CDU-Politiker Bosbach Merkels Quälgeist tritt ab

Der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach wird nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Einer der prominentesten Kritiker der Kanzlerin verlässt die politische Bühne - ein Verlust.
Wolfgang Bosbach (im September 2015)

Wolfgang Bosbach (im September 2015)

Foto: Jens Wolf/ dpa

Wolfgang Bosbach, 64, hatte immer wieder Andeutungen über seinen Rückzug gemacht. Er spielte damit, setzte dann ein vielsagendes Lächeln auf. "Ich will nicht immer die Kuh sein, die quer im Stall steht", sagte der CDU-Politiker im vergangenen Frühjahr. Jetzt hat er sich endgültig entschieden: Bosbach tritt nicht mehr für den Bundestag an. Am Montagabend informierte er zunächst seinen Kreisverband, dann eine Nachrichtenagentur, der war die Neuigkeit eine Eilmeldung wert.

Für den politischen Betrieb in Berlin ist Bosbachs Abgang ein Verlust. Kaum ein anderer Politiker ist so präsent in den Medien, in den TV-Talkshows dieser Republik ist er Stammgast, für Journalisten (fast immer) erreichbar. Vor allem aber: Er ist in der Unionsfraktion zur bekanntesten Stimme gegen den Kurs der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel geworden. Wenn Bosbach aber seine Stimme hob, tat er das stets ehrlich und pointiert, nie aggressiv und aufgeregt. Das widerspräche seinem rheinischen Naturell - er ist begeisterter Karnevalist.

Der Mann, der gerne Bundesinnenminister geworden wäre, hatte erst im Mai seine Kritik an der Kanzlerin auf sechs Seiten zusammengefasst, gemeinsam mit 14 Mitstreitern vom "Berliner Kreis", einer Runde konservativer und wirtschaftsliberaler CDU- und CSU-Politiker. Es war eine Abrechnung - mit der "Linksdrift" der Union. "Wir haben hohen Respekt vor der Lebensleistung der Kanzlerin", sagte Bosbach, "aber wachsende Zweifel wegen des Kurses."

Ähnlich klingt es auch jetzt. "Die CDU hat in wichtigen Fragen Kurskorrekturen vorgenommen, die ich nicht mehr vertreten kann", begründet er am Dienstag seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur. Ob die Milliardenhilfen für Griechenland in der Eurokrise oder die Flüchtlingspolitik, Bosbach war seit Jahren auf Distanz zu Merkels Positionen gegangen. Die Verschiebung der Union nach links ärgerte ihn, er hielt sie für falsch, lange bevor die rechtspopulistische AfD im Frühjahr 2013 auf die politische Bühne trat.

Angela Merkel und Wolfgang Bosbach (im jahr 2006)

Angela Merkel und Wolfgang Bosbach (im jahr 2006)

Foto: Soeren Stache/ dpa

Die Union hat sich verändert, er nicht, so sieht er das. "Ich vertrete in keinem einzigen Thema eine Auffassung, die nicht einmal auch die Auffassung der CDU war." Dass seine Partei Positionen geändert habe, "muss ich als Demokrat akzeptieren, ich muss das aber nicht mitgehen". Der CDU untreu werden, gar zur AfD wechseln, das wird er nicht. Nein, selbst "mit vier Promille" würde er das nicht tun, zitiert ihn die "Bild"-Zeitung.

Er wäre gerne Minister geworden

Seit 1994 sitzt Bosbach im Bundestag, er war lange Jahre Vorsitzender des Innenausschusses, ein ausgewiesener Experte. Aber auch einer, der mit seiner Meinung aneckte - was in keiner Fraktion wirklich förderlich ist, wenn man irgendwann ein Amt im Kabinett anstrebt. Nach der Wahl 2005 wäre Bosbach "sehr gerne" Innenminister geworden, Merkel entschied sich aber für Wolfgang Schäuble. Bosbach war enttäuscht, dass er aber deswegen später zum Merkel-Kritiker avancierte, davon will er nichts wissen. "Es gibt Wichtigeres, als nicht Minister geworden zu sein", sagte er jüngst.

Unvergessen bleibt, wie ihn vor fünf Jahren Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, heute im Vorstand der Deutschen Bahn, nach einer Sitzung der nordrhein-westfälischen Landesgruppe anblaffte: "Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann Deine Scheiße nicht mehr hören." Anlass war der Streit um den Eurorettungsschirm, das Zitat fand schnell den Weg in den SPIEGEL.

Bosbach haben solche Attacken von Widersachern aus dem Merkel-Lager nur genutzt. Seine Rolle wurde dadurch noch größer, auch wenn seine Positionen in der Fraktion keine Mehrheiten fanden. Doch weil es in der Merkel-CDU kaum noch kritische Geister gibt, wurde Bosbach zum Talkshow-König, Veranstaltungen mit ihm waren und sind bis heute bestens besucht. Zwischenzeitlich holte er im Beliebtheitsranking des ZDF-Politbarometers sogar die Kanzlerin ein .

Flüchtlingspolitik, radikale Islamisten, Eurorettung, das waren und sind seine Themen - aber auch die eigene Krankheit. Der Vater dreier Töchter leidet seit 1994 an einer chronischen Herzschwäche, als die Batterie seines Herzschrittmachers 2010 ausgetauscht werden sollte, wurde bei einer Zufallsdiagnose auch noch Prostatakrebs festgestellt. Er wurde operiert, doch der Krebs blieb.

Bosbach ging mit dem Kampf gegen die unheilbare Krankheit an die Öffentlichkeit, sprach darüber in Interviews. Er reduzierte seine Reisetätigkeit, mutete sich aber weiterhin ein ungeheures Pensum zu. Nicht ohne Folgen: Erst Mitte Juni war er vor rund 300 Gästen auf der Messe für Finanzdienstleister in Hamburg zusammengebrochen.

Neben politischen Gründen sind es also auch persönliche Gründe, die für seinen Rückzug ausschlaggebend sind. Kommende Woche muss er wieder ins Krankenhaus, eine erneute Operation steht an. Sein Mandat will er bis zum Herbst 2017 ausüben, sich vor allem seinen Humor nicht nehmen lassen. Auf die Frage, was er denn nach der Politik mache, sagte er am Dienstag: "SPIEGEL ONLINE lesen."

Zusammengefasst: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach ist einer der schärfsten Kritiker der Eurorettungs- und Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Nun hat der 64-Jährige angekündigt, 2017 nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren. In wichtigen Fragen könne er seine Partei nicht mehr mit der Überzeugung vertreten, wie er es gerne tun würde, sagt er.

Bosbach zu Gast in ausgewählten ARD/ZDF-Talkshows seit 2014