Wulff-Auftritt in Berlin Der Aussitz-Präsident

Ausweichen, Abwiegeln, Abwarten: Teflon-Präsident Wulff will durchhalten bis zum Ende seiner Amtszeit - das unterstrich er bei einem Auftritt in Berlin. Dabei ist die Affäre längst nicht ausgestanden. Die SPD in Niedersachsen will ihn verklagen, der SPIEGEL enthüllt neue Vorwürfe gegen Ex-Sprecher Glaeseker.

dapd

Von


Berlin - Vor sechs Monaten hat das Wochenblatt "Die Zeit" den Bundespräsidenten für einen Auftritt angefragt. Nun ist er tatsächlich gekommen, mitten in der schwersten Krise, in die das Amt unter Wulffs Ägide in den vergangenen eineinhalb Monaten geraten ist. "Es wird kein einfaches Gespräch, auch nicht für mich", sagt Mitherausgeber Josef Joffe. Und auch das muss der Journalist festhalten: Er fürchte, alle enttäuschen zu müssen, die gekommen seien, um "ein zweites öffentliches Verhör zu erleben".

Anfang Januar war Christian Wulff in einer gemeinsamen Sendung von ARD und ZDF, einen halben Kilometer entfernt in einem TV-Studio. Es ging um seinen umstrittenen Hauskredit, seinen Mailboxanruf beim "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und weitere Details. Nun ist er hier, auf der Bühne des Berliner Ensembles, eines der bekanntesten Theater der Republik. Eigentlich soll es um das Thema "Typisch Deutsch?" gehen. Doch das ist, wie bei so vielen Auftritten Wulffs in letzter Zeit, fast Nebensache.

Dabei schien die Krise ausgestanden. Bis in der vergangenen Woche die Staatsanwaltschaft die Wohnungen seines Ex-Sprechers Olaf Glaeseker im niedersächsisches Wunstorf und in Berlin durchsuchen ließ, auch die Geschäfts- und Privaträume des Eventmanagers Manfred Schmidt in der Schweiz und in der deutschen Hauptstadt. Es geht im Falle Glaesekers um Vorwürfe wie Bestechung. Mit den neuen Berichten auch im SPIEGEL werden wieder Fragen an Wulff selbst laut: wie viel er gewusst habe, etwa vom mutmaßlichen Anwerben privater Sponsoren durch seinen damaligen Sprecher aus der Staatskanzlei in Hannover heraus?

Die SPD in Niedersachsen droht mit Klage

Zu beobachten ist in Berlin ein Präsident, der zwar im Amt ist, aber dem die Würde des Amtes abhandengekommen ist. Wie anders ist es zu verstehen, dass im Vorprogramm, während Wulff noch in der ersten Reihe sitzt, der "Zeit"-Geschäftsführer auf der Bühne steht und in einem auswendig gelernten Monolog frühere, böse Zitate der Medien ("Warmduscher") zitiert? Einer Frau im Publikum ist so viel Respektlosigkeit zu viel, sie ruft dazwischen: "Das ist ja unerträglich!"

An diesem Tag ist Wulffs Name einmal mehr groß in den Medien. Der Grünen-Fraktionschef im Landtag von Hannover, Stefan Wenzel, nennt ihn im Deutschlandfunk einen "Lügner", der SPD-Fraktionschef in Niedersachsen, Stefan Schostok, kündigt an, ihn wegen Täuschung des Parlaments vor dem dortigen Staatsgerichtshof zu verklagen. Es geht um Berichte, nach denen Gäste der Lobbyveranstaltung "Nord-Süd-Dialog" von Manfred Schmidt Kochbücher als Abschiedsgeschenk erhielten, die das niedersächsische Landwirtschaftsministerium mit 3411 Euro mitfinanziert haben soll.

Wulff ist im Berliner Ensemble äußerlich gefasst, freundlich, nie laut. Gäbe es einen Darstellerpreis für Bundespräsidenten, die unter Druck stehen, dann könnte er sich einen abholen. Nein, bekennt er, konfrontiert mit den neuesten Berichten, das sei "keine einfache Situation, auch nicht für mich". Es gebe "bislang" keine Vorwürfe gegen ihn, im Übrigen gelte auch für Herrn Glaeseker "die Unschuldsvermutung". Weil Joffe irgendetwas dazwischenbrummelt, was skeptisch klingt, ruft aus dem Publikum eine Frau: "Unschuldsvermutung ist doch was Gutes!" Da lächelt Wulff, dankbar für so viel aufmunternden Zuspruch.

Der Meister des Ausweichens

"Vertrauen zurückzugewinnen", das will Wulff. Es ist sein Standardsatz der vergangenen zwei, drei Wochen. Man lebe ja nicht mehr im Mittelalter, sagt er. "Was heißt das?", fragt Joffe. "Da", antwortet Wulff, "wäre man wahrscheinlich schon auf dem Scheiterhaufen verbrannt."

Überhaupt Geschichte: Mit der Lage des Preußenherrschers Friedrich dem Großen, der gesagt hatte, eine Krone sei eigentlich ein Hut, in den es hineinregne, will sich das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik nicht vergleichen lassen: "So schwierig wie Friedrich der Große habe ich es selbst in den letzten Wochen nicht gehabt."

Nein, Wulff erweist er sich als Meister des freundlichen Ausweichens, ein regelrechter Teflon-Präsident. Was bleibt ihm auch anderes? Wulff hat sich zum Bleiben entschlossen, er muss das durchstehen, irgendwie. Es gebe "Irritationen", die "müssen auf- und abgeräumt werden", sagt er, er lobt sogar das "differenzierte Bild" in den Medien, er sei "weit davon entfernt, da am Ende mit einem gestörten Verhältnis zu den Medien herauszugehen". Die drohende SPD-Klage aus Niedersachsen nennt er "einen ernsthaften Vorgang, der vermutlich zu Recht vor dem Staatsgerichtshof zu klären ist". Den "Lügner"-Vorwurf des Grünen lässt er abperlen. Ein Bundespräsident, sagt er, müsse "in jedem Fall abwägen, wo er sich mit wem wiedersehen will".

Hoffen auf den Bürger

Warum er nicht eine Rede halte und dann nach einem "Ihr könnt mich mal" einfach gehe, fragt ihn Joffe? "Ich find's total banal", sagt Wulff, erinnert an seine Zeiten vom Schülersprecher über die Junge Union, Fraktionschef, Ministerpräsidenten bis heute, ins höchste Amt: "Ich stelle mich der Situation." Es gehe, fügt er in einem verrutschten Satz hinzu, "um einen Fortschritt in ihrer eigenen Biografie".

Das soll wohl heißen: Wulff will diese größte Krise in seinem politischen Leben überstehen. Er wolle am Ende seiner Amtszeit, nach "fünf Jahren", bewertet werden. Man solle "Maß und Mitte", das "Ganze nicht vergessen" und nicht "nur einen Puzzlestein sehen". Er spricht von kommenden Aufgaben, dem ersten Auftritt eines Bundespräsidenten am Tag der Befreiung der Niederlande von deutscher Besatzung, am 5. Mai 2012. Auch über die Finanz- und Wirtschaftskrise, über deutsche Eigenschaften. Es ist der Versuch, wieder in die Bundespräsidenten-Routine zurückzufinden.

Was er anders machen würde? "Bestimmte Anrufe nicht tätigen", sagt er, "dass man bestimmte Dinge offenlegt". Dafür gibt es wohlwollende Lacher im Publikum. Überhaupt der Bürger. Er habe "sehr, sehr viel Zuspruch bis zum heutigen Tage", sonst würde er nicht so in sich ruhen und die Aufgabe weitermachen. Die Menschen, sagt Wulff, machten sich ihr eigenes Bild - "man sollte die Bürger nie unterschätzen". Es klingt wie eine Beschwörungsformel.

insgesamt 441 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
victoreidelstedt 22.01.2012
1. Pattex klebt alles
Zitat von sysopAusweichen, Abwiegeln, Abwarten: Teflon-Präsident Wulff will Durchhalten bis zum Ende seiner Amtszeit - das unterstrich er bei einem Auftritt in Berlin. Dabei ist die Affäre langst nicht ausgestanden. Die SPD Niedersachsen will ihn verklagen, der SPIEGEL enthüllt neue Vorwürfe gegen Ex-Sprecher Glaeseker. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810642,00.html
Pattex klebt alles. Wulff klebt besser.
Loewe_78 22.01.2012
2. Wulff handelt nach Parteitradition.
Zitat von sysopAusweichen, Abwiegeln, Abwarten: Teflon-Präsident Wulff will Durchhalten bis zum Ende seiner Amtszeit - das unterstrich er bei einem Auftritt in Berlin. Dabei ist die Affäre langst nicht ausgestanden. Die SPD Niedersachsen will ihn verklagen, der SPIEGEL enthüllt neue Vorwürfe gegen Ex-Sprecher Glaeseker. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810642,00.html
Er sauerlandet vor sich hin - wo er doch das parteitypische Verhalten des OB von Duisburg nach seinen Concordiagleichen Fehlentscheidungen im Rahmen der Loveparade 2010 pflichtschuldigst gerügt hat.
tarson 22.01.2012
3. Bundespräsidentenamt abschaffen
Bundespräsidentenamt abschaffen!!! Diese Funktion ist überholt. Wenn man dieses Amt abschafft, dann brauchen wir auch nicht mehr jahrzehntelang seine Apanage zu zahleln
hanspetersen 22.01.2012
4. Der Aussitzer Wulff
Mit den Bürgern sollte Wulff nicht mehr rechnen. Herr Wulff muss zurücktreten. Wir haben die Nase voll. Herr Wulff es reicht.
hyho 22.01.2012
5. quousque tandem ...
jetzt reicht's aber wirklich, aber von joffe hab ich mir nicht viel anderes erwartet, es war zum k....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.