Kubicki bei "Anne Will" "Wenn man Angst hat, soll man zu Hause bleiben"

Die Maßnahmen werden lockerer, die Ansteckungsrate steigt: Kann Deutschland so das Corona-Risiko beherrschen? Bei "Anne Will" gaben sich zwei Politiker als Zahlen-Skeptiker - einer provozierte.
Ist Corona beherrschbar? Wolfgang Kubicki setzt auf Eigenverantwortung

Ist Corona beherrschbar? Wolfgang Kubicki setzt auf Eigenverantwortung

Foto: Jürgen Heinrich/ imago images/Jürgen Heinrich

Deutschland sucht in der Coronakrise sein Gleichgewicht zwischen Lockerungen und Vorsicht. In verschiedenen Bundesländern ist ab heute wieder mehr erlaubt: Geschäfte, Restaurants und Sportanlagen dürfen teilweise unter Einhaltung von Auflagen öffnen. Gleichzeitig meldet das Robert Koch-Institut eine steigende Reproduktionszahl des Virus, und fünf Städte und Landkreise überschritten die von Bund und Ländern vereinbarte Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern.

"Ist das Coronavirus so noch beherrschbar?": Dazu diskutierten am Sonntagabend bei "Anne Will" unter anderem die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), und Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki. Der FDP-Politiker zeigte sich von den Ansteckungszahlen unbeeindruckt - und machte keinen Hehl aus der eigenen Unwissenheit. "Ich weiß nicht, was ich mit der R-Zahl von 1,1 oder 1,13 anfangen soll", sagte der Bundestags-Vize. Er sei sich nicht sicher, ob die zugrundeliegenden Daten plausibel seien.

Gleichzeitig forderte Kubicki mehr Eigenverantwortung: Entscheidend sei, dass die Menschen für sich selbst sorgten, für ihre Sicherheit und Gesundheit. "Wir müssen die Eigenverantwortung wieder mehr in den Fokus nehmen", so der FDP-Politiker.

Zudem griff der Jurist die vermeintlichen "massiven Grundrechtseinschränkungen" auf, gegen die am Wochenende Tausende bei Demonstrationen protestierten. "Nur weil es in einem Altenheim in Rosenheim einen Ausbruch gibt, muss ich doch nicht jedes Restaurant in Schleswig-Holstein schließen", so Kubicki. Und: "Wenn man Angst hat, soll man zu Hause bleiben."

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Kubicki provozierte mit seiner Äußerung deutliche Kritik. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer etwa schrieb im Anschluss an die Sendung bei Twitter: "Aha, also Nicht-Wissen als Grundlage für eine Forderung nach Lockerungen".

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Der Umgang mit Besuchsrechten in Altenheimen wurde zeitweise zum zentralen Thema der Sendung - mit großen Unterschieden im Ansatz. Kubicki sagte: "Wenn jemand Sorge hat, dass im Altenheim etwas passiert, soll er einfach schlicht und ergreifend seine Angehörigen nicht besuchen, oder umgekehrt." Auch ein anderer Bereich trieb ihn um: "Ich glaube auch, dass es zur Nervenberuhigung von vielen, vielen Menschen beitragen wird, wenn sie wenigstens im Fernsehen Samstagnachmittag wieder Fußballspiele sehen können. Mich nerven die Konserven der letzten Fußball-Weltmeisterschaften auch schon ganz mächtig."

Dreyer verteidigt Lockerungskurs

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer verteidigte den föderalen Kurs der Bundesregierung, die in der vergangenen Woche die Verantwortung für weitere Lockerungen an die Länder abgab. Dreyer ließ sich dabei auch nicht von der steigenden Reproduktionszahl verunsichern, die laut Robert Koch-Institut zwischen Mittwoch und Sonntag von 0,65 auf 1,13 anstieg. Demnach steckt ein Infizierter nun im Schnitt 1,13 andere Menschen an.

"Ich zucke am Wochenende nicht, wenn Zahlen veröffentlicht werden. Die Zahlen am Wochenende stimmen meistens nicht. Ich verlasse mich auf die Zahlen in unserem Bundesland, und die sind niedrig", sagte Dreyer.

Auch von flächendeckenden Tests hält sie offenbar nichts: "Wir haben so niedrige Fallzahlen. Bei den Tests sind wir quasi bei null. Wir brauchen eine andere Strategie." Die Ministerpräsidentin fordert, dass nur bei positiven Infektionsfällen das Umfeld getestet werden solle. "Wenn im ganzen Landkreis kein einziger Fall auftaucht, dann muss man auch nicht alle testen. Wir müssen uns fokussieren." Stattdessen verwies sie auf gemeinsame Verantwortung, Umsicht, Kontrolle und "extreme Hygienestandards".

"Ganz, ganz harte Situationen"

Dreyer verwies auf die Notwendigkeit von Hygienekonzepten und berichtete vom ersten Besuch dort bei ihrer Mutter. Die eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten schüfen eine "ganz, ganz harte Situationen", sagte die Ministerpräsidentin. "Deshalb müssen wir auch alles daran setzen, dass wirklich Besuch möglich ist, wenn auch eingeschränkt, aber dann doch regelmäßig", um die Isolation der alten Menschen aufzubrechen.

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Der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, forderte, Besuche sollten nicht von den finanziellen Möglichkeiten abhängen. Man müsse dafür sorgen, "dass Menschen, egal welches Einkommen sie haben, ihre Angehörigen in den Altenheimen werden besuchen können und das keine Frage des Geldbeutels ist" - etwa, weil man sich notwendige Tests nicht leisten könnte, sagte Dabrock.

Zu den Demonstrationen am Wochenende und den vereinzelten irreführenden Äußerungen wie von TV-Koch Attila Hildmann  sagte Dabrock: "Wir müssen ganz offensiv darüber nachdenken, wie wir da rangehen, wenn so ein krudes Gebräu das Potenzial hat, die Extreme zusammenzuführen." Durch Äußerungen und Ereignisse wie diese habe sich seine Haltung zur Eigenverantwortungsstrategie gewandelt. Man müsse dafür sorgen, dass die Bürger für solche irreführenden Behauptungen nicht so empfänglich seien. 

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Wissenschaftlerin sieht Lockerungen kritisch

Die zugeschaltete Physikerin Viola Priesemann, Forscherin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, setzte der Zahlenskepsis der Politiker entgegen, dass die steigende Reproduktionszahl des Virus eine direkte Folge der ersten Lockerungen vom 19. und 20. April sei. "Die Lockerungen jetzt werden diesen Wert gegebenenfalls noch mal erhöhen. Und dann muss man sich sehr genau überlegen, was man damit macht", so die Wissenschaftlerin. Sie forderte eine langfristige Strategie für mehr Sicherheit in der Wirtschaft und bei den Bürgern.

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Priesemann zufolge wäre eine längere Aufrechterhaltung der Corona-Maßnahmen von Vorteil gewesen. Ein "ganz, ganz wichtiges Werkzeug" im Kampf gegen die Ausbreitung sei die Kontaktnachverfolgung. Diese sei aber deutlich einfacher bei niedrigen Ansteckungswerten. Dann könnten Infektionsherde effizienter und mit weniger Tests erkannt und weitere Ausbreitungen verhindert werden. Sie sagte, der Kampf gegen das Virus sei eher eine Sache "von Jahren als von Monaten".

Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdiensts, verwies auf die angespannte Situation dort. "Wir haben viel zu wenig Personal in den Gesundheitsämtern", hinzu komme, dass dieses Personal unterbezahlt sei und ein Nachwuchsproblem habe. "Das zeigt sich jetzt in der akuten Krise", so die Vorsitzende. Die Pläne, Engpässe in den Ämtern mit zusätzlichen Stellen zu unterstützen, begrüßte sie - forderte allerdings eine dauerhafte Aufstockung der Kapazitäten.

ire
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