Zehn Jahre danach Die zwei Welten von Rostock-Lichtenhagen

Zehn Jahre nach den Pogromen in der Rostocker Plattenbausiedlung sind die Rechtsradikalen in der Defensive. Doch der alltägliche Rassismus gegen Ausländer ist ungebrochen.

Von Fabian Löhe


Krawalle in Rostock-Lichtenhagen (August 1992): "Wir sind alle sensibler geworden"
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Krawalle in Rostock-Lichtenhagen (August 1992): "Wir sind alle sensibler geworden"

Diesmal waren die Einsatzkräfte schneller. Nur acht Minuten brauchte die Polizei, um vor Ort zu sein. Nach 15 Minuten war das Feuer gelöscht. Die Fensterscheiben der vietnamesischen Imbiss-Gaststätte waren gesplittert. China-Nudeln, Reis und Bambussprossen aus dem benachbarten Asia-Markt lagen zwischen Glasssplittern auf dem Boden verteilt. Und dichte Rauchschwaden zogen aus dem Geschäft, nachdem Jugendliche am 20. Juli dieses Jahres Steine und Molotow-Cocktails in die Gaststätte und zwei Läden geworfen hatten.

Ort und Zeit des Anschlags waren mit Bedacht gewählt: Denn annähernd zehn Jahre zuvor waren das gleiche Gebäude und der gleiche Stadtteil Schauplatz eines der schlimmsten Ausbrüche von Rassismus und Gewalt in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hier, in Rostock-Lichtenhagen, lieferten sich am 24. August 1992 zeitweise mehr als 1200 Rechtsradikale und Sympathisanten unter dem Beifall der Anwohner eine mehrtägige Schlacht mit der Polizei. Nur mit Mühe konnten die Menschen aus der damaligen Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber aus dem brennenden Inferno gerettet werden.

Nun im Sommer 2002 "wollen die nach zehn Jahren zeigen, dass sie noch immer da sind", kommentiert der Besitzer des Asia-Bistro lapidar den jüngsten Anschlag. Doch anders als damals besucht der Bürgermeister Arno Pöker (SPD) zwei Tage später die Geschädigten der Brandanschläge persönlich. Bereits nach einer Woche sind die Fenster repariert, die Räume frisch gestrichen und die drei mutmaßlichen jugendlichen Täter durch eine 25-köpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei verhaftet.

Denn die Stadt versucht nun schon seit zehn Jahren alles, um den Makel des Rechtsradikalismus loszuwerden. Seit Oktober 1992 gibt es einen Ausländerbeirat, der seine Anliegen in der Bürgerschaft vortragen kann. 1998 gründete sich das überparteiliche Bürgerbündnis "Bunt statt Braun", das sich für den morgigen 24. August auch gleich alle Rostocker Straßen für Veranstaltungen gesichert hat. Dabei kann ohnehin nicht überall gleichzeitig demonstriert werden, aber die Rechten haben dann keine Chance mehr aufzumarschieren.

Beim Friedensfest am "Sonnenblumenhaus", dem einstigen Asylbewerberheim, werden Jugendliche einen vietnamesischen Drachentanz vorführen und ein musikalisches Märchen vorlesen, dass die Ereignisse von Lichtenhagen verarbeitet. "Wir sind alle sensibler geworden", sagt Bürgermeister Pöker. Und auch die Vietnamesen suchen den Kontakt zu den deutschen Einwohnern der Hansestadt. Bereits wenige Wochen nach den Anschlägen vor zehn Jahren gründete sich der Verein "Dien Hong - Gemeinsam unter einem Dach".

Preisverleihung an Ausländer-Initiativen durch Bundespräsident Johannes Rau: Den Makel des Rechtsradikalismus loswerden
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Preisverleihung an Ausländer-Initiativen durch Bundespräsident Johannes Rau: Den Makel des Rechtsradikalismus loswerden

Etwa 1400 Ausländer der Region aus 65 Nationen haben allein seit April 2000 Deutschunterricht bekommen, oder sich Vorträge zu Themen wie "Vom Gastarbeiter zum Einwohner" angehört. Im "Interkulturellen Jugendtreff" können die Teenager Tischtennis spielen und erst kürzlich hatte der Verein wieder für zwei Wochen Besuch von Jugendlichen aus Rumänien. Am Mittwoch dieser Woche hat sogar der Bundespräsident den Verein für seine Integrationsarbeit ausgezeichnet.

Doch diese privaten und kommunalen Initiativen verhindern nur die Eskalation der Gewalt, den latenten Rassismus der Bevölkerung können sie kaum mindern. Rostock teilt sich in zwei Welten: Grölende Nazi-Horden sind hier nicht zu finden, aber dennoch macht sich nach zehn Jahren der Integrationsarbeit nun Ernüchterung breit.

Nguyen Do Thinh, 39, musste sich 1992 über das Dach des Sonneblumenhauses ins Freie retten. Seit zehn Jahren ist er Vorsitzender von Dien Hong, jetzt wirkt er sehr müde und ist immer nachdenklich. Dass er vor dem Brand einmal ein fröhlicher Mensch war, können sich seine Kinder heute nicht mehr vorstellen. "Es ist wie der Kampf von Don Quichotte gegen die Windmühlen", sagt er leise.

Als Repräsentant von Dien Hong genießt er zwar Respekt in der Öffentlichkeit und wird zu vielen Vorträgen eingeladen, doch wenn er auf der Straße angegriffen wird, "nützt das dem zweiten - privaten - Thinh auch nichts". Den deutschen Pass will er gar nicht mehr, weil sich dadurch am Rassismus des Alltags auch nichts ändere, etwa wenn im Bus der Platz neben ihm fast immer frei bleibt. "Aber diese Einschränkungen merke ich schon kaum mehr," stellt er resigniert fest.

Rassimusopfer Long Nugyen: "Je mehr du daran denkst, desto mehr Wut bekommst du"

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Ganz ähnliche Erfahrungen macht auch die jüngere Generation. Der Sohn des Besitzers vom attackierten Asia-Imbiss, Long Nguyen, 19, spürt den Rassismus schon mit den Blicken und hört ihn hinter seinem Rücken. Als er vor einiger Zeit von Mitgliedern des braunen Mobs angegriffen wurde, musste er sich allein verteidigen - seine vermeintlichen Freunde standen tatenlos daneben. Dennoch beteuert er: "Ich mach mir keinen Kopf um Lichtenhagen. Je mehr du daran denkst, desto mehr Wut bekommst du."

In der kleinen Gaststätte sind die Spuren der Rechtsradikalen stets sichtbar. So dokumentiert eine Delle im Tresen einen Vorfalls von vor drei Jahren, als Longs Vater von einem Gast mit einer Pistole bedroht wurde. Den Angreifer musste er mit seinem Cousin alleine überwältigen. Vorfälle wie diese gehören zum Alltag. 18 weitere Fälle von gewalttätigen Übergriffen durch Rechtsradikale führt die "Landesweite Opferberatung, Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in M-V" in ihrer Statistik seid Januar 2001. "Gerade sind wir in einer Phase, wo es wieder mehr Übergriffe gibt", berichtet der Opferberater Tim Bleis.

Doch die deutschen Anwohner des Sonnenblumenhauses versuchen zu verdrängen und wollen mit einstigen Vorfällen nicht mehr konfrontiert werden. "Mir geht's doch gut" sagt die alte weißgelockte Frau mit der Gehhilfe, "wir wollen unsere Ruhe haben", beschwert sich der Mittfünfziger mit Wohlstandsbauch im karierten Hemd. "Gras über die Sache wachsen lassen" will der Anwohner, der gerade seine Einkäufe nach Hause trägt und der dicke Mann mit der Halbglatze und der Plastiktüte in der Hand schimpft sogar unverhohlen: "Die Scheißausländer brauchen sich nicht zu wundern, wenn ihnen die Scheiben eingeschlagen werden. Die nehmen uns nur die Jobs weg." Selbst die Jugendlichen, die auf der Treppe vor dem Wohnhaus sitzen, sagen, dass das "damals von der Sache her berechtigt war, die zu vertreiben", und dass sie sich "raushalten" würden, wenn wieder etwas passiert.

Auf diese Weise könnten Parolen wie die des NPD-Kreisvorsitzenden Lutz Dessau, 36, von einer "Repatriierung der Ausländer" auf fruchtbaren Boden fallen. Er verteidigt die damaligen Ausschreitungen als "territoriales Verteidigungsdenken der Anwohner", die nur "rein juristisch" kriminelle Handlungen gewesen seien. Am Donnerstag vorletzter Woche verteilte die NPD wieder auf der Straße ihr Wahlprogramm an die Bevölkerung. Diesmal im benachbarten Stadtteil Lütten Klein.

So wird die Polizei auch weiterhin ab 21.15 Uhr vor dem Schnellrestaurant Wache schieben und um 22.15 Uhr einen weiteren Rundgang machen. Wenig später schließt dann der Asia-Imbiss, und die Fenster werden mit Holzplanken verdeckt. Das machen die Vietnamesen seit dem letzten Anschlag nun jeden Abend so.



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