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28. März 2015, 15:03 Uhr

Streit über Sommerzeit

Eine Stunde für die Ewigkeit

Von , Brüssel

Viele Fans hat die Zeitumstellung nicht, ganz im Gegenteil. Doch Brüssel bügelt noch jede Reformidee ab - zum Ärger von Herbert Reul. Seit zehn Jahren wehrt sich der CDU-Mann gegen das Zeigergedrehe.

Ein Thema muss schon ein großes absurdes Potenzial mitbringen, um ins Sperrfeuer von John Oliver zu geraten. Als der Satiriker in seiner Sendung "Last Week Tonight" auf dem US-Sender HBO kürzlich die Sinnlosigkeit der Zeitumstellung sezierte, jubelte sein Publikum. "Warum gibt es das überhaupt noch?" heißt das Segment in Olivers Sendung, das genüsslich alle Argumente für die halbjährliche Umstellung in die Tonne trat. (Das Video sehen Sie am Ende des Textes.)

Auch auf dieser Seite des Atlantiks ärgern sich viele Menschen, dass sie in der Nacht auf diesen Sonntag eine Stunde weniger schlafen dürfen. Außer tagelanger Müdigkeit hat die Regel aus ihrer Sicht wenig Folgen - und schon gar keinen positiven Effekt. Daher wünschen sich auch 73 Prozent der Deutschen laut einer aktuellen Forsa-Umfrage, dass die Uhren nicht mehr umgestellt werden müssen.

Bis der Wunsch erhört wird, dürfte es aber noch dauern. Schon die Frage, wer überhaupt die politische Initiative ergreifen müsste, ist nicht so leicht zu beantworten. Eigentlich regeln die Nationalstaaten die Zeitumstellung. Doch es würde für völlige Verwirrung sorgen, wenn ein Güterzug aus Aachen eine halbe Stunde früher in Lüttich ankäme, als er losgefahren ist. Deshalb legt eine EU-Richtlinie seit 2002 fest, dass die Sommerzeit "dauerhaft, EU-weit und für alle Mitgliedstaaten verbindlich" erhalten bleiben muss.

Energieeinsparungen sind "nicht gerade enorm"

Darauf verwies auch der Petitionsausschuss des Bundestags, als er das Thema vergangenen November - kurz nach der Umstellung auf die Winterzeit - behandelte. Die Parlamentarier wollen neue Erkenntnisse über den Sinn der Zeitumstellung sammeln, immerhin. Das Forschungsprojekt "Bilanz der Sommerzeit" wird vor Ende 2015 aber wohl nicht abgeschlossen.

Und so verteidigt die EU-Kommission die halbjährliche Umstellung. Mit dürftigen Argumenten allerdings. Mehr Zeit für "Freizeitaktivitäten am Abend" war schon das Stichhaltigste, was ein Kommissionsbeamter bei einer Anhörung im EU-Parlament vergangene Woche aus einer Studie der Kommission aus dem Jahr 2007 zitieren konnte. Die Energieeinsparung, wegen der die Umstellung einst eingeführt wurde, sei "nicht gerade enorm". Die negativen Auswirkungen, allgemeine Müdigkeit und daraus folgende Unfallgefahr, sind laut Studien aber genauso klein.

Organisiert hatte die Befragung Herbert Reul, Chef der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament (EP) und seit Jahren der eifrigste Kämpfer gegen das Zeigergedrehe. Anfangs sei er noch allein gewesen, jetzt seien zu seiner Anhörung schon 20 EP-Abgeordnete gekommen. Deshalb will er, dass die EU-Kommission die Initiative übernimmt und - falls die Mitgliedstaaten zustimmen - die Abschaffung koordiniert.

"So blöde Sprüche" will Reul von der Kommission nicht hören

Darauf hat Europas oberste Behörde aber wenig Lust: Eine Kommissionssprecherin erklärt, dass "verschiedene Berichte, Untersuchungen und Wirkungsstudien" die Vorteile der seit dem Ersten Weltkrieg praktizierten Zeitumstellung gezeigt hätten. Auch seien die Mitgliedstaaten mehrheitlich für den Status quo. Dann zitiert sie das Motto von Jean-Claude Juncker, dass seine Kommission großen Themen große Aufmerksamkeit schenken wolle ("big on big things"). "Diese immer wieder aufkommende Debatte, so interessant sie sein mag, zählt nicht dazu."

Der spöttische Unterton der Antwort bringt den Rheinländer Reul zum Kochen. "Wer sich mit Glühbirnen beschäftigt, sollte so blöde Sprüche nicht machen", schäumt der CDU-Mann. Ihm sei ja klar, dass es Wichtigeres gebe, gerade aktuell. Doch die Kommission blockiere seit Jahren alle Initiativen, obwohl das Thema vielen Menschen nahegehe. "Manchmal bringt Bewegung in solchen Fragen mehr für Europa als die großen Themen."

Woher kommt Reuls Enthusiasmus, woher sein Eifer im Kampf gegen die Sommerzeit? Schuld ist eine Bürgerin, die eindrücklich schilderte, wie die verlorene Stunde ihren Biorhythmus durcheinanderbringe. Das ist rund zehn Jahre her, ein langer Kampf und vielleicht aussichtslos. Doch Aufgeben kommt nicht infrage, sagt Reuls: "Die werden sich wundern, wie viel Ausdauer ich noch habe."

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