Sabine Rennefanz

Ukrainischer Präsident Selenskyj Ein Mann ruft um Hilfe

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Der Westen hat einen Helden gefunden: Die Verehrung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist unheimlich. Sie verkitscht die Not dieses Mannes und seines Volkes.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj

Foto: Ukrainian Presidential Press Office / dpa

Die Welt, die sich die westliche nennt, hat einen neuen Helden gefunden: Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine. Im »New Yorker« vergleicht ihn der Chefredakteur, David Remnick, mit Winston Churchill, dem britischen Kriegsherrn. Die polnische Ausgabe von »Newsweek« nennt ihn die »Leitfigur des freien Westens«.

In der »New York Times« schreibt die feministische Autorin Maureen Dowd, dass Selenskyj alles dafür tue, damit der Eiserne Vorhang nicht wieder fällt. Es klingt, als sei Selenskyj eine geradezu mythische Figur, wie Atlas aus der griechischen Sage, der den Himmel auf seinen Schultern trägt. Wenn er loslässt, bricht die Welt zusammen. Selenskyj, das muss man klar sagen, hat sich diese Rolle als Held des Westens nicht ausgesucht. Er hat vor dem Einmarsch der Russen wochen-, monatelang um Hilfe gefleht, damals noch nicht als Weltenretter, sondern als Bittsteller. Er tut jetzt, was er in einer katastrophalen Notlage tun kann.

Es liegt etwas Unmoralisches im Beobachten von fremdem Mut und fremdem Risiko, das hat Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch »Zinkjungen« geschrieben. Der Satz fällt mir ein, wenn ich die Reaktionen auf Selenskyj betrachte. Mir ist diese Heldenverehrung unheimlich. Mich erschreckt eher, mit welcher Einmütigkeit und Kritiklosigkeit der ukrainische Präsident gefeiert wird. Das sagt allerdings weniger etwas über den Mann aus, als über den Teil der Welt, der sich als Westen begreift.

Ausgerechnet Männer in Deutschland, dem Land des selbst erklärten Pazifismus, dem Hauptquartier des Postheroischen, scheinen sich angesprochen zu fühlen und sich danach zu sehnen, dass endlich mal einer sagt, wo es langgeht. Männer, die Zivildienst gemacht haben, denken angesichts des Krieges in der Ukraine darüber nach, ob sie mit der Waffe kämpfen würden. Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-Verlags, ist schon unterwegs: »Frankreich, England, Deutschland und Amerika müssen als Allianz der Freiheit Putins mörderisches Treiben mit ihren Truppen und Waffen in Kiew und mit dem modernsten Cyber-War in Moskau beenden«, schrieb er in der »Bild« .

Angespornt vom ukrainischen Präsidenten und seinem Volk forderten auch gleich einige deutsche Politiker die Wehrpflicht, als könnten sie es gar nicht erwarten, die verweichlichte Jugend in die Schützengräben zu schicken.

Bietet Selenskyj womöglich einen Ausweg aus der Krise der Männlichkeit, wie die Publizistin Jagoda Marinic schrieb? Sie teilte einen Tweet mit einem Selfie eines jungen Mannes. Er stamme aus Finnland, schreibt »rsiren« und habe sich der ukrainischen Armee angeschlossen, schreibt er. »Meine Kameraden in den Betten sind Norweger und Amerikaner. Es sind noch Plätze frei.« Es ist nicht zu überprüfen, ob der »rsiren« wirklich existiert. Aber auch anderswo in den sozialen Medien sieht man Teenager, die plötzlich vom Kampf an der Waffe schwärmen.

Viele Männer scheinen sich mit Selenskyj identifizieren zu können. »Alles ist erstaunlich an Selenskyj«, schrieb kürzlich Tobias Rapp im SPIEGEL . Er schwärmte von der Sicherheit, mit der Selenskyj in den vergangenen Tagen die richtigen Worte getroffen habe. Von der »Eleganz« und »Angstfreiheit«, mit der er sich durch das umkämpfte Kiew bewege. Er lobte »die Modernität von Selenskyjs Männerbild«. Elegant? Angstfrei? Es klingt, als ginge es um den neuen James Bond, der gegen den Bösewicht kämpft.

Bietet Selenskyj womöglich einen Ausweg aus der Krise der Männlichkeit?

Was ist an Selenskyj Männerbild modern? Sein Auftreten ist ungewöhnlich, stark, selbstbewusst, vielleicht sogar bewundernswert. Aber modern? Die Werte, für die er steht, wirken auf mich eher archaisch: Ehre, Kampfbereitschaft, Stärke, Nationalismus. Als die Nato die Einrichtung einer Flugverbotszone Anfang der Woche erneut ablehnte, um russische Angriffe abzuwehren, machte Selenskyj seiner Wut Luft und warf dem Westen Schwäche vor: »Menschen werden Ihretwegen sterben, wegen Ihrer Schwäche.«

Ich würde mir nicht anmaßen, das zu verurteilen, ich sehe einen Mann, der verzweifelt um Hilfe ruft. Aber ich wäre eben auch vorsichtig, das aus der Ferne zum Heldentum zu stilisieren oder gar zur »modernen Männlichkeit«. Dadurch wird die Not von Selenskyj romantisiert und verkitscht, und es verdeckt, welchen Anteil der Teil der Welt, die sich der Westen nennt, an seiner Lage hat.

Und war Gewalt nicht noch eben etwas, was als toxische Männlichkeit verurteilt wurde? Der Krieg scheint auch in dem Teil, den man Westen nennt, eher die alten Geschlechterrollen zu reaktivieren. Sollten Männer nicht eben noch Gefühle zeigen, gewaltfrei kommunizieren, auch mal weinen können? Und jetzt wird ein Mann gefeiert, der sagt, er habe keine Angst. Der sagt: »Wenn die Ukraine bei dir ist, fühlst du dich sicher.«

Die problematischen Seiten der Politik Selenskyjs werden ausgeblendet, zum Beispiel der Fakt, dass Männer zwischen 18 und 60 nicht ausreisen dürfen. In der Zeit verteidigt der Präsident das Vorgehen: Die Ukraine habe etwas, was Russland nicht habe, die Menschen, die ihre Freiheit schätzen und bereit sind, dafür zu kämpfen. »Darum wurde dieser Krieg ein Volkskrieg«, sagt er.

Es gibt aber bestimmt auch in der Ukraine Männer, die nicht kämpfen wollen, die keine Waffen tragen wollen? Was ist mit ihnen? Warum gibt es kein Recht darauf, nicht kämpfen, also nicht töten zu müssen? Und was ist mit den Familien, die zerrissen werden?

War Gewalt nicht noch eben etwas, was als toxische Männlichkeit verurteilt wurde?

Es gibt zwei Millionen Flüchtlinge, fast ausschließlich Frauen und Kinder, es könnten Expertenschätzungen zufolge fünf bis zehn Millionen werden. Sie kommen jetzt an in Polen, Deutschland, Rumänien, der Slowakei. Wenn die Frauen ihre Männer, ihre Söhne, die Kinder ihre Väter wiederbekommen, und darin steckt ein großes Wenn, werden sie wahrscheinlich nicht dieselben sein. So viel Leid, so viel Schmerz.

Als Deutsche, die nun in dritter Generation die schweren seelischen und körperlichen Folgen von Krieg und Vertreibung aufarbeiten, die sich von Generation zu Generation weiterreichen, sollte man dafür empfänglich sein und die Not der Ukrainerinnen und Ukrainer nicht zum Heldentum stilisieren.

Aber es ist wahrscheinlich einfacher als zu sagen: Ich fühle mich hilflos, erschüttert und traurig. Insofern wirkt die Heldenstilisierung eher wie eine Selbstberuhigungsdroge.

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