Nikolaus Blome

Zeitenwende rückwärts Hört auf die Boomer!

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Wenn die Welt in die Achtzigerjahre und den Kalten Krieg zurückfällt, sind plötzlich die wieder Avantgarde, die sich da auskennen: wir Boomer.
Trabi auf der Glienicker Brücke, 13.11.1989: Wir Boomer wissen, was ein Epochenbruch ist

Trabi auf der Glienicker Brücke, 13.11.1989: Wir Boomer wissen, was ein Epochenbruch ist

Foto: Eric BOUVET / Gamma-Rapho via Getty Images

Es gibt intergenerationell wenig dermaßen Herablassendes wie den Spruch: OK Boomer. Die ganze Überflüssigkeit, das aus der Gegenwart Gefallene, die manifeste Vorgestrigkeit – alle diese Unterstellungen serviert OK Boomer: Legt Euch schlafen, Ihr Jahrgänge der 1960er, jetzt sind die 2020er Jahre, und Ihr seid peinlich alt.

Auch im öffentlichen Raum schien es eine Zeit lang so, als hätten sich die Jüngeren der Debatten der Zukunft weitgehend bemächtigt: Besonders wenn es um den Klimaschutz ging, wurde behauptet, dass bestimmte Gruppen allein wegen ihrer naturgemäß längeren Lebenserwartung auf diesem Planeten ein höheres Recht auf Gehör und Durchsetzung bei der Frage besäßen, wie er zu retten sei. Viele Argumente wurden allein entlang des Lebensalters desjenigen, der sie vorbrachte, auf- oder abgewertet, war es nicht so? Als Christian Lindner den Fridays-for-Future-Demonstranten öffentlich nahelegte, die Probleme lieber den politischen »Profis« zu überlassen, wurde er weggefegt. Profis, das schwang ja bei Lindner mit, haben eine gewisse Erfahrung, mithin ein gewisses Alter. Und das allein machte sie verdächtig und in bestimmten Milieus sogar komplett unmöglich.

Aber jetzt ist Rückspiel. Vorn ist, wo die Boomer sind.

Russland hat die Ukraine mit Panzern, Kanonen und Soldaten überfallen. Es fliegen Raketen auf Kiew, das von Berlin aus so nahe ist wie Florenz. »Zeitenwende« nennt der Bundeskanzler den Krieg, aber eine Generationenwende ist es auch: Die globalisierte Gegenwart des Westens wird von den Ereignissen weggefegt wie einst Rom von den Stämmen aus dem Norden. Doch die Zukunft, die nun folgt, steht den Älteren näher als den Jüngeren, weil sie eine politische und ökonomische Großwetterlage bringt, die den Achtzigerjahren stark ähnelt. Nichts gegen Fridays-for-Future oder Luisa Neubauer, aber die Avantgarde der neuen Zeit, das sind die Boomer. Weil sie sich mit der alten Zeit und ihren Gesetzen auskennen.

Wir, die Boomer, wissen, was ein Epochenbruch ist, denn wir haben einen erlebt. Unserer war für die allermeisten ein glücklicher, der Fall der Mauer nämlich, das Ende der waffenstarrenden Blöcke und die Hoffnung auf den globalen Triumph der weltoffenen Demokratien. Wir Boomer kennen aber auch den Kalten Krieg und seine seltsame Mental-Mischung aus atomarer Bedrohung und atomarem Schutzschild. In meinen Jahrgängen war man zu gegebener Zeit für oder gegen die Nato-Nachrüstung, man verweigerte den Wehrdienst oder ging zum Bund, man fand die Sowjetunion aggressiv oder nicht. Aber alle gemeinsam wussten, worum es ging. Alle, zumindest alle Interessierten, kannten die Codes dieser Debatten und ihre Begriffe. In meiner mündlichen Politik-Magisterprüfung (nur Nebenfach) sollte ich erklären, was MIRV  ist. Hat irgendjemand unter 35 diese Abkürzung schon mal gehört?

Die Zukunft, die nun folgt, steht den Älteren näher als den Jüngeren, weil sie eine politische und ökonomische Großwetterlage bringt, die den Achtzigerjahren stark ähnelt.

Wir Boomer kennen die Zeiten, als die Globalisierung noch nicht alle Entfernungen verkürzt, alle Waren verfügbar gemacht und alle Preise gedrückt hatte. Eben diese globale Vernetzung und ihre Segnungen stehen nun unter dem Vorbehalt nationaler »Resilienz«, was bloß ein anderes Wort für Wehrhaftigkeit ist. Der Landwirtschaftsminister stellt sich inzwischen sogar die Frage, ob in Deutschland genug Weizen angebaut wird, damit die Menschen Brot haben.

Anders als die Jüngeren kennen die meisten Boomer auch sieben Prozent Bauzinsen oder die Worte: Stagflation, Lohn-Preis-Spirale  oder Selbstversorgungsgrad. Das kommt jetzt alles zurück, die IG Metall wird diese Woche nahe zehn Prozent Lohnerhöhung verlangen. Die Begründung für diese Forderung liegt auf der Hand, aber wahr ist eben auch: Fortgesetzte Geldentwertung dieses Ausmaßes kann eine Gesellschaft langsam aber sicher zersetzen. Wer 1990 oder später geboren ist, kennt diese Sorge nicht.

Das soll die Vergangenheit nicht heldenhaft verklären, wirklich nicht. Es macht die Forderung vieler Jüngerer nach mehr Klimaschutz auch nicht weniger dringend. Und natürlich waren die letzten 20 Jahre für sie ebenfalls alles andere als krisenfrei: Abgesehen von der sich stetig verschärfenden Erderwärmung gingen zeitweilig die Finanzmärkte koppheister, der Euro fast kaputt, es kamen Millionen Flüchtlinge und Zuwanderer binnen kürzester Frist nach Europa und schließlich Corona über die Welt. Aber in den 16 Jahren mit Angela Merkel galt, in ihren eigenen Worten: Aus der jeweiligen Krise können (und werden) Deutschland, der Euro oder die Gesellschaft stärker hervorgehen, als sie hineingegangen sind. Merkels Versprechen hieß: »Liebe Landsleute, lassen Sie mich mal machen, und wenn das hier vorbei ist, bekommen Sie alle Ihr altes Leben wieder zurück«. So gesehen gab es ein allseits anerkanntes Normal und mehrere Krisen, die es unterbrachen, aber nicht beendeten. Die Hoffnung auf Rückkehr verging in der Mitte der Gesellschaft nie. Das hielt sie zusammen.

Ganz anders jetzt. Auch wenn die jüngste Kriegs-Rede von Olaf Scholz der ersten Corona-Ansprache Angela Merkels aus dem März 2020 im Ton durchaus ähnelte: Was immer die Zukunft bringt – das alte Leben, das von vor Putins Krieg, wird es für ganz viele in Deutschland nicht zurückgeben. Und auch wenn es altväterlich klingen könnte: Damit müssen wir nun klarkommen, die Jüngeren wie die Älteren. Das darf nicht schief gehen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde ein Foto angezeigt, auf dem nicht die Glienicker Brücke zu sehen war. Wir haben das Bild ausgetauscht.