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Alexander Neubacher

Zeitumstellung Macht Schluss mit dem Menschenversuch!

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Die Endlosdebatte über die Sommerzeit zeigt, woran die EU leidet: an Selbstlähmung, Bürgerferne und der Arroganz von Sozialingenieuren, die nicht einsehen, wann ihre Experimente gescheitert sind.
aus DER SPIEGEL 44/2020
Alle Halbjahre wieder: Zeitumstellung

Alle Halbjahre wieder: Zeitumstellung

Foto: A3462 Marcus Führer/ dpa

Am Wochenende ist es so weit: Die Sommerzeit endet, die Europäische Union stellt ihre Uhren um. Mal wieder. Und obwohl sich die Prozedur alle sechs Monate wiederholt, werden auch diesmal viele Menschen nach der Bedienungsanleitung für die Backofenuhr kramen, am Montag zur falschen Zeit wach werden und mindestens eine Woche brauchen, um ihren Biorhythmus anzupassen. Warum tun wir uns das an?

"Die zweimalige Umstellung der Uhren im Jahr werde zunehmend weniger verstanden und mache auch wirtschaftlich keinen Sinn mehr." So zitiert es die Deutsche Presse-Agentur - im September 1996. Das französische Parlament hatte damals eine Kommission eingesetzt, um die Sinnhaftigkeit der Zeitumstellung zu untersuchen. Ergebnis: Anders als angenommen helfe sie doch nicht beim Energiesparen. Frankreichs damaliger Premier erklärte, er werde das Thema in Brüssel angehen.

Seither sind noch viel mehr Studien erschienen. Die Krankenkasse DAK berichtete, dass sich an den drei Tagen nach der Zeitumstellung mehr Menschen krankmeldeten. In Dänemark wurden mehr Depressionen diagnostiziert. Australische Forscher beobachteten eine steigende Selbstmordrate bei Männern. In Finnland kommt es zu mehr Schlaganfällen. US-Wissenschaftler stellten fest, dass die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in der ersten Arbeitswoche nach Beginn der Sommerzeit um sechs Prozent steigt.

Vor gut zwei Jahren ließ die EU ihre Bürger dann über das Thema abstimmen. 4,6 Millionen Menschen beteiligten sich, darunter etwa 3 Millionen Deutsche, eine Wahnsinnszahl, wenn man bedenkt, dass bei einer Konsultation zum Freihandelsabkommen TTIP EU-weit nur 150.000 mitmachten.

Die EU steht vor Jahrhundertproblemen, aber sie kapituliert schon vor der Sommerzeit.

84 Prozent stimmten damals für die Abschaffung der Zeitumstellung. "Die Menschen wollen das - wir machen das", kommentierte der damalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Er kündigte an, dass im Jahr 2019 die Uhren letztmalig umgestellt würden; es blieb ein Wunschtraum. Nun gibt es gewiss wichtigere Themen, um die sich die EU kümmern soll, von der Corona-Abwehr über den Klimaschutz bis zur europäischen Marsmission. Doch wo soll die Kraft für solche Jahrhundertaufgaben herkommen, wenn es nicht mal fürs Verlegen der Uhrzeit reicht?

Wer in Brüssel danach fragt, woran es scheitert, bekommt im Prinzip dieselbe Antwort wie in der Flüchtlings-, Agrar- oder Außenpolitik: Alle Staaten müssten mitmachen, sonst gehe nichts. Man müsse "Zeitinseln und Friktionen im Binnenmarkt vermeiden", schrieb die Bundesregierung, was schon insofern Quatsch ist, als es in der EU von den Azoren bis Estland vier Zeitzonen gibt, ohne dass der Binnenmarkt zusammengebrochen wäre.

Ich glaube, dass sich am Uhrknall der EU zeigt, woran sie im Großen leidet: an Selbstlähmung, Bürgerferne und der Arroganz von Sozialingenieuren, die nicht einsehen, wann ihre Menschenversuche gescheitert sind.

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