YouTuber gegen CDU Die groteske Überschätzung des Influencers

Er spricht im Internet! Er erreicht die Jugend! Da müssen wir reagieren! Das Deprimierende am Umgang der Traditionsparteien mit Leuten wie dem YouTuber Rezo ist nicht Ignoranz, sondern im Gegenteil der panische Annäherungsversuch.

YouTuber Rezo: Wie Augstein auf Ecstasy
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YouTuber Rezo: Wie Augstein auf Ecstasy

Eine Kolumne von


Zu den Vorzügen des Internets gehört die Fähigkeit, auch dem Mediokren den Glanz des ganz und gar Heutigen zu verleihen. Groß ist mittlerweile die Zahl von Medienmenschen, die es zu ansehnlichen Positionen gebracht haben, weil sie angeblich etwas vom Netz verstehen. Ausdrucksvermögen, Sprachgefühl, Textverständnis? Eher nebensächlich. Hauptsache, sie machen irgendetwas Digitales.

Wenn es gut läuft, schafft man es damit sogar in die Chefredaktion einer großen Tageszeitung wie der "Süddeutschen". Sie könne zwar keine "wuchtigen" Texte schreiben, bekannte die zum Mitglied der SZ-Chefredaktion aufgestiegene Influencerjournalistin Julia Bönisch vor drei Wochen fröhlich in einem Beitrag für ein Journalisten-Magazin. Dafür verstehe sie etwas von Workflows.

Übersetzt heißt das so viel wie: Ich habe noch nie etwas geschrieben, was Eindruck gemacht hat - aber, hey, wen kümmert das schon? Wobei, so ganz stimmt das nicht. Der Beitrag für das Journalisten-Magazin fand breite Beachtung, auch im eigenen Haus. Einige der alten Hasen, die sich immer noch einbilden, dass die Abonnenten wegen der Qualität der Texte die Zeitung beziehen, waren so bekümmert, dass sich Frau Bönisch in einer Redaktionskonferenz zu ihren journalistischen Vorstellungen befragen lassen musste. Jetzt wissen auch die Redakteure der "SZ", wie wichtig der richtige Workflow ist.

Die neueste Entdeckung sind sogenannte YouTuber, also Leute, die ein einträgliches Geschäftsmodell entwickelt haben, indem sie vor laufender Kamera Computerspiele testen oder Schuhe empfehlen. Seit der YouTube-Unternehmer Rezo ein Video hochlud, in dem er zur Abwechslung nicht Musiktapes mixte, sondern Vorhaltungen gegen die CDU, werden den YouTubern auch wundersame Kräfte bei der politischen Massenbeeinflussung zugemessen.

In einem Teil der Berliner Elite gilt als ausgemacht, dass die Union bei der Europawahl deshalb so schlecht abgeschnitten hat, weil Internetgrößen wie Rezo zur Nichtwahl aufriefen. Angeführt wird die Gruppe der Netzgläubigen von keiner Geringeren als der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Wie sehr sie von der Idee besessen ist, der Einfluss der Influencer hätte ihre Partei entscheidende Stimmen gekostet, zeigen ihre unglücklichen Einlassungen über die Verantwortung von Medien im Wahlkampf.

Das Deprimierende am Umgang der CDU mit Leuten wie Rezo ist nicht Ignoranz, sondern im Gegenteil der panische Annäherungsversuch. Man sollte meinen, dass es die Partei Helmut Kohls gewohnt ist, von links attackiert zu werden. Rezo ist genau besehen eine Art Jakob Augstein auf Ecstasy, also Augstein plus blauer Haare und minus der Belesenheit. Er bedient sich aus exakt dem Fundus antikapitalistischer Fummel, mit denen sich jeder Anhänger der Linken drapiert.

Aber so nüchtern, und ich würde sagen: realitätsgerecht, kann man die Dinge im Adenauer-Haus nicht sehen. Rezo verbreitet seine Ideen über das Internet! Er erreicht die Jugend! Also wird er nicht als blaugefärbter Augstein, sondern als Claus Kleber der Videowelt betrachtet.

Als Beleg für die Bedeutung der "Generation YouTube" gilt die Hinwendung der Jugend zu den Grünen. Von den unter 25-Jährigen, die an der Europawahl teilnahmen, haben 33 Prozent der grünen Partei ihre Stimme gegeben, das sind neun Prozentpunkte mehr, als CDU und SPD in dieser Altersgruppe zusammen erhielten. Was die meisten Kommentatoren in ihrer Fridays-for-Future-Begeisterung allerdings übersehen, ist die relative Größe des Jungwählerblocks.

Die bedeutendste Wählergruppe in Deutschland sind Frauen über 60. Von ihnen gibt es schlicht am meisten, nämlich 12 Millionen. Hier entscheidet sich das Schicksal der Volksparteien, nicht bei Menschen, die sich noch überlegen, ob sie Jura oder doch lieber irgendwas mit Kommunikation studieren sollen. Nur knapp fünf Millionen der Wahlberechtigten sind unter 25 Jahre alt. Das ist gerade mal ein Viertel der Altersgruppe, die vor dem Pensionsalter steht oder dieses bereits erreicht hat.

Es ist übrigens auch nicht wahr, dass CDU und SPD am Sonntag das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten hätten hinnehmen müssen, wie man allenthalben lesen konnte. Vielen Politjournalisten scheint der Unterschied zwischen Wählern und Wahlberechtigten nicht geläufig zu sein. Tatsächlich hat die Union 2009 ihr historisch schlechtestes Ergebnis geholt. Damals votierten nur 16 Prozent der Wahlberechtigten für die Christdemokraten.

Diesmal war die Zahl mit 17,5 Prozent nicht wesentlich besser, aber es war eben auch nicht der Tiefpunkt, wie der Wahlforscher Manfred Güllner in einer Wahlanalyse in Erinnerung gerufen hat. Die SPD erzielte 2004 (9 Prozent) beziehungsweise 2009 (8,8 Prozent) ihre schlechtesten Ergebnisse bei einer bundesdeutschen Wahl. Wenn die ehemaligen Volksparteien unter der Abwanderung der Jugend leiden, dann leiden sie darunter schon ziemlich lange.

Warum die Grünen am Sonntag abgeräumt haben? Ganz einfach: Weil es ihnen gelungen ist, viele Deutsche über 60 von sich zu überzeugen. Hier liegt der Schlüssel ihres Erfolges, nicht bei der Strahlkraft auf die Erstwähler. Dass auch die deutsche Großmutter ihr Herz für Robert Habeck und seine Mitstreiter entdeckt hat, hängt aber wohl deutlich mehr mit der Dauerpräsenz der Grünen in deutschen Talkshows zusammen als mit der geballten Macht der Influencer, die zur Wahl der Klimawandelpartei aufriefen.

Gegen die acht Millionen Zuschauer, die Woche für Woche bei Anne Will, Maischberger und Illner zuschalten, verblassen fast alle YouTube-Filmchen. Deshalb sitzen die Grünen ja auch dort und nicht bei Julien Bam, Unge und DagiBee.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Julia Bönisch sei stellvertretende Chefredakteurin der "Süddeutschen Zeitung". Sie ist Mitglied der Chefredaktion, die Passage wurde korrigiert.

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insgesamt 630 Beiträge
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Seite 1
Shantam 30.05.2019
1. Inhalt ?
Geht es um den jungen Burschen oder um den Inhalt was er sagt? Uns allen steht das Wasser bis zum Hals! Warum ist das so schwer zu verstehen? Wir müssen handeln und nicht ständig alles zerreden !!! Wir alle haben dieses Problem .
Das Pferd 30.05.2019
2.
Blaue Harhe und ein Lächeln, daß einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, wenn es mit Macht über Menschen daher kommt. Wäre bis cor 2 Wochen als Beschreibung von Margot Honecker durchgegangen.
Freifrau von Hase 30.05.2019
3. Etwas übersehen
"Die bedeutendste Wählergruppe in Deutschland sind Frauen über 60." - "Nur knapp fünf Millionen der Wahlberechtigten sind unter 25 Jahre alt. " Das ist jetzt beides richtig, ja. Nur: Die Alten sterben weg und die älter werdenden wechseln nicht zwingend von den Grünen zur CDU. Es ist das Schicksal der Volksmusik: Die Alten sterben und die Jungen - und mittlerweile auch die Mittelalten - sind mit Techno, Rap und Metal aufgewachsen. Von denen wird auch keiner mehr Volksmusikfan, nur weil er seinen 65. Geburtstag gefeiert hat.
clausde 30.05.2019
4.
Die Frau über Sechzig will eben der nachfolgenden Generation eine saubere Welt hinterlassen. Mancher Mann aus dieser Altersgruppe selbstverständlich auch. Dafür stehen die Grünen mehr ein als die Regierungsparteien. Wird allerdings der Generationenvertrag von den Jungen ernsthaft in Frage gestellt, ist Schluß mit lustig. Frau mit Sechzig steht ja bald vor der Rente. Also liebe Grünen, bitte auch mehr Rentnerpartei werden. Dann schafft ihrs eines Tages ganz alleine zu regieren. ;)
Luscinia007 30.05.2019
5.
Mediokre - im Internet - bringen es zu was? Na sowas!!! Zu den Vorzügen des Flugreisens in früheren Zeiten gehörte die Möglichkeit für eine große Zahl von Machtmenschen, sich gegenseitig zu ansehnlichen Positionen zu verhelfen, nur weil man zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Flugzeug über die Anden gesessen hat ;) Herr Fleischhauer ist doch immer wieder für einen Brüller gut :-D
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