Wulff-Rede zum Tag der Einheit "Ich bin auch der Präsident der Muslime"

In seiner mit Spannung erwarteten Rede zum Einheitsjubiläum präsentiert sich Bundespräsident Wulff als Brückenbauer: Er lobt die Ostdeutschen für ihre Aufbauleistung und wendet sich zugleich mit einer Mahnung an alle Einwanderer. Sie sollten "die deutsche Lebensart akzeptieren".
Wulff-Rede zum Tag der Einheit: "Ich bin auch der Präsident der Muslime"

Wulff-Rede zum Tag der Einheit: "Ich bin auch der Präsident der Muslime"

Foto: Peter Steffen/ dpa

Christian Wulff

Integration

Deutschen Einheit

Bremen - Zum Tag der Einheit hat Bundespräsident Einwanderer zur aufgefordert, die Deutschen aber zugleich zu mehr Toleranz und Offenheit ermahnt. "Wir haben erkannt, dass multikulturelle Illusionen die Herausforderungen und Probleme regelmäßig unterschätzt haben", sagte Wulff beim zentralen Festakt zur in Bremen.

In Deutschland zu Hause zu sein bedeute, die Verfassung und ihre Werte zu achten, sich an die gemeinsamen Regeln zu halten und "unsere Art zu leben zu akzeptieren", betonte Wulff. "Wer das nicht tut, wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen." Es werde "zu Recht" auch erwartet, dass sich jeder, der hier leben wolle, "nach seinen Fähigkeiten" in das Gemeinwesen einbringe. "Wir verschließen nicht die Augen vor denjenigen, die unseren Gemeinsinn missbrauchen", betonte der Bundespräsident.

Thilo Sarrazin

Wulffs Rede zum derzeit kontrovers diskutierten Thema Integration war mit Spannung erwartet worden. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hatte Wulff kritisiert, weil er sich bislang kaum zu den umstrittenen Thesen von geäußert habe.

Wulff rief die Deutschen nun dazu auf, sich nicht zu Fremdenfeindlichkeit aufstacheln zu lassen und die hier lebenden Einwanderer als Bereicherung zu begrüßen. "Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen", sagte das Staatsoberhaupt. "Das ist in unserem ureigenen nationalen Interesse. Die Zukunft gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt, für neue Ideen und für die Auseinandersetzung mit Fremden und Fremdem." Deutschland brauche Zuwanderer. Er wolle nicht, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln "verletzt werden in durchaus notwendigen Debatten".

"Natürlich bin ich ihr Präsident"

Ohne Sarrazin direkt zu erwähnen, bezeichnete Wulff die Integrationsdebatte als notwendig, die der Sozialdemokrat mit seinem umstrittenen Buch angestoßen hat. Sie dürfe aber nicht zu Verletzungen von Mitbürgern mit ausländischen Wurzeln führen.

Er sagte: "Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: 'Sie sind unser Präsident' - dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben."

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Einheitsfeier in Bremen: Aufmarsch linker Demonstranten

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Wulff sprach die "eindringliche Bitte" aus: "Lassen wir uns nicht in eine falsche Konfrontation treiben." Zugehörigkeit dürfe nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt werden, mahnte der Präsident. Im Sinne der christlich-jüdischen Geschichte gehörten das Christentum und das Judentum zweifelsfrei zu Deutschland. "Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."

Schon Goethe habe vor 200 Jahren festgestellt: "Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen." Deutschland habe in Fragen der Integration weiter Nachholbedarf. Als Beispiele nannte der Bundespräsident Integrations- und Sprachkurse für die ganze Familie, Unterrichtsangebote in Muttersprachen und islamischen Religionsunterricht von in Deutschland ausgebildeten Lehrern. Auch bedürfe es mehr Konsequenz bei der Durchsetzung von Regeln und Pflichten, etwa bei Schulschwänzern.

Mit Blick auf das Einheitsjubiläum würdigte Wulff die Aufbauleistung der Ostdeutschen. Diese Leistung der Menschen der ehemaligen DDR müsse stärker anerkannt werden, so die Botschaft des Bundespräsidenten. Die Ostdeutschen seien es gewesen, die vor 20 Jahren den allergrößten Teil des Umbruchs geschultert hätten, sagte Wulff in seiner Rede. "Sie mussten ihr Leben gewissermaßen von Neuem beginnen, ihren Alltag neu organisieren, Chancen nutzen. Sie haben es getan mit einer unglaublichen Bereitschaft zur Veränderung", sagte Wulff. Dies sei bis heute nicht ausreichend gewürdigt worden.

"Unverkrampfter Patriotismus"

Der Bundespräsident fügte hinzu, durch die Wende sei auch Erhaltenswertes verloren gegangen. Unendlich viel Wertvolles sei jedoch gewonnen worden: "Die Erfahrung der Menschen, dass sie mit ihrem Mut zur Veränderung ihr eigenes Leben in Freiheit gestalten konnten. Damit haben sie unserer deutschen Geschichte ein wichtiges Kapitel hinzugefügt."

Auch 20 Jahre nach der Einheit stehe Deutschland vor der Aufgabe, mit diesem Mut zur Veränderung neuen Zusammenhalt zu finden, sagte Wulff. In einer sich rasant verändernden Welt hätten sich Alltag und Lebensentwürfe gewandelt. Das Versprechen alter Gewissheiten sei zumeist trügerisch. Ein freiheitliches Land lebe von Vielfalt und unterschiedlichen Lebensentwürfen sowie der Aufgeschlossenheit für neue Ideen.

Gleichwohl gefährdeten zu große Unterschiede den Zusammenhalt. Die Aufgabe der deutschen Einheit heute laute daher: "Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen - das bewahrt vor Illusionen, das schafft echten Zusammenhalt."

Wulff hob hervor, inzwischen sei in ganz Deutschland ein unverkrampfter Patriotismus und ein offenes Bekenntnis zum Land gewachsen, im Wissen um die große Verantwortung für die Vergangenheit. Dieses neue Selbstbewusststein tue auch dem Verhältnis Deutschlands zu anderen gut: "Denn wer sein Land mag und achtet, kann besser auf andere zugehen."

Der zentrale Festakt fand in Bremen statt, weil das Land den Vorsitz im Bundesrat innehat. An der Feier nahmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundes- und Landespolitiker sowie führende Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft teil.

cte/dpa/AFP
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