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Buchautor Christian Wulff: Über die "öffentliche Demütigung"

Foto: Peter Steffen/ picture alliance / dpa

Buch des Ex-Bundespräsidenten Herr Wulff beginnt sein neues Leben

Es soll eine Abrechnung werden, aber auch eine Selbstkritik: Christian Wulff ist unter die Autoren gegangen. In "Ganz oben, Ganz unten" will er seine Sicht des Debakels in Schloss Bellevue darlegen. Der Verlag gibt sich vorab geheimnisvoll.

Berlin - Christian Wulff ist tief gestürzt. So tief wie nur wenige Bundespolitiker vor ihm. Er ist seit über zwei Jahren der jüngste Ex-Bundespräsident, ausgestattet wie alle seine Amtsvorgänger mit einem lebenslangen Ehrensold. In seinem Fall rund 200.000 Euro im Jahr. Das mag ihm ein Trost sein, aber auch eine Last.

Denn eine Frage schwingt immer mit, wenn es um seine Person geht: Was macht einer, der sein bisheriges Leben fast nur in der Politik verbrachte, der zwei Amtsperioden als Bundespräsident vor sich glaubte, jetzt mit seiner freien Zeit?

Schreiben, unter anderem. Am Dienstag stellt der 54-Jährige in Berlin ein Buch vor: "Ganz oben, Ganz unten". Erscheinen wird es im C. H. Beck-Verlag, der eigentlich nicht dafür bekannt ist, zu Schnellschüssen zu neigen. Auch das soll wohl ein Statement sein: Wulff hat sich einen der seriösen Verlage dieser Republik ausgesucht. Es gab keinen Vorababdruck, die Journalisten können erst vor der Präsentation einige Passagen lesen. Den großen Vorab-Wirbel in ausgesuchten Medien, den üblicherweise solche Politikerpublikationen begleiten, wird es also nicht geben.

Auch so dürfte der Medienauftrieb im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz groß genug sein. Denn das ist an sich schon eine Premiere in Deutschland - ein Ex-Staatsoberhaupt legt eine Art selbstkritische Bilanz und ja, eine Abrechnung vor, auch mit dem Medienbetrieb, wenn man dem Verlag glaubt. 264 Seiten umfasse das Buch und sei "aus seiner Sicht" geschrieben, "wie die Affäre inszeniert wurde, was sich hinter den Kulissen abspielte und wie es sich anfühlt, derlei massiven Angriffen ausgesetzt zu sein".

Hart angegangen

Vieles, was zu seinem Sturz führte, hat sich Wulff selbst zuzuschreiben, etwa dass er Fakten nur scheibchenweise preisgab. Was aber auch stimmt: Kaum ein Bundespräsident vor ihm wurde von vielen Medien so hart angegangen - vom umstrittenen Hauskredit eines Freundes und Unternehmers, den er in der Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident annahm, über Hotelrechnungen bis hin zum Bobby-Car seines Sohnes. Es gibt fast nichts, über das nicht berichtet wurde.

Sein Absturz war rasant: Vom ersten Artikel in der "Bild" über seinen Hauskredit bis zu seiner Rücktrittserklärung am 17. Februar 2012 vergingen gerade einmal 68 Tage. Es war eine gehetzte Zeit - für die Berichterstatter vieler Medien, für das Ehepaar Wulff, seinen damaligen Pressesprecher Olaf Glaeseker, seinen Staatssekretär, engste Mitarbeiter.

Inzwischen läuft es für Wulff, schon länger von seiner Ehefrau Bettina getrennt, ruhiger. Rechtsanwalt von Beruf, hat er seit März ein Anwaltsbüro in Hamburg und eine dazugehörige, schlichte Homepage.

Und noch immer findet er Anerkennung, große Sympathien bei türkischen Migranten. Sein Bundespräsidenten-Satz, wonach auch der Islam  zu Deutschland gehöre, hat ihm bei vielen hierzulande böse, mitunter gehässige Kritik eingebracht. Aber unter den meisten Muslimen Achtung, Respekt, sogar Zuneigung.

Das eröffnet ihm neue Tätigkeitsfelder. Im März war er in der Türkei, traf dort auch den Staatspräsidenten. Seit kurzem ist er Mentor bei der Initiative "Geh deinen Weg" der Deutschlandstiftung Integration. "Die Mentoren sollen den Stipendiaten ihre Netzwerke im passenden Ausmaß zur Verfügung stellen", sagt Mikolaj Ciechanowicz von der Stiftung. Wulff soll nun einen türkischen Jugendlichen beim Berufseinstieg begleiten.

Wulff-Freund Hintze: "Wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte"

Das Buch erscheint also zu einem Zeitpunkt, da Wulffs Dasein in ruhigeren Bahnen verläuft. Im Februar wurde er vom Vorwurf der Bestechlichkeit und Vorteilsnahme vom Landgericht Hannover freigesprochen. Noch ist das Verfahren rechtlich nicht gänzlich abgeschlossen, hat die Staatsanwaltschaft Hannover nicht entschieden, ob sie Revision einlegen wird. Doch man merkt: Jetzt beginnt für ihn ein neues Leben, das zweite Leben des Christian Wulff.

Peter Hintze, Vize-Bundestagspräsident und der einzige in der CDU, der sich stets zu ihm öffentlich bekannte und ihn verteidigte, auch in schwierigster Zeit, sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Ich erwarte mir von seinem Buch einen wichtigen Beitrag zur Zeitgeschichte."

Man darf zumindest eines sein - gespannt. Übrigens: Noch schneller in Sachen Buchveröffentlichung war Bettina Wulff. Sie brachte schon sieben Monate nach dem Rückzug aus dem Schloss Bellevue ihr Buch "Jenseits des Protokolls" heraus. Der kalkulierte Befreiungschlag war es nicht. Im Gegenteil, vom Großteil der Kritiker wurde es wegen seiner teils peinlichen Selbstentblößungs-Passagen verrissen.

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