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Privatkredit: Wulff wehrt sich gegen Täuschungsvorwurf

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Wulff und die Moral Kredit verspielt

Christian Wulff hat das Parlament nicht belogen - aber die ganze Wahrheit hat er auch nicht gesagt, als er nach seinen Finanzbeziehungen zu dem Geschäftsmann Geerkens gefragt wurde. Solche juristischen Tricks mögen vor Gericht schützen, eines Bundespräsidenten sind sie unwürdig.

Eigentlich konnte man doch zufrieden sein mit ihm. Klar, Christian Wulff ist kein allzu brillanter Redner, aber wenn er sich einmal äußert, dann hat sein Wort doch moralisches Gewicht. Man denke nur an seine lobenswerten und wegweisenden Bemühungen um die Integration islamischer Mitbürger. Oder an... naja, an was eigentlich?

Wie dem auch sei: Durch die Installation Wulffs im höchsten Amt des Staates wurde dem Land ein herzerfrischend normaler Bundespräsident geschenkt. Kein gravitätischer Wichtigtuer, viel mehr ein Mann aus dem Volk: ein Familienvater, ein geschiedener Katholik, ein bekennender Lena-Fan mit tätowierter Gattin. Und, wie man jetzt weiß: auch mal klamm im Geldbeutel. Einer wie du und ich eben.

Und selbstverständlich darf auch ein Politiker einmal pleite sein, darf wie jeder andere Bürger auch einmal in die Situation geraten, sich Geld leihen zu müssen. Wie für jeden anderen ist es dann auch für einen hochrangigen Volksvertreter schön, wenn man einen guten Freund hat, der dann Verständnis zeigt. "Jeder weiß, dass Scheidungen teuer sind", sagt nun Egon Geerkens, der gute Freund des Präsidenten. Und so wurde dem klammen Christian also geholfen - von Geerkens Frau.

Es soll an dieser Stelle gar nicht darum gehen, ob Wulff Geerkens für die Großzügigkeit seiner Gattin im Gegenzug Gefälligkeiten erwiesen hat, die nicht mit seinem damaligen Amt als Ministerpräsident von Niedersachsen vereinbar waren. Es soll hier auch nicht darüber gerichtet werden, ob es anrüchig ist, dass Geerkens den damaligen Ministerpräsidenten auf dessen Reisen (auf eigene Kosten wohlgemerkt) begleitet hat und welche geschäftlichen Vorteile daraus für ihn zu ziehen waren. Es gibt zur Stunde keine Belege für ein juristisch relevantes Fehlverhalten Wulffs.

Was es jedoch gibt: Erstens eine parlamentarische Anfrage der Grünen im niedersächsischen Landtag nach Geschäftsbeziehungen zwischen Christian Wulff und Egon Geerkens. Zweitens die Antwort Wulffs, es habe "keine geschäftlichen Beziehungen gegeben". Und drittens nun die fatale Erklärung des Präsidialamtes nach Bekanntwerden des Privatkredits, die Anfrage sei damals "korrekt beantwortet" worden. Denn gefragt worden war ja nach Egon Geerkens, nicht nach seiner Gattin Edith.

Also hat Wulff nicht gelogen. Aber er hat eben auch nicht die ganze Wahrheit über seine Verbindung zum Hause Geerkens gesagt. War die Wahl von Edith Geerkens als Kreditgeberin womöglich eine bewusst gewählte Konstruktion, die genau solche Anfragen wie die im Landtag gestellte unterlaufen sollte? Diese Vermutung ist naheliegend. Zumal Frau Geerkens die halbe Million auf ein deutsches Konto überwiesen hat, von dem ihr Mann dann Wulff einen Scheck ausstellte.

Politiker stürzen selten über ihre anrüchigen Affären selbst. Sie stürzen über ihre Fehler bei der Vertuschung dieser Affären.

Es reicht eben nicht aus, sich nach den Buchstaben des Gesetzes gerade noch legal zu verhalten. Nicht für einen Justizsenator, wie man jüngst in Berlin beobachten konnte. Und schon gar nicht für einen Bundespräsidenten.

Er ist eben doch keiner wie du und ich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand: "Zumal Frau Geerkens die halbe Million auf ein Konto ihres Mannes überwiesen hat, der dann Wulff einen Scheck ausstellte." Nach Angaben von Egon Geerkens muss es heißen: "Zumal Frau Geerkens die halbe Million auf ein deutsches Konto überwiesen hat, von dem ihr Mann dann Wulff einen Scheck ausstellte."