Zitat-Affäre Guttenberg Plagiieren bei den besten Adressen

Mal wurde Karl-Theodor zu Guttenberg beim Ex-Verteidigungsminister Scholz fündig, mal beim Historiker Schulze oder beim Ex-Botschafter Burghardt: Der CSU-Politiker hat sich in seiner Doktorarbeit vieler Autoren bedient, ohne dies kenntlich zu machen - die wichtigsten Ideengeber im Überblick.  
Von Sebastian Fischer, Björn Hengst und Oliver Sallet
Zitat-Affäre Guttenberg: Plagiieren bei den besten Adressen

Zitat-Affäre Guttenberg: Plagiieren bei den besten Adressen

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Karl-Theodor zu Guttenberg

gegen ihn gerichteten Plagiatsvorwürfen

Hamburg/Berlin - Es ist ein kurzes, aber sehr entschiedenes Statement, das am Donnerstag zu den abgibt. Seine Dissertation sei in "mühevoller Kleinarbeit" entstanden, enthalte "fraglos Fehler", aber er habe "zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht", sagt der Verteidigungsminister. Bis zur Aufklärung der Vorwürfe sei er bereit, vorübergehend auf das Führen seines akademischen Doktorgrades zu verzichten. Später wolle er den Titel wieder tragen.

Bringt Guttenberg damit Ruhe in die Debatte über die gegen ihn gerichteten Plagiatsvorwürfe? Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bayreuth wurden bereits zwei Strafanzeigen gestellt. Bei der einen gehe es um mögliche Verstöße gegen das Urheberrecht, bei der zweiten um den Vorwurf der falschen eidesstattlichen Versicherung.

Es werden zudem immer mehr Stellen aus Guttenbergs Doktorarbeit bekannt, die identisch mit Texten anderer Autoren sind, ohne dass der Minister die Quellen korrekt benannt hat.

Besonders pikant: Guttenberg hat an einer zentralen Stelle seiner Arbeit abgekupfert - bei einer Art Zwischenfazit im Mittelteil der Dissertation. Unter der Überschrift "Drei Folgerungen" im Anschluss an seine Ausführungen zu den historischen Grundlagen einer europäischen Verfassung übernimmt Guttenberg auf den Seiten 192 und 193 nahezu komplett und mit nur kleinen Änderungen eine Passage vom renommierten Historiker Hagen Schulze, der unter anderem ein Standardwerk zur deutschen Geschichte verfasst hat.

Es handelt sich um insgesamt 33 Zeilen, die Guttenberg offenbar aus einem im Internet abrufbaren "Diskussionspapier" Schulzes übernommen hat. Dessen Titel: "Die Identität Europas und die Wiederkehr der Antike". Erschienen ist das 25-Seiten-Statement Schulzes am Zentrum für Europäische Integrationsforschung an der Universität Bonn im Jahr 1999.

Schon der Einleitungssatz von Guttenbergs "Folgerungen" ist jenem ersten Satz Schulzes sehr ähnlich, der auf Seite 23 ebenfalls Schlussfolgerungen einleitet - sich aber natürlich auf einen anderen Inhalt bezieht. Nämlich den aus Schulzes Aufsatz: "Für den Historiker in der Absicht, die Geschichte Europas als Ganzes in den Blick zu nehmen, ergeben sich zum Abschluß aus dieser tour d'horizon einige Folgerungen", schreibt der Professor.

Bei Guttenberg klingt das dann so: "In der Absicht, abschließend die Geschichte Europas als Ganzes in den Blick zu nehmen, ergeben sich aus dieser (limitierten) tour d'horizon einige Folgerungen, die gleichzeitig einer weitergehenden interdisziplinären Bearbeitung bedürften." Dann folgt die kopierte, nur in wenigen Worten veränderte Passage.

Weder in den Fußnoten noch im Literaturverzeichnis findet sich der Name von Hagen Schulze. Jene Fußnoten, die aber Schulze in seinem Aufsatz als Quellen verzeichnet hatte - die wiederum finden sich dann auch bei Guttenberg.

Auf der Seite GuttenPlagWiki sammeln Rechercheure zweifelhafte Passagen aus der Doktorarbeit des Ministers. Es sollen bereits 76 der insgesamt 475 Seiten umfassenden Arbeit unter dem Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" sein, die entsprechende Passagen aufweisen.

Guttenberg hat sich bei vielen Autoren bedient, ohne diese kenntlich zu machen. Ein Blick auf die prominentesten Quellen, die der Politiker nicht korrekt zitierte:

Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz: Der CDU-Politiker hatte 2001 für die Publikation "Aus Politik und Zeitgeschichte" einen Beitrag unter der Überschrift "Fünfzig Jahre Bundesverfassungsgericht" verfasst. Ein Absatz aus dem Text ist in Guttenbergs Arbeit nahezu identisch zu lesen.

Günter Burghardt, ehemaliger EU-Botschafter in Washington: In Guttenbergs Dissertation finden sich Passagen aus einer Rede Burghardts wieder, die der frühere Botschafter am 6. Juni 2002 an der Berliner Humboldt-Universität gehalten hatte und die in einem Buch des Walter Hallstein-Instituts für Europäisches Verfassungsrecht abgedruckt wurde.

Zu überraschendem Ruhm fand auch die Schweizer Journalistin Klara Obermüller, als am Morgen des 16. Februars ihr Telefon nicht mehr stillstand. "Ich hatte keine Ahnung davon, bis mich heute Vormittag ein Kollege von Ihnen von der dpa anrief und mir davon erzählte", sagte sie am Mittwoch SPIEGEL ONLINE.

Obermüller, die inzwischen im Ruhestand ist, schrieb früher für die "Neue Zürcher Zeitung" vor allem über gesellschaftliche und religiöse Themen. Als sich die EU im Jahr 2003 eine Verfassung geben wollte, schrieb Obermüller ein Meinungsstück über den Gottesbezug in deren Präambel - der Titel: "Gott hat keinen Platz in der europäischen Verfassung." Obermüller ist keine Rechtsexpertin - Auszüge ihres Artikels fanden trotzdem ihren Weg in Guttenbergs Doktorarbeit.

Auch auf der Internetseite der amerikanischen Botschaft wurde Guttenberg fündig. Dort erklärt die Botschaft ihren geschichtlich interessierten Lesern, wie die USA eine Verfassung entwickelte:

"Die Verfassung und die Bill of Rights erzeugten so eine Balance zwischen zwei gegensätzlichen, aber grundlegenden Aspekten der amerikanischen Politik - die Notwendigkeit einer starken, effizienten Zentralgewalt und der Notwendigkeit, die Rechte des Einzelnen zu schützen. Die beiden ersten politischen Parteien spalteten sich entlang dieser Linien. Die Föderalisten bevorzugten einen starken Präsidenten und eine Zentralregierung. Die Demokratischen Republikaner verteidigten die Rechte der einzelnen Staaten, denn dies schien mehr regionale Kontrolle und Verantwortung zu garantieren."

Der vier Sätze umfassende Absatz findet sich im gleichen Wortlaut in der Dissertation von zu Guttenberg, nachzulesen auf Seite 38 - auch hier hat der Minister auf die üblichen Anführungszeichen und Fußnoten verzichtet. Lediglich ein Verweis auf die Seite der amerikanischen Botschaft taucht in der Arbeit auf - fast 200 Seiten später in einem ganz anderen Zusammenhang.

Internetseiten, Zeitungsartikel, Reden von Wissenschaftlern und Politikern: Immer mehr Quellen kamen in den vergangenen Tagen ans Licht. Auf der Internetseite GuttenplagWiki fanden sich freiwillige Rechercheure zusammen, die ununterbrochen weitere dubiose Fundstellen aufdeckten. Darunter auch mehrere Absätze eines Beitrags des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab über den europäischen Föderalismus. Bei Schwab heißt es so:

"Damit wird ein spezifisches Merkmal des spanischen Regionalstaats deutlich: Die Kompetenzverteilung zwischen dem Zentralstaat und den einzelnen Regionen ist asymmetrisch. Manche Regionen verfügen über deutlich mehr Kompetenzen als andere. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass der spanische Staat nach der Ablösung von Franco, sich zwar in einer grundlegenden Umbruchsphase, nicht aber in einer der Bundesrepublik ähnlichen "Stunde Null" befand. Die Ausgangsbasis bei der Verfassungsgebung war damit eine andere."

Guttenberg übernahm die Passage ohne Quellenverweis und strich lediglich die letzten drei Wörter. Der Absatz endete stattdessen mit den Worten: "Die Ausgangsbasis bei der Verfassungsgebung war demzufolge differierend."

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