Wulffs Kredite und Anrufe Der lange Abstieg in den Affärensumpf

Ein umstrittenes Privat-Darlehen, Urlaub in den Villen reicher Freunde, die Entlassung seines Sprechers, Drohung gegen Journalisten: Fast täglich werden neue Details über zumindest zweifelhaftes Verhalten von Bundespräsident Wulff bekannt. Die Affäre im Überblick.
Christian Wulff: Bundespräsident in Bedrängnis

Christian Wulff: Bundespräsident in Bedrängnis

Foto: dapd

Hamburg - Der 13. Dezember 2011 ist der Tag der Zäsur. Mit der Berichterstattung über Christian Wulffs umstrittene Immobilien-Finanzierung bekommt das Bild vom zurückhaltenden, leisen, volksnahen Politiker dicke Risse. Neben dem fragwürdigen Freundschaftskredit der Unternehmerfamilie Geerkens hat Wulff auch ungewöhnlich günstige Bankkonditionen und Urlaube in den Villen reicher Bekannter genossen. Jetzt wurde bekannt, dass Wulff mehrfach versucht hat, missliebige Presseartikel zu unterdrücken. Das Medienecho ist verheerend: "Eine Mischung aus Naivität und Dreistigkeit", "auf seinen Vorteil als Privatmann bedacht", "dem Amt nicht gewachsen" lauteten die Vorwürfe am Dienstag.

Die Vorfälle in der chronologischen Reihenfolge:

25. Oktober 2008: Unternehmergattin Edith Geerkens gewährt Christian Wulff einen Privatkredit über 500.000 Euro. Der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen finanziert damit den Kauf eines Hauses in Burgwedel, das 415.000 Euro kostet.

18. Februar 2010: Wulff erklärt auf eine mündliche Anfrage im niedersächsischen Landtag, dass es zwischen ihm und dem Unternehmer Egon Geerkens in den vergangenen zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen gegeben habe.

21. März 2010: Die im Dezember 2009 begonnen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens. Es ist eine Art Dispo-Kredit, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen in Höhe von 500.000 Euro ablöst. Die Zinsen für den Privatkredit sollen ursprünglich lediglich 0,9 bis 2,1 Prozent betragen haben - was nur halb so viel wäre wie bei der Immobilienfinanzierung normaler Kunden. Einer Erklärung der Bank zufolge ging den Verhandlungen eine Empfehlung von Unternehmer Geerkens voraus.

30. Juni 2010: Christian Wulff wird zum Bundespräsidenten gewählt.

12. Dezember 2011: Wulff weilt auf Auslandsreise in der Golfregion. Von unterwegs versucht er, "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann anzurufen. Er erreicht lediglich die Mailbox und hinterlässt dort eine Nachricht. Er will das Erscheinen eines Artikels über seine Hauskauf-Finanzierung verhindern und droht mit dem "endgültigem Bruch" mit dem Springer-Verlag. Telefonisch interveniert er auch beim Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, damit dieser Einfluss auf Diekmann nehme. Doch der Konzernchef lehnt ab. Ebenso Springer-Mehrheits-Aktionärin Friede Springer, bei der Wulff ebenfalls anruft. Die "Bild" berichtet zunächst nicht über die Anrufe.

13. Dezember 2011: Die "Bild"-Zeitung berichtet erstmals über Wulffs fragwürdige Hauskauf-Finanzierung.

15. Dezember 2011: Der Bundespräsident bedauert in einer schriftlichen Mitteilung, den Kredit von Edith Geerkens im Februar 2010 vor dem niedersächsischen Landtag nicht erwähnt zu haben. Zudem gibt er an, er habe das Geldmarktdarlehen in ein langfristiges Bankdarlehen umgewandelt. Am selben Tag entschuldigt er sich bei "Bild"-Chefredakteur Diekmann für Ton und Inhalt der Nachricht auf der Mailbox.

18. Dezember 2011: Wulff lässt seine Anwälte eine Liste mit Urlauben veröffentlichen. Insgesamt sechs Mal hat er demnach zwischen 2003 und 2010 in den Ferienhäusern von wohlhabenden Freunden Urlaub gemacht: beim Ehepaar Geerkens, bei Talanx-Aufsichtsrat Wolf-Dieter Baumgartl, bei Multimillionär Carsten Maschmeyer und dem Unternehmer-Ehepaar Angela Solaro und Volker Meyer.

21. Dezember 2011: Erst sechs Tage nachdem er öffentlich behauptet hatte, sein Darlehen umgewandelt zu haben, unterschreibt Wulff tatsächlich den entsprechenden Vertrag. Die BW-Bank will das Dokument am 12. Dezember an Wulff geschickt haben.

22. Dezember 2011: Der Bundespräsident entlässt seinen Sprecher Olaf Glaeseker. Er galt als Wulffs engster Berater, stand ihm viele Jahre zur Seite - als Parteisprecher, als Regierungssprecher und als Freund. Nur wenig später äußert sich Wulff erstmals persönlich zu der Affäre und entschuldigt sich öffentlich: "Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid." Er bekräftigt, alle notwendigen Auskünfte erteilt und rechtmäßig gehandelt zu haben.

27. Dezember 2011: Der von Wulff unterschriebene langfristige Darlehensvertrag geht bei der BW-Bank ein. Die Laufzeit des Darlehens beginnt am 16. Januar 2012.

02. Januar 2012: Die "Bild"-Zeitung bestätigt Berichte über empörte Anrufe von Wulff in der Chefetage des Springer-Verlags, mit denen der Bundespräsident die Veröffentlichung des ersten Berichtes über die Hauskauf-Finanzierung verhindern wollte.

03. Januar 2012: Die "Welt am Sonntag" berichtet, dass Wulff auch bei ihr versucht hat, einen Artikel zu verhindern. Im Sommer 2011 hat das Bundespräsidialamt demnach massiv interveniert - nicht nur beim Chefredakteur, sondern auch an höchsten Verlagsstellen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat es sich um einen Artikel über eine Halbschwester Wulffs gehandelt.

04. Januar 2012: In einem TV-Interview räumt Wulff ein, sein Drohanruf bei "Bild"-Chefredakteur Diekmann sei "ein schwerer Fehler" gewesen. Der Anruf tue ihm leid und er habe sich dafür auch entschuldigt. Trotz des anhaltenden Drucks werde er aber nicht zurücktreten. "Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr", sagt Wulff in dem Gespräch bei ARD und ZDF. Er wisse, dass er nicht alles richtig gemacht, aber nichts Unrechtes getan habe.

ler
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