YouTube-Affäre Ypsilantis Ehrfurcht vor dem falschen Münte

Andrea Ypsilanti wollte es geheim halten: Das Interview, das belegt, wie sie auf einen als Franz Müntefering posierenden Radio-Lockvogel reinfällt. Doch nun kursiert ein Ausschnitt des Gesprächs im Internet. Deutlich ist zu hören, wie eine Ministerpräsidentin in spe erstarrt, wenn der künftige Parteichef anruft.


Berlin - Der Dialog ist kurz, keine zwei Minuten dauert das YouTube-Video. Doch das Interview zwischen Andrea Ypsilanti und einem Radiomoderator, der sich als Franz Müntefering ausgibt, verrät einiges über das Verhältnis zweier führender Sozialdemokraten.

Zunächst fällt auf, dass Andrea Ypsilanti nicht häufig mit dem früheren und künftigen Parteichef zu reden scheint. Sonst hätte sie wohl sofort erkannt, dass es sich bei ihrem Gesprächspartner um einen Stimmenimitator handelt, der nur sehr entfernt nach Müntefering klingt. Auch früher scheint sie nie mit ihm zu tun gehabt haben, denn der sauerländische Sound ist eigentlich unverkennbar.

Statt aufzulegen, telefoniert die Hessin nach Angaben des Radiosenders ffn sieben Minuten mit dem falschen Münte. Das zeigt, welche Ehrfurcht bei manchem Genossen allein der Name des Allmächtigen auslöst. Der Adrenalinausstoß steigt schlagartig, für Zweifel ist im Denken kein Platz. Dem auf YouTube veröffentlichten Ausschnitt ist zu entnehmen, dass Ypsilanti alles stehen und liegen lässt, um das Telefonat anzunehmen.

Doch sagt sie nichts, was sie politisch kompromittieren würde. Sie tappt in keine Falle, die der falsche Müntefering stellt. Das Angebot, in Berlin eine Führungsrolle zu übernehmen und dafür Hessen der CDU zu überlassen, schlägt sie entschieden aus und begründet das mit ihrer Glaubwürdigkeit im Land. Auch als der falsche Parteichef indirekt mit dem Posten von Generalsekretär Hubertus Heil lockt, winkt Ypsilanti sofort ab.

Die von ihr im Gespräch geäußerte sachte Kritik an den unkontrollierbaren Jusos in Hessen muss Ypsilanti ebenfalls keine Sorgen bereiten: Diese Sätze hätte sie auch öffentlich äußern können, denn die Nachwuchsgenossen fassen Kritik von oben seit jeher als Lob und Bestätigung auf.

Doch bleibt ein unvorteilhafter Gesamteindruck, weil Ypsilanti vor Müntefering in Ehrfurcht erstarrt. Zwar scheint sie gewillt, ihr rot-rot-grünes Experiment in Hessen auch gegen den großen Münte zu verteidigen - so viel ist aus den wenigen Sätzen zu dem Thema abzuleiten. Aber für eine angehende Ministerpräsidentin ist ihr Tonfall zu demütig, zu defensiv. Viel Nervosität schwingt mit.

Daher ist es verständlich, dass die hessische SPD-Chefin dieses Interview gern geheim gehalten hätte. Aber dafür ist es zu spät: Was einmal auf YouTube kursiert, ist nicht mehr einzufangen. Die Erfahrung hat Ypsilanti schon einmal gemacht, kurz nach der Landtagswahl, als im Netz ein Video von ihrer Rede am Wahlabend die Runde machte: Ihr Lebenspartner, der hinter ihr stand und den Redetext mitzusprechen schien, erlangte kurzzeitig Berühmtheit als "fleischgewordener Teleprompter".

cvo



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