Wulffs Wahlkampf "Sieht man nicht die Kälte zu sehr?"

Mehr als ein Jahrzehnt galt Niedersachsens CDU-Kandidat Christian Wulff als der ewige Zweite. Ein freundlicher Biedermann ohne Durchsetzungskraft. Nun prophezeien die Umfragen zwar eine historische Wende - doch Wulff ist noch immer kein Siegertyp.
Von Alexander Schwabe



Das hatte der Ministerpräsident nicht geschafft. Sigmar Gabriel füllte die "Residenz am Schlosspark" im ostfriesischen Wittmund vor drei Jahren nur halb. Nun, 17 Tage vor der niedersächsischen Landtagswahl, ist die Stadthalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Die 600 Besucher waren sogar bereit, für den "bunten Abend" der CDU fünf Euro Eintritt zu bezahlen.

Als Christian Wulff, 43, den Saal betritt, dröhnt der "Europe"-Song "The final countdown" aus den Boxen. "Wann hat Wittmund das jemals gesehen, dass wir so einen Abend haben", ruft Wahlkreiskandidat Hermann Dinkla ins Publikum. Dann sagt er: "Ich begrüße hier den künftigen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Christian Wulff!" Die Niedersachsen-CDU ist nach 13 Jahren Opposition voller Optimismus. Man klopft sich schon mal auf die Schulter.

Die Stimmung legt sich, als der Shanty-Chor "Likedeeler" der Segelkameradschaft Horumersiel ein ums andere Mal von Ferne und Heimat, von Kapitänen und Müttern zu Hause singt. Bevor die Veranstaltung zum Heimatabend für Senioren abdriftet - fast alle Anwesenden sind im Rentner-Alter - ist es an Wulff, die christdemokratischen Sympathisanten mit einer flammenden Rede aus der Transeligkeit zu reißen.

Die Anhänger sähen es allzu gerne, wenn er angesichts der wiedergewonnen Stärke der CDU und angesichts des schwächelnden Gegners auf den Putz hauen würde. Doch Wulff gibt seinen Wählern und Parteifreunden während der Rede kaum Gelegenheit, ihrer aufkeimenden Euphorie Ausdruck zu geben. Mal redet er über die Pointe hinaus, mal hält er nicht lange genug inne, damit sich der Beifall hätte voll entfalten können.

Denkanstöße statt Kraftmeierei

Am Ende sagt er zum CDU-Volk: "Diese Denkanstöße wollte ich Ihnen gegeben haben" - endet so eine Wahlkampfrede? "Vielen Dank." Kaum hat er das letzte Wort gesprochen, macht er sich eilends von der Bühne. Noch bevor der Applaus aufbrandet, ist er auf dem Weg an seinen Platz, so, als ob es ihm peinlich wäre, zu gewinnen. Frühere niedersächsische Ministerpräsidenten hätten sich oben in Siegerposen feiern lassen.

Wie um alles in der Welt kommt so einer, der so gar kein Schreihals und Polterer ist, der die rhetorische Vernichtung des politischen Gegners so sehr scheut wie ein feinsinniger Altphilologe sie meiden würde, einer, der moralisch vielleicht zu integer ist, um sich in allzu viele Intrigen zu verstricken, wie kommt so einer in einer Partei so weit nach oben? Und wie kann so einer es möglicherweise bald zum Ministerpräsidenten eines Landes schaffen?

Zweimal wurde er bei Landtagswahlen geschlagen, das erste Mal 1994 mit einem Rückstand von 7,9 Prozent, beim zweiten Mal, 1998, mit einem von genau zwölf Prozent. Ihm traute man wenig Durchsetzungskraft zu. "Die Netten kommen als letzte ins Ziel" ("nice guys finish last") - nun scheint diese englische Redensart auf den niedersächsischen CDU-Vorsitzenden nicht mehr anwendbar: Wulff liegt nach der jüngsten Forsa-Umfrage zwölf Prozent vor Ministerpräsident Sigmar Gabriel, 43, (SPD). Dabei ist Wulff so nett und adrett wie eh und je.

Die jungen Wilden

Helmut Kohl, der in Wulff sich selbst in jungen Jahren wiederzuerkennen meinte, war ganz anders. Als aufstrebender junger Mann verspottete er die alte CDU-Garde auf der Mainzer Regierungsbank öffentlich als "vereinigte Kalkwerke". Neben Roland Koch, Peter Müller und Ole von Beust wurde Wulff immerhin das Etikett des "jungen Wilden" verpasst. Darunter stellt sich der Laie freilich mehr als die Kritik an den Verkrustungen des Systems Kohl vor. Eher hat man eine so bewegte Vergangenheit vor Augen wie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Friedrich Merz, sie hatte: Der drehte mit langen Haaren auf einem Mofa ein paar wilde Runden um die heimische Pommesbude.

Um Wulff Tapferkeit und Unerschrockenheit zu bescheinigen, führen Wahlkampfhelfer gerne eine Begebenheit aus dem Jahr 1997 an. Damals hatte der Niedersachse es gewagt, Finanzminister Theo Waigel (CSU) den Rücktritt nahezulegen, weil ihm dessen Steuerreform nicht weit genug ging. Nach außen hat sich Wulff in der CDU-Parteispendenaffäre im Herbst 1999 profiliert: Er stellte sich früh auf die Seite Angela Merkels, die mit Kohl brach, weil dieser gegen das Parteiengesetz verstieß, indem er bis heute die Spender von CDU-Schwarzgeld verschweigt.

Wie Gabriel bei der SPD, wie Westerwelle bei der FDP, wie Matthias Wissmann bei der CDU, ist Wulff ein reines Parteigewächs. Seine politische Jugend verbrachte er bei der Schüler-Union, wo sich gerne die Streber tummelten. Mit 18 wurde er deren Bundesvorsitzender. In Niedersachsen stand er der Jungen Union vor, das heißt denjenigen jungen Menschen, die sich gemeinhin nur im Rahmen ihres vorauseilenden Gehorsams engagieren.

Mit 30 war er CDU-Fraktionsvorsitzender im Osnabrücker Stadtrat, kurz darauf Bezirksvorsitzender der CDU Osnabrück-Emsland. Über Osnabrück kam er lange nicht hinaus. Dort studierte er auch, dort trat er mit 31 in eine Anwaltskanzlei ein. Mit 33 wurde er zum ersten Mal zum Spitzenkandidat der CDU bei einer Landtagswahl gekürt.

"Der absolute Wille zur Macht fehlt"

Nun, nach jahrelanger Kärrnerarbeit, freut sich der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU: "Ich wäre der jüngste Ministerpräsident in Deutschland mit genügend Vorbereitungszeit." Dass der 2. Februar naht, empfindet er eher "beruhigend als verunsichernd." Der Tag danach, der macht ihm kein Kopfzerbrechen. "Das ist Routine", sagt Wulff, als sei er Siegen gewohnt.

Viel mehr beschäftige ihn der 4. März, der Tag der Regierungserklärung im niedersächsischen Landtag in Hannover. Ist es Taktik oder Selbsterkenntnis, wenn er hinsichtlich eines höheren Amtes vorsorglich schon einmal zu Protokoll gibt: "Der absolute Wille zur Macht, wie er Roland Koch auszeichnet, fehlt."

Vor zehn Jahren noch wirkte Wulff stocksteif und spießig. Er langweilte seine Mitmenschen mit verklausuliertem Juristenlatein. Er sei verkrampft und hölzern gewesen, sagt er. Amerikanische Image-Berater hatten ihm bescheinigt, "wie ein kleiner Junge" zu wirken, "der sich die Kleidung von jemand geborgt hat". Heute sagt Wulff: "Was mir an Image vorangeht, ist in weiten Teilen falsch gewesen."

"Haben wir eigentlich 'ne Dusche im Bus?"

Der smarte Blonde "mit dem Charme des ewigen Klassenprimus" hätte am liebsten gar kein Image. Er wird nicht müde, zu betonen, wie er die Inszenierung von Politik verachtet. "Als Staatsschauspieler bin ich nicht geeignet", sagt er, "das Image ist ein gräusliches Feld", sagt er, "es soll Politiker geben, die sowas einstudieren". Als er in Wilhelmshaven Station macht, frotzelt Wulff über Kanzler Schröder: "Dort ist die Fußgängerpassage, in der Schröder mal 400 Meter Umweg ging, damit er nicht auf einer Rolltreppe gefilmt würde, die abwärts geht."

Er lächelt über die Eitelkeit seines früheren Wahlkampfgegners. Die Sorge, gepflegt und korrekt rüberzukommen, begleitet ihn jedoch selbst auf jedem Schritt. "Haben wir eigentlich 'ne Dusche im Bus?" fragt der Saubermann seinen Pressesprecher Olaf Glaeseker während des Besuchs der Rügenwalder Mühle, einer Wurstfabrik in Bad Zwischenahn.

Als er vor dem blauen CDU-Wahlbus mit der Aufschrift "Christian Wulff, Ministerpräsident für Niedersachsen" Fernseh-Interviews gibt, fragt er die Kameraleute: "Sieht man nicht die Kälte zu sehr? Dass sich die Leute in den Wohnzimmern nicht erschrecken."

Zwischen bemalten Milchkannen und altem Pferdegeschirr

Wirtschaftspolitisch passte Wulff in die FDP-Riege Westerwelle, Rexrodt, Döring, Brüderle, Gerhardt und (noch) Möllemann. "Ich wünsche mir, dass wir sieben Jahre vor uns haben, in denen sich der Staat zurückzieht, und der Bürger mehr in der Tasche hat", sagt er im 1745 erbauten "Charlottenhof" des Rügenwalder Teewurst- und Schinkenspiker-Wurstfabrikanten Christian Rauffus während eines "gesprächsbegleitenden Speisens". Kurz darauf fordert er ein nur noch fünfjähriges Moratorium, während dem es zu keiner Steuer- und Abgabenerhöhung kommen dürfe.

Das Lokal ist mit hölzernen Wagenrädern, bemalten Milchkannen, Fotographien aus Großmutters Zeiten und altem Pferdegeschirr dekoriert. Wulff versucht vor dem CDU-Kreisvorstand und Mitgliedern der IHK Ammerland möglichst attraktive Posten zu verkaufen: "Wir wollen beste Bedingungen für Existenzgründer, wir wollen die kürzesten Genehmigungszeiten, Abbau von Bürokratie." Er wirbt für seinen Masterplan: Zugang zu Kapital, Mitarbeiterbeteiligung, Niedriglohnsektor entwickeln, Arbeits- und Tarifrecht auflockern, Zeitarbeitsmodelle ausbauen, Kombilöhne, höhere Gewinn- statt Substanzbesteuerung.

Neoliberale Positionen in einer rustikalen Hütte - wahrscheinlich ist Wulff in der CDU besser aufgehoben als in der FDP: Er ist zu gediegen, um als Event-Politiker den Clown zu geben.

"Leisetreter" und "Warmduscher"

Wulff ist kein Haudrauf wie sein Konkurrent Sigmar Gabriel. Wulff ist überlegt, zurückhaltend, geradezu ein nobler Mensch. Die SPD verschärfte vergangene Woche den Ton im Umgang mit dem politischen Gegner. Sie titulierte Wulff als einen "Leisetreter" und "Warmduscher". Wulff blieb souverän: "Wir bleiben bei unserem argumentativen Wahlkampf".

Er gilt als fair und kompetent, als beharrlich und verlässlich. Das kommt an. Besonders da die rot-grüne Regierung in Berlin phasenweise nahezu täglich eine neue Steuer oder Abgabe ankündigte, alsbald zurückruderte, viel Glaubwürdigkeit verspielte, und Gabriel im Chor der Kakophonie fröhlich mitsang. Die Folge: Wulff hat inzwischen bei den Sympathiewerten (43 Prozent) fast zu Gabriel aufgeschlossen (45 Prozent).

Bei der jüngsten Forsa-Umfrage liegen die Christdemokraten derzeit bei 48 Prozent, die Sozialdemokraten bei 36. Die Grünen kommen auf acht, Wulffs wahrscheinlicher Koalitionspartner FDP auf fünf Prozent. Es scheint, als ob der "nice guy" doch siegen könnte - die anderen müssen nur schlecht genug sein. Wulffs zentrale Wahlkampfaussage beschränkt sich denn auch schlicht auf das Wort "Besser!". Da "besser" ein Komparativ ist, bleibt offen, wie gut "besser" ist.

Seine Frau Christiane hat Wulff an der Universität seiner Heimatstadt Osnabrück kennen gelernt. Er war bereits Sprecher der Fachschaft, sie bei der Studienberatung für Erstsemester. Wulff war vom zweiten Lebensjahr an vaterlos aufgewachsen, nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Als er 14 war, erkrankte die Mutter an multipler Sklerose. Er pflegte die Mutter und kümmerte sich um die neun Jahre jüngere Schwester Natascha. Vorvergangenen Herbst übernahm er von Veronica Carstens die Schirmherrschaft der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft.

"Gute Nacht Papa"

Wulffs Familienleben im Osnabrücker Stadtteil Lüstringen erscheint als das einer bürgerlichen Paradefamilie. "Hier tanke ich neue Kraft", sagt Wulff, und jeden Sonntagabend geht das Ehepaar mit der neunjährigen Tochter Annalena zum Essen - Zeiten, die "heilig" sind. Hund Momo wird als "die gute Seele des Hauses" betrachtet, die Tochter lebt gerade ihre Pferdephase aus, die Frau engagiert sich im Schulelternrat, die Tochter ist stolz, dass der Vater 2500 neue Lehrer einstellen will, der Schwiegervater ist traurig, dass er als Bremer in Niedersachsen nicht wählen darf, die Tochter liest gerade "Gute Nacht Papa", Wulff kriegt im Ammerland von einer Bäckerin Pferde-Leckerlis, seine Frau steht nicht hinter ihm, sondern neben ihm, sagt Wulff: Das Klischee einer modernen Familie ist nicht anders.

In Wittmund geht der "Bunte Abend" der CDU langsam zu Ende. Wulff hört sich pflichtbewusst eine Schlagersängerin an ("Moin, moin, so klingt es hier in Stadt und Land"). Beim Zillertaler-Schürzenjäger-Song "Sierra Madre del Sur" wiegt er artig und etwas beklommen ein Feuerzeug in der Luft. Die meisten im Saal sind dazu übergegangen, ein CDU-Fähnchen zu schwenken. Bevor der Shanty-Chor wieder die Bühne betritt, verlässt Wulff die Veranstaltung, um sich ins nahe Norden bringen zu lassen. Wulff entschwindet durch den Hinterausgang. Vor der Halle demonstrieren ein paar junge Leute der Antifa mit einem Plakat "Revolution statt Repression".

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