Zentrum gegen Vertreibungen Wanderausstellung soll Kritiker überzeugen

Seit Jahren wirbt Erika Steinbach erfolglos für ein ständiges Zentrum gegen Vertreibungen. Nun will der Bund der Heimatvertriebenen die Sache anders aufziehen: Mit einer temporären Ausstellung sollen Gegner des Zentrums von den lauteren Absichten überzeugt werden.

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Berlin - Bevor Erika Steinbach zum eigentlichen Thema der Pressekonferenz kommt, zählt sie eine lange Liste von Prominenten auf: Es fallen Namen wie die des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertesz, des Publizisten Ralph Giordano, Joachim Gauck und des ehemaligen Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff. Sie alle sind Unterstützer der von Steinbach geleiteten Stiftung für ein Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV).

Erika Steinbach: Imagepflege ist bitter nötig
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Erika Steinbach: Imagepflege ist bitter nötig

Imagepflege hat die Stiftung von Erika Steinbach bitter nötig: Denn immer noch und immer wieder kommen nicht nur von polnischer Seite Einwände gegen das ZvG. Auch in Deutschland wird das Zentrum - und auch die Person Steinbach - von vielen als Hemmnis für gute Beziehungen zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn gesehen. Zuletzt hatte sich die rot-grüne Regierung dem Anliegen Steinbachs in den Weg gestellt.

Aber nun schlägt die Stiftung ZgV einen anderen Weg ein: Steinbach stellt am Dienstag das Konzept für eine dreimonatige Ausstellung in Berlin ab August vor. "Erzwungene Wege" soll die Schau heißen, die, nachdem es Streit mit dem Erzbistum Berlin um die Nutzung von Kirchenräumen gegeben hatte, im Berliner Kronprinzenpalais gezeigt werden soll, und nicht wie ursprünglich geplant in der St. Michaelkirche.

13 Beispiele europäischer Vertreibungen

Anhand von 13 Beispielen soll dort die Geschichte europäischer Vertreibungen im 20. Jahrhundert dokumentiert werden: Darunter der Völkermord an den Armeniern 1915/1916 sowie die Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen der Polen, Balten und Ukrainer zwischen 1939 und 1949.

"Uns wird vorgeworfen, die deutschen Kriegsverbrechen zu relativieren. Aber es darf keine Konkurrenz zwischen den Opfern geben", sagt Helga Hirsch, die im wissenschaftlichen Beirat zur Ausstellung sitzt. Die Anerkennung des deutschen Leids sei aber die Voraussetzung für die Empathie mit dem Leid anderer.

Das Konzept für die Schau steht, die Finanzierung - ausschließlich durch Spenden - auch. Damit könnte der entscheidende Schritt auf dem Weg in Richtung eines dauerhaften Zentrums genommen sein. Denn: "Diese Ausstellung soll ein Vorlauf sein. Sie ist gedacht als Ort der Mahnung und soll dem Frieden zwischen den Völkern den Weg bereiten", so Steinbach.

Und anders als eine seit Dezember im Bonner Haus der Geschichte gastierende Ausstellung "Heimat: Flucht, Vertreibung und Integration" solle in Berlin Vertreibung europaweit dokumentiert werden, versucht Steinbach die Stimmen zu entkräften, die die Berliner Ausstellung für unnötig halten. "Die Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn dreht sich zu 80 Prozent um die Vertreibung der Deutschen und deren Reintegration."

Dennoch: Das Unbehagen mit denen vor allem Polen auf die Pläne zu einem Zentrum gegen Vertreibungen reagieren, scheint sich auch gegen die Ausstellung zu richten. "Für den wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung haben wir leider keinen polnischen Wissenschaftler gewinnen können", räumt Steinbach ein. Das liegt einerseits an den Vorbehalten Warschaus gegen das Projekt. Aber auch daran, dass interessierte polnische Historiker es angesichts der aufgeheizten Stimmung im Land kaum wagen würden, sich zum Zentrumsprojekt zu bekennen.

"Sichtbares Zeichen zur Ächtung von Vertreibung setzen"

Steinbach kann trotzdem optimistisch sein: Namhafte Politiker wie der verstorbene Sozialdemokrat Peter Glotz und zahlreiche Intellektuelle haben sich in den letzten Jahren für die Stiftung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin engagiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich nach ihrem Amtsantritt für die Einrichtung eines Zentrums aus. Und im Koalitionsvertrag der Regierung steht ein Formelkompromiss: Man wolle in Berlin im Geiste der Versöhnung ein "sichtbares Zeichen" gegen Vertreibungen setzen, an das Unrecht von Vertreibungen erinnern und Vertreibung für immer ächten.

Dennoch dürfe nicht alles in einen Topf geworfen werden. Dass man präzise Unterschiede etwa zwischen dem Mord an den Armeniern, der Vertreibung der Deutschen sowie der Deportation der Polen zeigen müsse, weiß auch der Kurator der Ausstellung Wilfried Rogasch: "Wenn wir nicht ganz genau mit dem Thema Vertreibungen umgehen, werden wir im August ganz gewaltig in die Pfanne gehauen werden."

Ob damit auch die Sorge vieler, das geplante Zentrum solle vor allem ein Erinnerungsort für deutsches Leid werden, ausgeräumt ist, beantwortet Steinbach: "Ich lege Wert auf den Plural: Zentrum gegen Vertreibungen."



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