Zehn Jahre - Zehn Tage Westwärts und nicht vergessen

Zehnter Tag: Ein krönender Abschluss - Magdeburg, das mit der Bundesgartenschau blühende Landschaften vorweisen konnte. Dort treffen wir die Vergessenen der DDR, die ehemaligen Vertragsarbeiter aus Vietnam. Und enden um einiges schlauer in Berlin am Brandenburger Tor.


Kneipenansicht in Magdeburg
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Kneipenansicht in Magdeburg

Also Magdeburg. Wer will da schon hin, fragen wir uns - und fahren einfach. So ein Einstieg bringt böse Post. Aber wir haben uns auch unter Ostdeutschen versichert, dass Magdeburg nicht gerade für das schönste Lächeln des Sozialismus gehalten wurde. Jaja, die Stadt kann nichts dafür, dass sie so zerbombt war und zugestellt wurde mit Plattenbauten. Ja, und viele lebten doch lieber in der Platte, Typ Erfurt, als in unsanierten, feuchten Altbauten mit Kohleöfen. Stimmt alles. Ändert aber nichts an der Ästhetik.

Magdeburg ist die einzige Landeshauptstadt im Reiseplan. Und was wäre aus der Stadt geworden, wenn sie nicht wenigstens Regierungssitz wäre? Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) jedenfalls schreibt in seinem Buch zum zehnten Jahr der Wiedervereinigung, wie schön es war, dass Magdeburg die Bundesgartenschau in die Stadt holen konnte: gesät und gepflanzt auf den Trümmern des Krieges, herangewachsen aus Ruinen, welch ein Symbol.

Sättigungsbeilagen und Störche

Vielleicht sollte man auf dem Weg nach Magdeburg die Straße der Romanik meiden. Denn dort ist es so unglaublich idyllisch mit Störchen am Wegesrand, angelnden Jungs am Dorfweiher und "Sättigungsbeilagen" für drei Mark auf der Speisekarte, dass danach jede Stadt wie Magdeburg wirkt.

Ost-Relikt Trabbi
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Ost-Relikt Trabbi

Erster Eindruck in der Innenstadt: Magdeburg hat die hässlichsten Häuser und die schönsten Menschen. Ob da ein Zusammenhang besteht, muss jeder selbst entscheiden. Vor allem die Jugendlichen können hier locker bei jedem Mode-Contest bestehen und stellen sich noch stärker zur Schau als in Städten wie Düsseldorf oder München. Und das will was heißen. Aber nichts Gutes.

Auf einem Markt treffen wir die Vietnamesin Ho. Sie sagt, wir sollen sie Ho nennen, egal ob das nun ihr echter Name sei. Ho verkauft Kaffeedosen. Deren Clou besteht darin, dass Sie damit das Kaffeemehl bereits genauestens abgemessen aus der Dose in den Filter ablassen können. Nie wieder zu starker oder schwacher Kaffee, weil man sich beim Löffeln verzählt hat oder den Unterschied zwischen gestrichen und gehäuft nicht kennt. "Morgen beginnt für Sie ein neuer, guter Tag!", sagt Ho in gebrochenem Deutsch und versucht damit Kaffeedosen-Kunden an ihren Stand zu locken. Aber niemand interessiert sich für das Dosier-Wunder. Und für Ho interessiert sich dieses Land auch nicht mehr.

Die Vergessenen der DDR

Kaffeedosen-Verkäuferin Ho: Morgen beginnt ein neuer Tag.
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Kaffeedosen-Verkäuferin Ho: Morgen beginnt ein neuer Tag.

Sie gehört zu jener Gruppe, für die die deutsche Einheit keinen Platz hat. Als Vertragsarbeiter aus Vietnam hatten sie in der DDR ihr Auskommen. Sie waren auch nicht perfekt integriert, weil Solidarität sich selbst im Sozialismus nicht verordnen lässt, aber es ging ihnen besser als heute. Denn seit der Wende sitzen sie zwischen allen Stühlen und zwar ganz unten. In Deutschland sind sie nur noch lästige Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, in Vietnam sind sie nicht mehr willkommen, weil sie nun aus einem kapitalistischen Land kommen und den Keim des Konsumdenkens ins Land tragen würden. Dadurch entstand eine Parallelwelt mitten in Deutschland, sie haben sich in ein Subsystem zurückgezogen, das ihnen Sicherheit bietet mit eigener Sprache, Kultur, Religion. Und eigenen Geschäften. Legalen und illegalen. Weil der Schwache den Schwächeren verachtet, wurden Vietnamesen zu bevorzugten Zielen von Ausländerhass: "Fidschis klatschen" war Volkssport unter Skins, oft unter stiller Zustimmung jener, die zwar sehr gerne zum halben Preis schwarz ihre Zigaretten einkaufen, aber ansonsten Ausländer grundsätzlich kriminell finden.

"Es gibt Jobs, die wollen alle haben"

Ho meidet Begriffe wie Heimat und Zukunft. Sie schlägt sich durch, jeden Morgen neu. Am Abend bleiben die Vietnamesen unter sich, in ihren Wohnungen und eigenen Kneipen. "Wenn ich in die Straßenbahn steige, halten die Frauen ihre Handtaschen fester. Wenn ich im Café sitze, kommt niemand an meinen Tisch. Und wenn es dunkel wird, gehe ich nicht allein auf die Straße." Morgen beginnt für sie ein neuer Tag in Deutschland. "Jede Fusion hat ihre Verlierer", warb mal eine Wirtschaftszeitung mit dem Foto Erich Honeckers. Die haben keine Ahnung.

Ja, die Werbung. Die hat auch nicht begriffen, dass der Osten anders tickt. Mal ist sie unfreiwillig komisch, dann grenzt es an Zynismus. Als wir aus Magdeburg rausfahren, hängt dort wieder diese riesige Tabakwerbung, wie sie uns während der Fahrt durch Neufünfland ständig begegnete: Da drängeln sich Zigaretten um eine leere Packung, und mit großen Buchstaben steht darunter: "Es gibt Jobs, die wollen alle haben". Kommt bestimmt gut, vor allem in Städten mit bis zu 26 Prozent Arbeitslosigkeit.

Auf dem Rückweg nach Berlin schlenkern wir durchs Jerichower Land mit Mutmaßungen über Deutschland. Die ganze Stasi-Debatte tauchte während der zehn Tage nicht auf. Das kann Zufall sein oder bestätigt den Verdacht, dass es sowieso immer eine West-Debatte war, weil sich der Westen dann moralisch überlegen fühlen durfte und den Komplex der Nichtaufarbeitung von Nazigeschichte im Westen so nun wunderbar kompensieren konnte. Jedenfalls wurden die Wahlergebnisse für Manfred Stolpe immer besser, je heftiger die Angriffe auf ihn waren. Und die nicht unerheblichen Verstrickungen Westdeutscher mit dem MfS waren auch nur selten Thema. Joachim Gauck nannte die Stasi-Akten mal "Medizin gegen zu viel Ostalgie". Er mag damit Recht haben, dass für viele sich die DDR im Rückblick verklärt. Aber eine zu hoch dosierte Medizin wirkt wie ein Gift.

Das Gift der Perspektivlosigkeit

Noch giftiger ist im Osten die Perspektivlosigkeit für Jugendliche. Für bis zu 18 Prozent Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen gibt es nur einen Begriff: Katastrophe. Eine Gesellschaft, die ihren Kindern die kalte Schulter zeigt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie Rattenfängern folgen. Lächerlich hingegen scheint die Angst des Westens vor der PDS. Die Partei taugt nicht zum roten Tuch und schon gar nicht für eine Rote-Socken-Kampagne. Natürlich gibt es sie dort, die kommunistische Plattform, so wie es in der CDU auch einen Rechtsaußen Heinrich Lummer gibt. Aber gerade in ostdeutschen Kommunen zeigt sich die Politikfähigkeit, wenn zum Teil in PDS/CDU-Koalitionen einfach im Dienste einer Sache und nicht einer Weltanschauung gearbeitet wird. Die Not schweißt zusammen. Um zu verstehen, wie im Osten Politik und Identität zusammengehören, empfiehlt sich das Buch von Daniela Dahn mit dem bezeichnenden Titel: "Westwärts und nicht vergessen".

Der Westen fälscht den Osten

Wir waren nur für zehn Tage ostwärts unterwegs, um den vergangenen zehn Jahren nachzuspüren. Wir haben nicht den Osten erfasst und gezeigt, wir haben zehn Geschichten erzählt, von Menschen und Städten. Jetzt kommen wir zurück in die Hauptstadt. Als wir Berlin verließen, saßen am Brandenburger Tor seit über drei Wochen drei Frauen aus Ostdeutschland im Hungerstreik. In einem regelrechten Wirtschaftskrimi waren sie und ihre Firma über den Tisch gezogen worden. Wir kommen von Westen her in die Stadt und fahren auf das Brandenburger Tor zu, gleich neben dem Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages, wie es auf den Verkehrsschildern immer heißt, weil das Wort Reichstag allein unsere unverkrampfte Nation überfordert. Die drei Frauen sind weg. Sie haben aufgegeben. Sie stören nicht mehr die Fotokulisse, das Symbol der Einheit, wo Touristen Steine kaufen, die sie für Mauerstücke halten, und sich kichernd DDR-Auszeichnungen wie "Held der Arbeit" an die Brust heften. Der Westen fälscht den Osten.


 





Wir sind am Ende: Den Überblick über den Verlauf der Reise finden Sie unten im Kontextkasten.

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9. Tag: Der Traum von Bad Bitterfeld






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