieß es schon früh, die Militärs führten zwei Statistiken über die russischen Verluste: eine echte und eine für die Unterrichtung Putins, der nicht gereizt werden solle. Wer da nicht an den »Untergang«, die schweigenden Generäle und Bruno Ganz’ Tobsuchtssanfälle denkt, der hat den Film nicht gesehen.

Das sind zum Zweiten die Berichte etwa der »New York Times« (NYT), wonach Putin militärische Befehle erteile und sich in die tagesaktuelle Kriegführung einmische. So soll der Präsident befohlen haben, dass die russische Armee sich nicht aus Cherson zurückziehen dürfe, schreibt die NYT. Ohne taktischen Rückzug aber könnten dort demnächst mehr als 20.000 Mann abgeschnitten sein. Noch einmal: Klingelt da nur bei mir ein Glöckchen, wenn der Befehl des Anführers lautet: »Um jeden Preis halten!«?

Vor ein paar Tagen lieferte dann ein schauspielerisch begabter Einpeitscher des Regimes (Nickelbrille, schwarze Handschuhe) eine 1a-Durchhalterede ab. »Goida«, schrie er mehrfach über den Roten Platz, »Goida«. Das soll so viel heißen wie: Heiliger Krieg. Seinerzeit im Sportpalast, Mitte Februar 1943, hieß es »totaler Krieg«.

Das Kanzleramt geht derweil davon aus, dass der Kreis um Putin fast nur noch aus Stiernacken der Sicherheitsdienste besteht. Nach Lage der Dinge hat er mit der von ihnen vorgeschlagenen Teilmobilisierung der Reservisten die allerletzte politische Ausfahrt für sich verpasst. Als Person kann er nie wieder Teil einer russischen oder europäischen oder internationalen Normalität sein, die den Namen verdient. Solange Putin im Amt ist, gibt es kein Lockern der Sanktionen und keinen Frieden. Wer in Russland beides irgendwann will, muss an Putin vorbei. Das nennt man wohl Endspiel.

Und schließlich tritt, geradezu wesensnotwendiger Teil eines »Untergangs«, nun plötzlich die Wunderwaffe hinzu, dieses Mal heißt sie »Sturmvogel« (Burewestnik oder Skyfall) und ist ein atomgetriebener Marschflugkörper. Bislang seien zwar alle Tests missglückt, heißt es.

Allerdings, und da unterscheiden sich die beiden Versionen »Untergang«, hat Wladimir Putin tatsächlich Waffen zur Hand, denen er eine plötzliche Wendung des Kriegsverlaufs zutrauen könnte: sogenannte taktische Atomraketen. Wird er sie im Osten der Ukraine einsetzen, wenn die russische Armee die Gebiete nicht halten kann? Und wie sollten Deutschland, Europa und die USA mit immerhin der Möglichkeit umgehen, dass er es tut?

Wladimir Putin sagt, das alles sei »kein Bluff«, aber Poker ist ein rationales Spiel. Und rational wäre es nicht, »taktische« Atomwaffen einzusetzen: Es ist höchst zweifelhaft, ob man mit solchen Waffen Territorium offensiv erobern kann, denn welche Truppe sollte in diese Gegend danach vorrücken? Und wer von den »Befreiten« würde dort noch leben wollen? Sicher ist hingegen, dass ihr Einsatz Putin geradewegs vors Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bringen dürfte. Oder glaubt irgendjemand, seine (angeblichen) Freunde in China, Indien und der Türkei ließen ihn damit davonkommen? Nicht, wenn Putin die Büchse der Pandora öffnete und einen Atomkrieg führbar machte, der mithin auch gegen sie selbst führbar würde.

Wladimir Putin sei jetzt besonders gefährlich, heißt es trotzdem, er sei wie ein angeschlagener Boxer. Auch der SPIEGEL hat dieses Bild bemüht, allein: Die Erfahrung lehrt, dass angeschlagene Boxer meist schlicht und ergreifend auf der Verliererstraße sind und alsbald k.o. gehen. Man muss nicht viel machen außer im Ring bleiben und warten. Wie Karl Lauterbach auf Twitter schrieb: »Wir sind im Krieg mit Putin und nicht seine Psychotherapeuten.«

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