"Wollt ihr den totalen Krieg?" Geißler verteidigt Verwendung von Goebbels-Zitat

Mit einem heiklen Zitat hat Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler die Streitenden beim Bahn-Projekt zur Ordnung gerufen: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Jetzt verteidigt er die Verwendung des Ausspruchs von NS-Minister Goebbels. In Stuttgart herrsche ein "verbaler Krieg".

S-21-Schlichter Heiner Geißler: "Und läuft das jetzt live über den Sender?"
DPA

S-21-Schlichter Heiner Geißler: "Und läuft das jetzt live über den Sender?"


Köln/Stuttgart - Mitten in einer hitzigen Debatte herrschte Heiner Geißler die Konfliktparteien um Stuttgart 21 vergangenen Freitag an: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Es war ein Zitat der berüchtigten Rede von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, der diese Worte seinem Publikum im Jahr 1943 bei der Sportpalastrede entgegenschleuderte.

Die Verwendung dieses Zitats aus dem "Dritten Reich" ist heikel. Wörtlich sagte Stuttgart-21-Schlichter Geißler: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr den totalen Sieg? Das kann man auch machen. Also wollt ihr die totale Konfrontation?" Den Vorwurf, er habe damit den Jargon der Nationalsozialisten verharmlost, will Geißler trotz Kritik nicht gelten lassen. Am Dienstag verteidigte er sich im Deutschlandfunk.

Er habe die Absicht gehabt, "mal klarzumachen, was los ist". In Stuttgart finde ein "verbaler Krieg" statt. Seine Kritiker sollten die prekäre Lage in der Stadt zur Kenntnis nehmen. Dort drohe schon seit geraumer Zeit "totaler Krieg". "Es hat über hundert Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung", sagte Geißler mit Blick auf die schweren Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei am 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten.

Es handele sich um eine heftige Auseinandersetzung, die die Stadt spalte, und er habe zu einer friedlichen Lösung aufrufen wollen: "Man kann doch nicht dauernd in Entweder-Oder-Kategorien denken, sondern es gibt auch das Denken Sowohl-Als-Auch."

Die Kritik an der Verwendung des Goebbels-Zitats konnte Geißler nicht nachvollziehen. Im Lauf des Interviews zeigte sich Geißler zunehmend empört über die kritischen Fragen - und über Journalisten. "Und läuft das jetzt live über den Sender?", fragte er den Interviewer. "Wenn die Leute sich wegen etwas Unsinnigem empören, kann ich sie nicht daran hindern." Die Sprechweise der Nationalsozialisten habe er nicht verwendet. "Der totale Krieg, den gibt es auch anderswo, den haben wir zurzeit in Syrien."

"Denkblockade der FDP"

Zuvor ging es noch um die Sache. Die Konfliktparteien bei Stuttgart 21 forderte Geißler erneut auf, über seinen Kompromissvorschlag mit einer Kombilösung aus Kopf- und Tiefbahnhof nachzudenken. Dieser Plan sieht vor, dass der geplante Tiefbahnhof für den Fernverkehr auf vier statt acht Gleise beschränkt werden könnte, und der bestehende Kopfbahnhof verkleinert für den Regionalverkehr erhalten bleiben soll.

Dieser Vorschlag wird Geißler zufolge derzeit von der Bundesregierung, der Bahn AG und der baden-württembergischen Landesregierung überprüft. Einzig die FDP in Baden-Württemberg habe eine "Denkblockade und kommt aus ihren eingefahren Gleisen nicht heraus", sagte Geißler.

Der Stuttgarter FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke hatte Geißler laut einem Bericht der "Stuttgarter Nachrichten" vorgeworfen, er wolle "sich selbst profilieren, um der Jopi Heesters des Politikbetriebs zu werden und mit 100 noch in Talkshows zu sitzen". Die Stadt Stuttgart und die FDP halten an der Tieferlegung des Bahnhofs auch deshalb fest, weil durch die rund zehn Kilometer langen Tunnelbauten zahlreiche Hektar Gleisflächen für den Städtebau frei werden.

Die Bahn will bis 2019 für derzeit bis zu 4,5 Milliarden Euro den 16-gleisigen Stuttgarter Kopfbahnhof in einen achtgleisigen unterirdischen Durchgangsbahnhof mit kilometerlangen Tunnelanfahrten umbauen. Dagegen protestieren seit mehr als einem Jahr immer wieder Tausende Bürger in Stuttgart.

BUND scheitert mit Eilantrag gegen S21

Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat entschieden, dass die Deutsche Bahn den Bau von Stuttgart 21 fortsetzen darf. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) scheiterte mit einem Eilantrag auf einen vorläufigen Baustopp für den unterirdischen Durchgangsbahnhof. Es gebe keinen Anlass, der Bahn den Weiterbau zu untersagen, weil sie mehr Grundwasser entnehmen wolle als in den Planfeststellungsbeschlüssen zugelassen, entschied das Gericht in einem am Dienstag bekanntgegebenen Beschluss. Die Planfeststellungsbeschlüsse seien auch weiterhin wirksam. Der Gerichtsbeschluss ist unanfechtbar.

Der Eilantrag der Umweltschutzorganisation hatte sich gegen das Eisenbahn-Bundesamt gerichtet. Die Behörde sollte der Bahn alle weiteren Baumaßnahmen bei Stuttgart 21 mit sofortiger Wirkung untersagen. Hintergrund war die Wiederaufnahme der Bauarbeiten durch die Deutsche Bahn, ohne eine Änderung der Baugenehmigung am Grundwassermanagement abzuwarten.

kgp/dpa/AFP

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Seite 1
malte71, 02.08.2011
1. titel
Zitat von sysop"Wollt ihr den totalen Krieg?": Mit einem heiklen Zitat hat Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler die Streitenden beim Bahn-Projekt zur Ordnung gerufen. Jetzt verteidigt er die Verwendung des Ausspruchs von NS-Minister Goebbels. In Stuttgart herrsche ein "verbaler Krieg". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777958,00.html
Es dürfte ja klar sein, was Geissler damit sagen wollte. Geissler hätte aber auch klar sein müssen, was so ein Satz in D nach sich zieht. Nun streiten sich alle um einen Satz des Schlichters, anstatt sich mit dem Thema zu befassen. Schade. Das Interview mit Geissler dazu heute morgen im DLF zeigte das: Der Moderator befragte Geissler die halbe Zeit zu "Nazi-Verharmlosung", Geissler verstand überhaupt nicht, was das sollte. Erkenntnisgewinn = Null.
DrlabUV, 02.08.2011
2. Heikles Zitat?
Lächerlich.
Bedie 02.08.2011
3. totaler Krieg
selbstverständlich ist dieser Ausspruch von Heiner Geißler wieder ein gefundenes Fressen für die Medien. Nun, ich denke, die meisten Menschen verstanden richtig, was Herr Geißler ausdrücken wollte und worum es ihm ging. Die Frage an die Gegner von S21 und die Befürworter sollte wachrütteln. Ich habe Bedenken. Bedenken dahingehend, was noch alles passieren muss, um Vernunft einkehren zu lassen. Es handelt sich um einen Bahnhof. Ein Projekt in die Zukunft. Die Kostenstellen sind bereits besetzt, d.h. es steht fest, wer zahlt. Entgegen anders lautender Aussagen, ist die Finanzierung des Projektes schon lange klar. Diejenigen, welche mit der Finanzierungsfrage Handel treiben, lügen entweder, oder sie haben sich nicht kundig gemacht. Ich würde mal sagen: Butter bei die Fische. Kümmern wir uns doch um Themen, welche es wirklich wert sind. Wert sind, auch dafür auf die Straße zu gehen,und bei deren Verhinderung wirklich Schaden von uns gewendet wird. Die Resourcen sollten nicht wegen eines Bahnhofes verschleudert werden.
edgarzander 02.08.2011
4. Sommerloch
Zitat von sysop"Wollt ihr den totalen Krieg?": Mit einem heiklen Zitat hat Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler die Streitenden beim Bahn-Projekt zur Ordnung gerufen. Jetzt verteidigt er die Verwendung des Ausspruchs von NS-Minister Goebbels. In Stuttgart herrsche ein "verbaler Krieg". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777958,00.html
Hiermit erkläre ich das diesjährige Sommerloch für eröffnet.
Herzkasper, 02.08.2011
5. Ironie der Geschichte
Zitat von sysop"Wollt ihr den totalen Krieg?": Mit einem heiklen Zitat hat Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler die Streitenden beim Bahn-Projekt zur Ordnung gerufen. Jetzt verteidigt er die Verwendung des Ausspruchs von NS-Minister Goebbels. In Stuttgart herrsche ein "verbaler Krieg". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777958,00.html
Ist es nicht ironisch, daß gerade Herr Geisler Göbbels zitiert. Hat Willi Brandt ihn nicht schon mit Göbbels verglichen, wärend der Elefantenrunde ende der 80er Jahre.
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