Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wo Trump ein Linker ist

Was haben sie auf der Linken bloß gegen Donald Trump? Raus aus der Nato, Annäherung an Russland, nie mehr Weltpolizist: Vieles von dem, was Trump will, wird bei uns seit Langem auf Friedensdemos gefordert.
US-Politiker Trump

US-Politiker Trump

Foto: Elaine Thompson/ AP

Ich habe mir das Programm von Donald Trump angesehen. Man will ja vorbereitet sein auf das, was kommt. Es hieß immer, jemand wie Trump könne nie Präsident des mächtigsten Landes der Welt werden. Aber ich verlasse mich nicht mehr auf die Experten. Dieselben Leute, die einem jetzt versichern, dass Trump keine echte Chance gegen Hillary habe, waren vor Kurzem noch davon überzeugt, dass er spätestens nach der Hälfte der Vorwahlen aus dem Rennen sei.

Es gibt von Trump kein Programm, wie man es von der CDU kennt und wo man Punkt für Punkt nachlesen könnte, was er vorhat, wenn er erst einmal Präsident ist. Trump gehört zu den Menschen, die in großen Linien denken. Aber weil er laufend Reden hält und sich mit Journalisten trifft, um zu erläutern, wie er Amerika wieder nach vorn bringen will, hat man inzwischen einen ganz guten Überblick, wie er so denkt.

Mich hat am meisten interessiert, was Trump zu Europa und dem Rest der Welt zu sagen hat. Wie die meisten Leute gucke ich mir vor Wahlen erst einmal die Aussagen an, die mich selbst betreffen. Das mag man oberflächlich finden, aber wenn es um Politik geht, denke ich lieber pragmatisch.

Einer der wenigen Politiker, die er respektiert, ist Putin

Trump hat von Europa keine gute Meinung, muss man leider sagen. Ganz oben auf der Liste der Nationen, die er nicht mag, stehen die Mexikaner. Mexikaner sind für ihn das, was die Griechen für die AfD sind: Leute, denen man nicht über den Weg trauen kann. Aber gleich danach kommen schon wir. Uns Europäer hält der Mann aus New York für eine Bande von Trittbrettfahrern, die es sich auf Kosten der USA gemütlich gemacht haben.

Am liebsten würde Trump die Nato einmotten. Trump findet die Nato "überflüssig". Das Einzige, was ihn umstimmen könnte, wäre mehr Geld. "Die Länder, die wir verteidigen, müssen für die Kosten ihrer Verteidigung aufkommen", hat er erklärt. "Tun sie das nicht, müssen die USA dazu bereit sein, die Verteidigung dieser Länder ihnen selbst zu überlassen."

Trump hält auch nicht viel davon, amerikanische Soldaten in fremde Weltgegenden zu entsenden, wenn irgendwo ein Diktator verrückt spielt und man im Westen meint, dass der bedrängten Bevölkerung geholfen werden muss. Er wolle "raus aus dem Business", anderen Staaten die Demokratie beizubringen. Einer der wenigen Politiker, die er respektiert, ist Wladimir Putin. Der russische Präsident sei ein starker Führer, der viel für sein Land tue. Es sei falsch, einander als Feinde zu sehen, das müsse aufhören, meint Trump.

So oder so ähnlich auch bei der Linkspartei

In den Zeitungen steht, was für eine Gefahr für den Weltfrieden ein Wahlsieg des amerikanischen Milliardärs bedeuten würde. Man kann dort jeden Tag lesen, wie engstirnig, rückschrittlich und bigott seine Vorstellungen seien. Ich verstehe die Kritik nicht ganz. Ich habe beim Lesen nämlich eine Entdeckung gemacht: Vieles, was Trump fordert, findet sich so oder so ähnlich auch bei der Linkspartei und ihren publizistischen Bannerträgern.

Jakob Augstein zum Beispiel verlangt seit Langem, dass sich die USA nicht immer als Weltpolizist aufspielen sollte. Schluss mit den völkerrechtswidrigen Interventionen im Nahen Osten und der Dritten Welt! Endlich Frieden mit Russland! Nichts anderes sagt Trump. "Ab einem bestimmten Punkt können wir einfach nicht mehr der Polizist der Welt sein", hat der Kandidat gerade in einem Gespräch mit der "New York Times" gesagt.

Wer Trump genau zuhört, entdeckt vieles, was sich nicht mit dem Image des rechten Reaktionärs verträgt. In der Führung der Republikaner wollte man ihn nie, und der Grund dafür ist nicht, dass er ihnen dort zu radikal ist. Im Parteiestablishment trauen sie ihm nicht über den Weg, weil Trump viele Dinge egal sind, an denen das Herz eines echten Republikaners hängt.

Ein Opportunist - wie jeder gewitzte Geschäftsmann

Trump hat kein Problem mit Mindestlöhnen, er würde eine neue Gesundheitsversicherung einführen, und wenn er darüber redet, wie er amerikanische Arbeitsplätze sichern will, klingt er wie ein typischer Gewerkschaftsboss. TTIP wird es mit ihm nicht geben, darauf kann man sich verlassen. Neulich hat Trump sogar kurz überlegt, ob man nicht die Steuern für ganz Reiche erhöhen müsse. "Was hierzulande oft übersehen oder verkannt wird: Sozialpolitisch ist er ein Linker", hat der ehemalige "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer in einer Kolumne  zu Recht angemerkt.

Tatsächlich ist Trump wie jeder gewitzte Geschäftsmann ein großer Opportunist. Sobald ihm jemand einen Deal bietet, der ihm vorteilhaft erscheint, ist er im Geschäft. Uns Europäer kann das noch teuer zu stehen kommen. Man muss sich Pazifismus leisten können. Solange wir darauf vertrauen konnten, dass die Amerikaner für Ordnung sorgen, wenn es irgendwo brennt, war es einfach, über jeden Waffengang zu schimpfen. Da konnten wir es wie Leute halten, die von Polizisten als "Bullen" reden, bis sie plötzlich selbst Opfer einer Straftat sind.

Einen Vorgeschmack darauf, wie eine Welt aussieht, in der die USA die Polizeiarbeit einstellt und ihre Truppen in der Kaserne lässt, statt sie an den Tatort zu befehlen, haben wir in Libyen und Syrien bekommen. Möglicherweise ist der Tag nicht mehr so fern, an dem wir uns wünschen, der neue Mann im Weißen Haus wäre außenpolitisch kein Linker, sondern ein Rechter.

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