Proteste gegen Corona-Politik Zehntausende Menschen bei Kundgebung an Siegessäule

Auch nachdem die Polizei eine Demonstration in Mitte aufgelöst hatte, waren zahlreiche Corona-Gegner in Berlin unterwegs. Der rechtsradikale Koch Attila Hildmann wurde festgenommen.
Teilnehmer der Querdenken-Kundgebung in Berlin

Teilnehmer der Querdenken-Kundgebung in Berlin

Foto: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/Shutterstock

Nach Auflösung der ersten Demonstration in Berlin-Mitte haben sich am Samstagnachmittag viele Tausend Menschen aus Protest gegen die Corona-Politik an der Siegessäule und auf der Straße des 17. Juni versammelt. Polizeisprecher Thilo Cablitz sprach von mehreren Zehntausend Teilnehmern. Die rund zwei Kilometer lange Strecke war mit Demonstranten gut gefüllt. Insgesamt sollen an den Demonstrationen und Kundgebungen in Berlin nach Polizeiangaben etwa 38.000 Menschen teilgenommen haben. Nach den teils gewalttätigen Demonstrationen im Tagesverlauf hatet sich die Lage nach Angaben der Polizei bis zum späten Abend beruhigt. "Jetzt scheint es erstmal eine entspannte Nacht zu geben", sagte eine Sprecherin am Samstag eine Stunde vor Mitternacht.

Auf der Bühne an der Siegessäule traten mehrere Redner auf. Die Ansprachen wurden über Leinwände übertragen. Michael Ballweg von der Stuttgarter Initiative Querdenken forderte die Aufhebung aller zum Schutz vor der Corona-Pandemie erlassenen Gesetze sowie die sofortige Abdankung der Bundesregierung. Dafür bekam er großen Beifall. Zugleich dankte Ballweg der Berliner Polizei, "die uns ermöglichte, hier friedlich zu demonstrieren".

Mindestabstände nicht eingehalten

Der US-Rechtsanwalt, Umweltaktivist und Impfgegner Robert Francis Kennedy Jr., Neffe des US-Präsidenten John F. Kennedy, wandte sich in seinem Redebeitrag gegen den Aufbau des 5G-Mobilfunknetzes, warnte vor einem Überwachungsstaat und attackierte in diesem Zusammenhang unter anderem Microsoft-Gründer Bill Gates.

Unter Verweis auf den berühmten Berlin-Besuch des US-Präsidenten Kennedy im Juni 1963 sagte er, sein Onkel sei damals nach Berlin gekommen, weil in der Stadt die Front gegen Totalitarismus verlaufen sei. "Heute ist Berlin wieder die Front gegen Totalitarismus", fügte er an.

Menschen stehen dicht gedrängt

Die Polizei hatte zunächst via Twitter Zweifel geäußert, ob die Mindestabstände bei der Großkundgebung an der Siegessäule eingehalten werden können. Direkt vor der Bühne standen die Menschen sehr eng zusammen, weshalb die Organisatoren die Teilnehmer wiederholt aufforderten, sich weiträumiger zu verteilen, um keinen Abbruch der Kundgebung zu provozieren. Doch nur wenige Teilnehmer folgten der Aufforderung und entfernten sich.

Zuvor war eine Demonstration in Berlin-Mitte von der Polizei mit Verweis auf nicht eingehaltene Abstände und fehlende Masken aufgelöst worden. Trotz des Polizeiaufrufs zur Auflösung hielten sich am Samstagnachmittag jedoch weiterhin Tausende Menschen auf den Straßen auf. Die Polizei schloss auch den Einsatz von Wasserwerfern nicht aus, sollten die Demonstranten die Straßen nicht verlassen.

"Wir gehen nirgendwohin"

"Alle bisherigen Maßnahmen haben nicht zu einem Einhalten der Auflagen geführt", teilte die Polizei am Mittag mit. "Mindestabstände werden von Ihnen flächendeckend trotz wiederholter Aufforderung nicht eingehalten", hieß es in einer Durchsage an die Demonstranten. "Aus diesem Grund besteht keine andere Möglichkeit, als die Versammlung aufzulösen."

Die Demonstration in Berlin-Mitte hätte um elf Uhr beginnen sollen. Nach den wiederholten Polizeidurchsagen zur Auflösung der Demonstration riefen die Veranstalter die Teilnehmer dazu auf, den Bereich nicht zu verlassen. "Wir gehen nirgendwohin", hieß es.

Bereits seit dem Morgen waren die Straßen in der Umgebung voller Menschen. Für den Demonstrationszug waren 17.000 Menschen angemeldet. Die Route sollte bis zur Straße des 17. Juni führen. Dort war für den Nachmittag eine Großkundgebung mit 22.500 Menschen angemeldet.

Hildmann vor Russischer Botschaft festgenommen

Während der Proteste ist es vereinzelt zu Rangeleien und Angriffen auf Einsatzkräfte der Polizei gekommen. Im Bereich der Reichstagswiese seien Teile der Absperrung umgeworfen worden, twitterte die Polizei. "Es drangen Personen in den gesperrten Bereich vor." Dagegen sei die Polizei vorgegangen. Polizeisprecher Thilo Cablitz sagte dazu, dass es dort zu Rangeleien gekommen sei. Auf einer Bühne vor dem Reichstag hatte unter anderem der Vegan-Koch Attila Hildmann gesprochen, der immer wieder Verschwörungsmythen verbreitet.

Vor der Russischen Botschaft versammelten sich laut Cablitz rund 2000 Menschen. Dort seien Einsatzkräfte angegriffen worden. Am frühen Abend wurde dort auch Attila Hildmann von der Polizei in Gewahrsam genommen. Ein via Twitter verbreitetes Video zeigt Hildmann mit Megafon, während um ihn herum die Menschen "Putin, Putin" skandieren. Kurz danach führten Beamte ihn ab.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Insgesamt seien über den Tag verteilt rund 300 Menschen festgenommen worden, allein vor der russischen Botschaft seien es etwa 200 gewesen, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD). Dort seien Beamte unter anderem aus einer Menge von rund 3000 sogenannten Reichsbürgern und Rechtsextremisten mit Steinen und Flaschen beworfen worden. Laut Polizei gab es dort auch Gefangenenbefreiungen. Am Nachmittag hatte die Polizei von Stein- und Flaschenwürfen auf Beamte und ersten Festnahmen berichtet.

3000 Polizisten im Einsatz

Am Mittwoch hatte die Versammlungsbehörde den Demonstrationszug und die Großkundgebung wegen des Infektionsschutzes verboten, Gerichte kippten die Verbote jedoch. Erwartet wurden insgesamt bis zu 30.000 Demonstranten. Die Berliner Polizei ist mit 3000 Beamten im Einsatz, unter ihnen sind nach Polizeiangaben auch tausend Beamte vom Bund und aus anderen Bundesländern.

Die Großkundgebung am Nachmittag an der Siegessäule wurde von der Initiative Querdenken 711 angemeldet. Die Stuttgarter Initiative hatte auch die Versammlung am 1. August organisiert, bei der mehr als 20.000 Menschen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie demonstriert hatten. Dabei wurden Hygieneauflagen bewusst missachtet. Neben Corona-Leugnern und radikalen Impfgegnern waren auch viele Teilnehmer mit eindeutig rechtsgerichteten Fahnen oder T-Shirts in der Menge zu sehen.

hda/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.