»Vielleicht noch zu früh« Schäuble will Merkel nicht mit großen deutschen Kanzlern vergleichen

Adenauer, Brandt, Kohl: Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sieht Ex-Kanzlerin Merkel offenbar noch nicht in einer Reihe mit ihren Amtsvorgängern. Im Umgang mit Russland gesteht er Fehler ein.
Der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit Kanzlerin Merkel im Bundestag (Foto vom 28. Juni 2016)

Der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit Kanzlerin Merkel im Bundestag (Foto vom 28. Juni 2016)

Foto: Fabrizio Bensch/ REUTERS

Der ehemalige Bundestagspräsident und frühere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gilt als Urgestein in der deutschen Politik. Während der internationalen Schuldenkrise stand er lange selbst im Rampenlicht – und wird im Ausland wohl vor allem als harter Sparmeister in Erinnerung bleiben. Darauf, wo seine frühere Regierungschefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, unter den deutschen Kanzlern einzuordnen ist, will Schäuble sich jedoch noch nicht festlegen.

Im Interview mit dem »Handelsblatt « nahm Schäuble Merkel auf Nachfrage nicht in seine Aufzählung der »großen Kanzler auf« – im Gegensatz zu ihren Vorgängern Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl. »Ob Frau Merkel unter den großen Kanzlern einzuordnen sein wird, das ist vielleicht noch zu früh, um das abschließend zu beurteilen«, sagte Schäuble. Der CDU-Politiker nannte es zudem »bemerkenswert«, dass Merkel auch jetzt in Bezug auf Russland nicht sagen könne, dass die Partei Fehler gemacht habe.

Schäuble selbst macht sich für die Naivität im Umgang mit Russland inzwischen offenbar Vorwürfe. »Ich bin so wütend auf uns«, sagte der 80-Jährige: »Wir wollten es nicht sehen.« Er habe als Innenminister einst etwa mit seinem russischen Amtskollegen über den Kampf gegen den islamistischen Terror gesprochen. »Ich hätte mal gucken können, was Russland in Tschetschenien treibt«, so Schäuble.

Auch Warnungen etwa des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczyński seien nicht ernst genommen worden. Dieser habe gemahnt: »Erst kommt Georgien, dann die Ukraine, dann Moldawien, dann die baltischen Staaten und dann Polen. Er hat recht behalten.« Zugleich betonte Schäuble, die deutsche Abhängigkeit vom russischen Gas sei nicht nur auf die damalige Regierung zurückzuführen: »Nicht nur Merkel wollte das billige Gas aus Russland. Die Wirtschaft, die Bürger, alle haben es gerne genommen.«

Seinen umstrittenen Vorschlag, die Bürgerinnen und Bürger sollten sich angesichts der Energiekrise »vielleicht noch einen zweiten Pullover« anziehen, verteidigte Schäuble derweil – auch wenn sich die Menschen angesichts derartiger Empfehlungen Populisten zuwenden könnten.

Es sei falsch, den Menschen zu viel zu versprechen. »Demokratie ist eine Zumutung und kein Schnäppchen. Wir sollten den Menschen mehr zumuten.« Und: »Was ist schlimm daran, notfalls einen Pullover anzuziehen?«

fek
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