WM-Sicherheit Auf dem Weg ins trockene Stadion

Sturzbetrunkene inmitten gewaltiger Menschenansammlungen: Der Amoklauf eines alkoholisierten 16-Jährigen in Berlin beunruhigt WM-Sicherheitsexperten. Sie erwägen, den Bier-Ausschank in Stadien einzuschränken. Wie regeln es andere Länder - ein Überblick.

Von Anna Bilger


Hamburg - Eine trockene WM? Das ist keine neue Idee. Denn bei vielen sportlichen Großereignissen und vielen internationalen Fußballspielen gilt schon seit Jahren: In den Stadien gibt es keinen Alkohol. So sind etwa die Spiele in der Champions League und im Uefa Cup komplett alkoholfrei. Und auch bei der Europa-Meisterschaft in Portugal 2004 blieben die Fans im Stadion trocken. Vor den portugiesischen Arenen gab es sogar vereinzelte Kontrollen - wer mehr als 1,2 Promille im Blut hatte, musste draußen bleiben. Ebenfalls alkoholfrei blieben die Getränkestände der Sportplätze bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen.

Und nicht nur bei großen Sportevents, auch im normalen Ligabetrieb ist Alkohol auf vielen europäischen Turnierplätzen tabu. So müssen die spanischen und die französischen Fans auf den Bierdusel im Stadion verzichten. Auch in Polen gibt es nur Softdrinks im Stadion, das regelt ein Gesetz. "Bei Massenversammlungen an öffentlichen Plätzen darf kein Alkohol verkauft und ausgeschenkt werden", sagt Michael Rejniewicz von der polnischen Botschaft in Berlin zu SPIEGEL ONLINE.

Italien, Holland, England, USA: Betrinken erlaubt

In anderen Ländern hingegen darf getrunken werden. Zum Beispiel in England: Hier muss sich jeder Fußballclub für eine Schanklizenz bewerben. Dann entscheiden Club, Gemeinde und Polizei was die Lizenz erlaubt, also welche Art von Alkohol verkauft wird und an welchen Standorten im Stadion.

In Italien gilt: "Schnaps ist verboten, aber Bier wird verkauft", sagt Andrea Fusaro, Koordinator des italienischen Nationalen Olympischen Komitees in Berlin. Allerdings hat Ex-Innenminister Guiseppe Pisanu im vergangenen Jahr schärfere Regeln erlassen. Demnach gilt ein Alkoholverbot für Länderspiele und bei besonders gefährlichen Spielen. So verhängte Pisanu beim Champions-League-Viertelfinale FC Liverpool gegen Juventus Turin im vergangenen Jahr gar ein Alkoholverbot für die ganze Stadt Turin und 13 Vororte.

Zudem trifft in Italien zu, was auch für die holländische Bundesliga gilt: die Polizei am Einsatzort entscheidet je nach Gefahrenlage. Gibt es Anzeichen für gewaltbereite Hooligans, dann können Polizei und Veranstalter das Stadion trockenlegen. 

In den USA ist das Betrinken in den Sportarenen möglich, aber mit Einschränkungen. Grundsätzlich gibt es Alkohol erst ab 21 Jahren und alle unter 30 Jahren müssen ihren Ausweis vorzeigen. Bei den Spielen der National Football League (NFL) und der National Basketball Association (NBA) wird mit Beginn des letzten Viertels kein Alkohol mehr verkauft. Pro Person sind zudem nur zwei alkoholische Getränke auf einmal gestattet. Sind Ausschreitungen zu befürchten, wird auch in den USA ein Alkoholverbot verhängt. Besonders familienfreundlich - alkoholfreie Bereiche. "In manchen Stadien, wie in Detroit beim letzten NFL Super Bowl, gibt es sogenannte family fun zones, wo kein Alkohol erlaubt ist", so Anja Taylor von der Amerikanischen Botschaft in Berlin.

Alkoholfreie Fußball-EM 2008?

Noch ist Alkohol auch in der schweizerischen und österreichischen Fußball-Bundesliga erlaubt - für die Europameisterschaft 2008 in beiden Ländern ist aber ein Verbot in den Stadien geplant. "Das ist schließlich der Standard der Uefa", sagt Erich Weiskircher, Sicherheitsdirektor der EM-Turnierleitung in Wien. In der Schweiz wird momentan sogar ein Ausschankverbot für ganze Städte diskutiert. "Das müsste dann aber politisch entschieden werden", sagt Robert Breitner vom Schweizerischen Fußballverband. Nach den Krawallen beim Meisterschaftsspiel FC Basel und FC Zürich am 13. Mai werde eine solche Lösung von vielen befürwortet.

Mit dem Thema Sicherheit wird sich auch der siebte "Fortschrittsbericht" der Bundesregierung zur Fußball-WM befassen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble stellt ihn an diesem Mittwoch im Kabinett und anschließend bei einer Pressekonferenz in Berlin vor. Bisher heißt es, dass Sicherheitskonzept der WM werde nicht verändert. Alkohol in den WM-Stadien bleibt also erlaubt. Die Fifa-Regelung: pro Person pro Bestellung maximal ein Liter Bier. Im Einzelfall, etwa bei Risikospielen, kann Alkohol aber verboten werden.

"Die Polizei am Austragungsort entscheidet von Fall zu Fall", sagt Peter Spiertz von der "Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen zu SPIEGEL ONLINE. Die ZIS sammelt und wertet Informationen über deutsche und ausländische Hooligans aus. Spiertz sieht für die meisten WM-Spiele in Deutschland bisher keine überhöhte Gefahr durch betrunkene Hooligans. Schließlich kämen stark betrunkene Leute erst gar nicht ins Stadion hinein. "Aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es bei einer solchen Großveranstaltung nicht."



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Seite 1
Umberto, 29.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Auch bei den Übertragungen der Spiele auf Großleinwänden sollten Betrunkene keine alkoholischen Getränke bekommen. Ist das eine sinnvolle Maßnahme? Was müsste Ihrer Meinung noch getan werden? ---Zitatende--- Sinnvoll wäre es IMHO, den noch Nüchternen keinen Alkohol zu geben. Wenn sie erst betrunken sind, ist es wohl zu spät.
Fidel Castr(at)o, 29.05.2006
2.
Sinnvoll wäre es, sich nicht über jeden Schrott den Kopf zu zerbrechen und nicht jedes winzige Detail regulieren zu wollen. Der Amoklauf in Berlin fand meines Erachtens nicht statt, weil der Gute ein Bier übern Durst getrunken hatte, dem liegen andere Probleme zugrunde. Taten wie die z.B. in Berlin kann man nirgends und nie verhindern, wo Menschen in größeren Gruppen aufeinandertreffen, und ich glaub, was die Sicherheit betrifft brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Man kanns auch übertreiben!
Koepe, 29.05.2006
3.
Das ist meiner Meinung nach wieder nur Panik- und Stimmungsmache! Erstens ist die Gefahr relativ gering, dass so etwas passiert. Zweitens muss das Verbot/die Einschränkung von Alkoholausschank nicht unbedingt hilfreich sein. Ein angetrunkener, der kein Bier mehr bekommen soll?!? Wie wird der wohl reagieren? Und drittens lassen sich Leute, die so etwas ähnliches wie in Berlin vorhaben sicher nicht davon abhalten, indem man ihnen keinen Alkohol verkauft.
Dino, 29.05.2006
4. 100 % Sicherheit gibt es nicht.
---Zitat von sysop--- Als Konsequenz aus dem Berliner Amoklauf fordern Politiker, während der Fußball-WM den Alkoholausschank einzuschränken. Auch bei den Übertragungen der Spiele auf Großleinwänden sollten Betrunkene keine alkoholischen Getränke bekommen. Ist das eine sinnvolle Maßnahme? Was müsste Ihrer Meinung noch getan werden? ---Zitatende--- Die Damen und Herren kennen die Hintergründe und das Motiv noch nicht, es werden aber schon " Lösungen " formuliert. Der übliche blinde Aktionismus einiger profilneurotischer Poltiker. Frei nach dem Motto : "Wir wissen zwar nicht was wir wollen, aber das mit ganzer Kraft." Ich habe Mitleid mit den Opfern und hoffe auf deren baldige und vollständige Genesung. Der Täter gehört weggesperrt, für immer ! Gruß Dino
Myxim, 29.05.2006
5.
---Zitat von sysop--- .... während der Fußball-WM den Alkoholausschank einzuschränken. Auch bei den Übertragungen der Spiele auf Großleinwänden sollten Betrunkene keine alkoholischen Getränke bekommen. Ist das eine sinnvolle Maßnahme?.... ---Zitatende--- Prinzipiell ist es sicherlich nicht schlecht wenn bereits angetrunkene keinen weiteren Alkohol konsumieren können, jedoch ist dies an sich nicht im Interesse der Gastwirte. Auch ist es sicherlich schwer zu entscheiden wann jemand zuviel hat und wann nicht, da Alkoholkonsum auf jeden anders wirkt. Einen geübten Trinker sieht man nicht an wenn er 1 Promille hat, dem ungeübten sieht man 2 Glas Wein an. Abgesehen von der Schwierigkeit der Ziehung der Grenzlinie wird deshalb aber nicht die Fußball WM sicherer, schickt der eine oder andere halt seine Begleitung zum Tresen und die Gefahr dass jemand wie in Berlin ausrastet sehe ich als weniger groß an. Ein solcher Ausraster ist sicherlich mehr in die Psyche des Täters zu suchen als im Alkoholkonsum. Unsere Politiker wären gut beraten die Dringenden Themen wie Arbeitslosigkeit, Abgabenlast und Missmanagement der Politik zu behandeln statt sich hier aus der zweiten reihe Gehör verschaffen zu wollen. Das sind unsere Probleme und nicht eventuell ausfallene Fans, deren Gefahrenpotential weit geringer ist als die Gefahr durch Terrorismus und Vandalismus im Umfeld der Spiele.
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