IS-Propaganda Die Medienmaschinerie des Terrors

Der "Islamische Staat" verbreitet nach dem Axt-Angriff von Würzburg ein Video des Attentäters. Was will er damit erreichen - und wen? Ein Einblick in den Propaganda-Apparat der Terrormiliz.

IS-Kämpfer in Rakka
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IS-Kämpfer in Rakka

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"Ich bin ein Soldat des Kalifats. Ich werde eine Märtyrer-Attacke in Deutschland ausführen. Die Zeit ist gekommen." So beginnt Riaz Khan Ahmadzai, der am Montagabend in der Nähe von Würzburg fünf Menschen verletzte und schließlich von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei getötet wurde, sein Video-Vermächtnis. Zwei Minuten und 20 Sekunden dauert der Handyfilm, der am Tag nach der Tat von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbreitet wurde. Ahmadzai fuchtelt darin mit einem Küchenmesser herum und kündigt an: "So Gott will, werde ich euch mit diesem Messer köpfen."

Die Aufnahmen ähneln in ihrer simplen Machart denen, die nach den Pariser Anschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt verbreitet wurden. Es sind Amateurvideos, denen die Professionalität der sonstigen IS-Inszenierungen abgeht. Nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden handelte es sich sowohl bei der Pariser Zelle aus dem Januar 2015 als auch bei Riaz Khan Ahmadzai um islamistische Attentäter, die sich auf den IS berufen, ohne vorher intensive Kontakte in Strukturen der Terrormiliz gehabt zu haben. Sie sind erst Opfer von Indoktrination und Propaganda, ehe sie selbst zu Tätern werden.

Ahmadzai fordert seine Gesinnungsgenossen im Video auf, es ihm nachzutun und "die Ungläubigen zu bekämpfen". Welche Wirksamkeit dieser Appell entfalten wird, ist unklar. Bei Einzeltätern, die sich schnell radikalisieren und Alltagsgegenstände als Waffen einsetzen, reicht manchmal ein Funke, um die aufgestaute Mischung aus Wut, Verzweiflung und Hass zur Explosion zu bringen.

Bezogen auf den weitaus blutigeren, aber dennoch ähnlich gelagerten Anschlag an der Côte d'Azur, sagte der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, im Interview mit SPIEGEL ONLINE: "Wir sehen, dass in Nizza ein junger Mann genau das gemacht hat, wozu der sogenannte IS seit geraumer Zeit in seiner allgegenwärtigen Propaganda aufruft. Das Risiko ist, dass die islamistische Szene darin ein Vorbild sieht und dass sich ein solcher Vorsatz praktisch umsetzen lässt."

SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Jörg Diehl über das Video des Würzburger Attentäters Riaz Khan Ahmadzai:

Die Propagandakanäle des IS feierten den Anschlag von Würzburg und reklamierten ihn als Tat eines der ihren. Dabei fanden sich in den ersten Einträgen einer einschlägigen IS-Agentur keine Details über Ahmadzai und seine Attacke, referiert wurde nur der Nachrichtenstand deutscher Medien, wenngleich in den Worten der Islamisten: "Bei einer Operation eines afghanischen Bruders bei Würzburg wurden mehrere Deutsche schwer verletzt und der Bruder von den Kreuzzüglern getötet." Der Informationsstand der IS-Propagandisten ist auch ein Beleg für die Annahme der Ermittler, dass Ahmadzai mit seiner Tat keinen Auftrag der Terrormiliz ausgeführt habe.

Breiter Adressatenkreis

Grundsätzlich zielt der IS mit seiner Propaganda auf einen sehr breiten Adressatenkreis. Es gehe darum, den nahen Feind in Syrien und dem Irak einzuschüchtern, die westlichen Gesellschaften und ihre Medien zu verschrecken, IS-Mitglieder und Sympathisanten zu erreichen und sogenannte "Lone Actors", also potentielle Einzeltäter, zu inspirieren, heißt es in einer vertraulichen Analyse der Bundesregierung. Das Papier liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Als Verbreitungskanal spielten "soziale Netzwerke im Internet eine zentrale Rolle". Die Terroristen haben eigene Chat-Gruppen und Kanäle bei diversen Messenger-Diensten eingerichtet, sie sind bei Twitter und Facebook unterwegs, betreiben Internetseiten und bieten eigene Apps an - manche sind sogar darauf ausgerichtet, gezielt Kinder und Jugendliche anzusprechen.

Zudem verlässt sich der IS nicht nur auf die einfach gemachten Handyvideos seiner selbst ernannten "Soldaten". Er produziert auch selbst aufwändige Videos, deren Professionalität in der Herstellung sogar Experten beeindruckt. Radiosendungen gibt es genauso wie ein eigenes Print-Hochglanzmagazin mit dem Titel "Dabiq", das als PDF-Datei vertrieben wird. Im seinem Herrschaftsgebiet verbreitet der IS zudem Zeitungen, Flugblätter und Broschüren. Die Propagandaabteilung des Kalifats arbeitet längst wie ein Multimedia-Unternehmen.

Demonstration der eigenen militärischen Stärke

Die hochprofessionelle Verbreitung seiner Botschaften ist der eine Grund, warum der IS so viele Suchende erreicht. Der andere Grund liegt in der Botschaft selbst: Es gelingt der Terrormiliz, sich als Staat zu präsentieren. Der vertraulichen Analyse zufolge beschäftigt sich die Hälfte der Propagandaprodukte des IS damit, die "utopisch anmutenden Lebensbedingungen im Kalifat" zu verklären.

"IS-Videos zeigen Schulen, die Versorgung von Armen und die Regelung des öffentlichen Lebens durch den IS", heißt es in dem Papier. Dadurch wolle die Miliz den Eindruck entkräften, ausschließlich eine "blutrünstige, barbarische Terrororganisation" zu sein. Wichtig sei zudem, die Demonstration der eigenen militärischen Stärke.

Die Inszenierung von Gewalt spiele in der Propaganda, gemessen an der Gesamtzahl von Veröffentlichungen, aber nur eine geringe Rolle. Sie habe vor allem drei Ziele: Sie soll

  • maximale mediale Aufmerksamkeit erzeugen,
  • die Grauzone zwischen Gut und Böse eliminieren und die Gesellschaft polarisieren,
  • die Opferrolle des IS betonen, indem sie die Gewalt als Reaktion auf erlittenes Unrecht darstellt.

Als besondere Stärke haben die Autoren der Analyse die Glaubwürdigkeit der IS-Propaganda ausgemacht. Sie schaffe es, mit Posterboys wie Ex-Rapper Denis Cuspert "Jugendliche und junge Erwachsene" anzusprechen, "die nach Halt und normativer Orientierung" suchen. Im Unterschied zu al-Qaida richteten sich die Botschaften nicht an eine theologisch gebildete Elite, sondern an ein Massenpublikum.

Es sei wichtig, sagte BKA-Chef Münch SPIEGEL ONLINE, "Anziehungskraft des sogenannten IS nachhaltig zu schwächen, seinen Mythos zu brechen und die Wirksamkeit seiner Propaganda zu reduzieren". Nur wie? Münch spricht von einer "Vielzahl von Maßnahmen", die man der IS-Maschinerie entgegensetzen müsse. Es gehe um "Aufklärung, Präventions- und Deradikalisierungsarbeit, Strafverfolgung und auch um den militärischen Kampf gegen den sogenannten IS in Syrien und dem Irak".

Zudem solle die Zusammenarbeit mit den Providern verstärkt werden. Es müsse für den IS schwieriger werden, "Propaganda im Internet zu verbreiten", so Münch. Eine gewaltige Herausforderung.

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