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17. Juni 2011, 15:00 Uhr

Wulffs Verzicht auf Berliner Rede

Der sprachlose Präsident

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Ansprachen mit Wumms liegen ihm nicht: Bundespräsident Wulff bevorzugt die leisen Töne, das hat das erste Jahr seiner Amtszeit gezeigt. Nun verzichtet er auf die Berliner Rede, deren Tradition Roman Herzog begründet hat - und lässt Polens Staatschef Komorowski sprechen.

Berlin - Roman Herzog schmunzelt noch heute, wenn er auf seine berühmteste Rede angesprochen wird - damals im Frühjahr 1997 im Hotel "Adlon" in Berlin. Da hatte er einen Satz formuliert, der kurz darauf zum geflügelten Wort wurde: "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen".

Es war der Aufruf zu Reformen, mitten in der Ära der schwarz-gelben Kanzlerschaft Helmut Kohls. Doch der Ruck, sagte Herzog kürzlich, "ist ausgeblieben."

Was jedoch blieb, war ein Satz. Ein mächtiger Satz. Fortan wurde die "Berliner Rede" nur damit assoziiert. Stets wurde von ihr Grundlegendes erwartet. Unter einem "Ruck" ging fortan für einen Bundespräsidenten gar nichts mehr.

Christian Wulff, der Ende Juni ein Jahr im Schloss Bellevue amtiert, hat damit gebrochen. Er will sich nicht mehr dem Druck der Medien und der Erwartung der Öffentlichkeit aussetzen, unter dem Titel der "Berliner Rede" eine zentrale Botschaft ins Land zu senden. Denn meistens war es bei seinen Vorgängern so: Die Ansprüche der Medien und die eigenen wurden derart hochgeschraubt, das am Ende fast immer Enttäuschung zurückblieb. Die Wirkung der Berliner Reden von Johannes Rau und Horst Köhler war denn auch vergleichweise bescheiden.

Wulff hat sich dieser Last und Krux entledigt. Am Freitag wird die "Berliner Rede" von einem Polen gehalten, erstmals. Staatspräsident Bronislaw Komorowski ehrt damit in der Humboldt-Universität den vor 20 Jahren geschlossenen deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Wulff wird lediglich zuvor einige Begrüßungsworte sagen. Das Bundespräsidialamt erklärt: Mit der Einladung greife Wulff die Idee Herzogs auf, "ausländischen Gästen die Gelegenheit zu geben, in der Berliner Rede ihre Sicht auf Deutschland, Europa und auf internationale Zusammenhänge aufzuzeigen."

Das ist nur die halbe Wahrheit, eine diplomatische Formel, mit der Wulff elegant der "Berliner Rede" aus dem Weg geht.

Die Berliner Rede als Werbecoup

Die Idee zum Format der "Berliner Rede" hatte in den neunziger Jahren ursprünglich die Marketingagentur "Berlin Partner", die damit die Hauptstadt im Wartestand ins öffentliche Bewusstsein rücken wollte. Mit dem Christdemokraten Herzog als erstem Redner und dessen Ruck-Rede gelang das auf Anhieb. Herzog hielt danach allerdings keine "Berliner Rede" mehr, er überließ sie in seiner Amtszeit zwei ausländischen Gästen - dem finnischen Staatspräsidenten Martti Ahtisaari 1998 und im Jahr darauf Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Richtigen Schwung nehmen sollte die "Berliner Rede" erst durch seinen Nachfolger Johannes Rau.

Das war zumindest der Plan. Der Sozialdemokrat Rau wusste um die Macht des Wortes, er schnitt die "Berliner Rede" auf sich zu - in seiner Amtszeit versuchte er fünfmal unter diesem Format innenpolitische Signale zu setzen - so zur Gendebatte, zum Zusammenleben von Deutschen und Migranten, zur Globalisierung. Eine Tradition war damit begründet. Sein Nachfolger Horst Köhler wiederum setzte sie fort, trat viermal zur "Berliner Rede" an, sprach vor allem über Bildung und die Krise der Weltwirtschaft.

Doch beide, Rau und Köhler, kämpften mit einem Erbe: Niemand konnte Herzog toppen, wirklich haften blieb kaum eine ihrer Reden.

In der Redefalle

Wulff und seine Berater haben das Dilemma der "Berliner Rede" schnell erkannt: Sie war längst eine Bundespräsidenten-Falle. Sie jetzt ausländischen Gästen anzubieten, ist der Versuch, sie irgendwie als Werbebotschaft für Berlin beizubehalten und die Verantwortung fürs große Wort zu delegieren. Wulffs Naturell dürfte der Schachzug entgegenkommen. Dem früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten, der im Frühjahr 2010 nach dem Rücktritt von Köhler überraschend ins höchste Staatsamt kam, liegt das geschliffene Wort nicht so sehr - im Gegensatz zu seinem Vorvorgänger Rau, der glaubte, mit der "Berliner Rede" eine angemessene Bühne für seine rhetorische Gabe gefunden zu haben.

Bei Wulff ist das anders. Denn seit seinem Amtsantritt verfolgt ihn eine Frage: Kann er überhaupt Bundespräsident? Sicher, bislang hat er keine großen Fehler gemacht. Seine Rede im vergangenen Jahr zum Tag der Deutschen Einheit war zwar umstritten, vor allem im eigenen Lager, der Union. Doch sie wurde immerhin diskutiert. Christen- und Judentum gehörten zweifelsfrei zu Deutschland, "aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", lautete sein zentraler Satz. Es könnte sein, dass er damit in die Geschichtsbücher eingeht, auch ohne "Berliner Rede".

Seit dem 3. Oktober 2010, seinem Auftritt in Bremen, hat die Republik allerdings von Wulff kaum mehr etwas vernommen. Der neue baden-württembergische Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid stellte jüngst fest: "Er ist eher ein repräsentations- als ein politischer Präsident." Die Bürger würden es schätzen, wenn er sich auch einmal zu aktuellen Themen wie Euro oder Atomausstieg äußern würde, so der SPD-Politiker.

Doch Wulff, der nach Köhlers unruhiger Endphase das Amt gefestigt hat, scheint für politische Signale die leise Art zu schätzen. Mit Komorowski, der fast zeitgleich mit ihm ins Amt kam, pflegt er deutsch-polnische Beziehungen persönlicher Art. Erst kürzlich berichteten polnische Medien, dass die Familie Wulff über Ostern knapp eine Woche mit der Familie des polnischen Staatspräsidenten verbrachte. In dessen Ferienhaus.

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