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Wowereits Abgang Gut so

Er hat große Verdienste, aber am Ende wollte ihm fast nichts mehr gelingen. Klaus Wowereit, einst Deutschlands beliebtester Sozialdemokrat, verhedderte sich in der Lokalpolitik. Sein Abgang ist ein Segen für Berlin.

In atemberaubendem Tempo entglitten ihm die Zügel: Seine Pläne für den stillgelegten Flughafen Tempelhof wiesen die Bürger per Volksentscheid zurück. Sein Lebenswerk, der Großflughafen BER, wurde zum Milliardendebakel und Endlosdrama. Und im Roten Rathaus gingen die eigenen Senatoren aufeinander los.

Klaus Wowereit, der alte Leitwolf, hat den Respekt in seinem Rudel verloren. Weil er nicht mehr die Kraft fand, sich durchzusetzen, weil in der Landespolitik ein Machtvakuum herrschte, weil andere versuchten, die Agenda zu bestimmen.

Sein jüngstes Lieblingsprojekt, eine neue Landesbibliothek für 300 Millionen Euro, wurde verspottet. Und dass die Berliner ihrem Bürgermeister die Vorbereitung des Milliardenprojekts Olympische Spiele zutrauen würden, mochten sich selbst die eigenen Leute in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen.

Mögliche Nachfolger lauern seit Langem auf ihre Chance, Wowereit hat sie stets abgeschüttelt mit eiskaltem Lächeln. Als ihn andere schon abgeschrieben hatten, kokettierte er trotzig mit einer weiteren Amtszeit. Den Flughafen wollte Wowereit noch eröffnen, das war seine Exitstrategie. Sie ist gescheitert. Zuletzt verweigerten ihm selbst Bezirkschefs der SPD die Gefolgschaft: Die katastrophalen Umfragewerte des Bürgermeisters rissen die gesamte Landespartei nach unten.

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Klaus Wowereit: Abgang nach über 13 Jahren

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Der Rücktritt von Klaus Wowereit kommt überraschend. Aber er war seit Langem überfällig. Weil er das Dauerdebakel BER nicht in den Griff bekam, weil er die Regierungsfähigkeit seiner Partei verspielte und weil er Berlin nach 13 Jahren im Amt keine Perspektive mehr zu bieten hatte - außer dem eigenen Machterhalt.

Natürlich, das muss auch erwähnt werden, hat ihm die Stadt viel zu verdanken. Doch die großen Erfolge liegen lange zurück: Wowereit hat den milliardenschweren Bankenskandal bewältigt, den Hauptstadt-Filz bekämpft und die Finanzen der fast bankrotten Metropole saniert. Unter seiner Regierung erlebte Berlin einen beispiellosen Aufschwung, zu dem er einiges beigetragen hat.

Vor allem aber: Wowereit verhalf der Stadt zu einem neuen, coolen Image. Er gab den Party-Bürgermeister und war nebenbei auch noch Kultursenator - so überspielte er die vielen wirtschaftlichen Schwächen, die Negativrekorde seiner Metropole, etwa in den Bereichen Bildung oder Integration. "Arm, aber sexy": Sein Motto traf den Zeitgeist und lockte Millionen Besucher aus aller Welt an die Spree. Das einst geteilte Berlin wurde zur internationalen Metropole.

Seine Bühne war größer als Berlin. Der 60-Jährige ist einer der letzten seiner Art, er gehört zu jener Riege von Länderchefs, die Politik mit Mut zum Risiko und manchmal übergroßem Geltungsdrang betrieben und sich so bundesweit einen Namen machten. Anders als jene Technokraten, die heute in vielen Landeshauptstädten regieren.

Klaus Wowereit trat mit einem Paukenschlag an. Als er sich 2001 zu seiner Homosexualität bekannte, hat er mit einem einzigen Satz die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben um Jahre vorangebracht. Dass er nun abtritt, ist gut so. Aber eben auch ein bisschen schade.

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