SPIEGEL ONLINE

Wulffs erster Arbeitstag Der Wohlfühl-Präsident

Fröhlich sein, Brücken bauen, beliebt sein: Kaum vereidigt, gibt sich Christian Wulff als nettester Präsident aller Zeiten, in den Umfragen legt er einen Raketenstart hin. Der Neue in Schloss Bellevue präsentiert sich als Gegenmodell zum frustrierten Vorgänger - und zur krisengeplagten Kanzlerin.

Christian Wulff

Berlin - Die Sonne scheint. Die Militärkapelle spielt einen flotten Marsch. Die Präsidentengattin strahlt. Und steht ganz oben auf der Treppe vor Schloss Bellevue, fröhlich winkend. Jetzt ist er der erste Mann im Staat. Nicht unbedingt der mächtigste im Land. Aber der mit dem feinsten Amt. Seine Limousine trägt das Kennzeichen "0 - 1". Und eine schwarz-rot-goldene Standarte hat sie auch.

Das Leben ist schön.

Joachim Gauck

Und die Umfragen erst. Christian Wulff hat sich mühsam durch drei Wahlgänge in der Bundesversammlung quälen müssen. Fast zehn zehrende Stunden lang. Aber in der Beliebtheit beim Volk hat er über Nacht einen Raketenstart hingelegt. Mehr als zwei Drittel der Deutschen halten Wulff für einen guten Bundespräsidenten. Laut ARD-Deutschlandtrend denken 58 Prozent der Deutschen, dass am Ende mit Wulff der richtige Kandidat gewählt worden ist. Nur 35 Prozent finden, dass der bessere Präsident gewesen wäre. Vor der Wahl sah das noch ganz anders aus.

Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist Christian Wulff Volkes Liebling. Garantiert.

Finanzkrise? ? Klar, gibt es alles noch. Aber die neue Nummer eins zeigt bereits am Freitagmittag in der Jungfernrede vor Bundestag und Bundesrat, wie man solche Dinge präsidial in Watte packt - und auf andere Themen lenkt.

Fotostrecke

Amtseid von Christian Wulff: Sommerfest für den Neuen

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Aygül Özkan

Beispiel Integration. Das soll einer seiner Schwerpunkte werden, soviel ist bereits klar. Vom "fröhlichen Gesicht unseres Landes" spricht Christian Wulff, vom "Brückenbauen", von "unendlich vielen Erfolgsgeschichten" und "unserer Bundesrepublik, von unserer bunten Republik Deutschland". Er erinnert daran, dass er als niedersächsischer Regierungschef der erste in Deutschland war, der mit eine Muslimin zur Ministerin gemacht hat. Und die Augen ihres Vaters "strahlten vor Glück". Man solle "weniger danach fragen, wo einer herkommt, sondern wo einer hin will".

Wulff sagt gerne: "Ende gut, alles gut"

Dass er trotz satter schwarz-gelber Mehrheit drei Wahlgänge benötigte? "Ende gut, alles gut", sagt Wulff gern. Happy End. Nach seiner Vereidigung deutet er den Zweikampf mit Joachim Gauck ums höchste Amt um, spricht von einer "echten Wahl" dank Gauck und Linke-Mitbewerberin Luc Jochimsen. Jeder Wettstreit tue Deutschland gut.

Nichts passiert. Keine Sorge. Alles entspannt.

Wulff redet ruhig. Er redet leise. Seine Gestik erscheint manchmal wie in Zeitlupe. Nichts ist zackig an dem Mann. Nichts übertrieben. Michael Spreng, einst Medienberater des Unionskanzlerkandidaten Edmund Stoiber, schrieb bereits vor der Wahl: "Bundespräsident Wulff - das wäre 'Bruder Johannes' als Karikatur, Rau in schwer erträglicher Potenz."

Wird es nun so kommen?

Natürlich ist nicht alles gut, noch längst nicht. Das weiß auch Wulff. "Wann wird es bei uns selbstverständlich sein, dass alle gleich gute Bildungschancen haben" - unabhängig von Herkunft und Einkommen? Und wann werde es selbstverständlich sein, dass Migranten die gleichen Chancen auf einen Arbeitsplatz haben, "egal ob sie Yilmaz oder Krause heißen?". Das Schöne beim Wohlfühl-Präsidenten: Alles läuft aus seiner Sicht auf ein glückliches Ende hinaus. In einiger Zeit wolle man "fröhlich und staunend auf das blicken, was uns dann gelungen ist".

Horst Köhler

Wulff-Vorgänger , das wird immer klarer, ist das Gegenbild zum neuen Präsidenten. Köhler war ein Apokalyptiker im Amt. Der Mann sprach von Monstern und meinte die Finanzmärkte. Als er im Jahr 2005 den Bundestag auflöste, klang Köhler in seiner Begründung so, als rufe er gleich den Notstand aus: "Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren."

In Wulffs Welt herrscht nicht die Apokalypse. In Wulffs Welt siegt am Ende das Gute. Angela Merkel dürfte ihm das neiden, mag ihr doch seit Antritt der schwarz-gelben Regierung so gar nichts mehr gelingen. Während Wulffs Stern steigt, sinken ihre Werte immer weiter. Drei Viertel der Bürger meinen laut Umfrage, dass die Kanzlerin ihre Regierungskoalition nicht mehr richtig im Griff hat.

Neue Leichtigkeit in Schloss Bellevue

Das Glück des juvenilen Wohlfühl-Präsidenten und seiner 36-jährigen Gattin, es kontrastiert mit der abgeschlagen sich auf die Regierungsbank stützenden Merkel - und den Köhlers. Die neue First Lady kann vor Schloss Bellevue nur mühsam den Stolz auf ihren Mann verbergen, als er die höchsten militärischen Ehren der Republik entgegennimmt. Bettina Wulff - heller Rock, heller Blazer - steht auch optisch für einen neuen Stil der Leichtigkeit an der Staatsspitze. Für einen Moment denkt man zurück an das versteinerte Gesicht von Eva Köhler, als sie vor gut einem Monat im Langhans-Saal des Schlosses neben ihrem Gatten stand, der seinen Rücktritt erklärte. Nun, zum endgültigen Abschied aus dem Amt, trägt Eva Köhler ein schwarzes Kleid, vor den Augen eine schwarze Sonnenbrille.

Fehlt nur noch die protokollarische Sicherheit. So spaziert Wulff vor Schloss Bellevue beinahe an der Ehrenformation der Bundeswehr vorbei, ohne in deren Mitte, bei der Fahne, Halt zu machen. Zum Glück ist Generalinspekteur Volker Wieker an diesem Nachmittag an seiner Seite und bremst den Durchmarschierer Wulff sanft ein, während die Bundeswehrmusiker einen Defiliermarsch spielen. Protokoll ist alles im Leben eines Staatsoberhaupts. Als Wulff vor der Zeremonie mit Gattin Bettina aus der Dienstlimousine steigt, wird er nach einigen Schritten von einem Mitarbeiter des Präsidialamts aufgehalten. "Ach so, wir müssen ja noch ein Foto machen", sagt Wulff und stellt sich dann artig neben die Köhlers und Bundesratspräsident Jens Böhrnsen mit Begleiterin.

Immerhin ist er bei seiner Amtseinführung textsicherer als zuvor im Reichstag. "Guten Tag, Soldaten" kommt ihm locker über die Lippen, als er vor den schwitzenden Männern von Heer, Luftwaffe und Marine steht. Vor den Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat musste Wulff beim Amtseid noch ein zweites Mal ansetzen.

Aber auch da gilt wohl das eherne Wulffsche Gesetz: "Ende gut, alles gut".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.