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Nato-Angriff auf Tanklaster: Jung räumt Fehler beim Luftschlag ein

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Zivile Opfer bei Luftangriff Afghanischer Regierungsbericht belastet Bundeswehr

30 Zivilisten getötet, neun weitere verletzt: Bei dem Nato-Luftangriff auf entführte Tanklastzüge in Afghanistan sind laut Angaben der Regierung in Kabul viele Unschuldige ums Leben gekommen. Der jetzt vorgelegte offizielle Bericht belastet die Bundeswehr - und gibt dem deutschen Wahlkampf neue Nahrung.

Kabul/Berlin - Der offizielle Bericht der afghanischen Regierung liegt nun vor - und die Ergebnisse stürzen die Nato-Truppen abermals in Erklärungsnöte. Bei dem von der Bundeswehr angeordneten Bombardement im nordafghanischen Kunduz sind nach Angaben der von Präsident Hamid Karzai eingesetzten Untersuchungskommission 30 Zivilisten getötet worden. Neun weitere Zivilisten seien verletzt worden, sagte Kommissionsmitglied Mohammadullah Baktasch am Sonntag.

Bei dem Luftangriff seien zudem 69 Taliban-Kämpfer getötet und elf weitere verwundet worden. Die Taliban seien definitiv die Verantwortlichen für die Entführung. Die Kommission übergab ihren Bericht am Sonntag an Karzais Büro.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hatte erst am Sonntag bei einem Wahlkampfauftritt den deutschen Oberst Georg Klein in Schutz genommen, der den Luftangriff befohlen hatte. Der Offizier habe nach Beurteilung der Lage "zum Schutz unserer Soldaten" entschieden. Trotz des Vorfalls mit vielen Toten habe die Bundeswehr das Vertrauen der Afghanen nicht verloren. "Tatsache ist, dass wir die Unterstützung von 90 Prozent der Bevölkerung haben."

Klein selbst äußerte sich erstmal öffentlich zu den Angriffen und verteidigte sich. Er habe sich seine Entscheidung nicht leichtgemacht. Er zeigte zugleich Verständnis für die Untersuchungen des Vorfalls. "Ich halte es für unbedingt notwendig und richtig, dass solche Untersuchungen durchgeführt werden, wenn Menschen ums Leben gekommen sind", sagte der Oberst, der das zivil-militärische Wiederaufbauteam der Internationalen Schutztruppe Isaf in Kunduz befehligt. "Jeder gefallene Isaf-Soldat und jeder getötete Zivilist ist einer zu viel."

Abzug: Steinmeier macht Druck, Jung bremst

Das Thema Afghanistan rückt immer mehr auf die Agenda der deutschen Wahlkämpfer. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier will bereits bis 2013 die Grundlagen für einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan schaffen, Jung hingegen warnte vor Eile beim Ende des Engagements.

Steinmeier ließ nach SPIEGEL-Informationen einen Zehn-Punkte-Plan erarbeiten, der das Ende des unbeliebten Einsatzes beschleunigen könnte. Schon bis 2011 soll der Bundeswehrstandort Feizabad aufgelöst werden, heißt es in dem Papier des Außenministeriums. "In der nächsten Legislaturperiode gilt es, die Grundlagen für den Abzug aus Afghanistan zu schaffen. Dazu müssen wir jetzt die Weichen richtig stellen." Im Unruheherd Kunduz sollen zugleich aber 1500 zusätzliche Polizisten ausgebildet werden. Die Zahl der deutschen Ausbilder für die Armee, derzeit 200, soll "erheblich gesteigert" werden.

Nach Einschätzung Jungs ist diese Zielmarke 2013 nicht zu schaffen - der Einsatz werde noch mindestens fünf Jahre dauern. "Wir müssen uns ein klares Ziel setzen, das wir in einer vernünftigen Zeit erreichen können", sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Wir brauchen ausgebildete Soldaten und ausgebildete Polizisten, die dafür sorgen können, dass Afghanistan nicht wieder in die Hände der Taliban gerät oder Ausbildungszentrum für den internationalen Terrorismus wird."

Ein festes Abzugsdatum will auch Steinmeier nach wie vor nicht nennen. Der SPD-Spitzenmann sagte der "Super-Illu", es gelte, "innerhalb der nächsten Legislaturperiode die Grundlagen für den Abzug zu schaffen". Es sei jedoch "sicher nicht ratsam, den terroristischen Kräften aufs Jahr genau anzukündigen, wann kein internationaler Soldat mehr in Afghanistan sein wird".

Doch Steinmeier drängt, bei der nächsten Afghanistan-Konferenz, die nach dem Willen der Bundeskanzlerin noch dieses Jahr stattfinden soll, dürfe man sich "nicht mit vagen Zielmarken begnügen".

In Afghanistan sind an diesem Wochenende bei Anschlägen und Überfällen mehr als 50 Menschen getötet worden, darunter mindestens 20 Zivilisten. Das schwerste Attentat ereignete sich in der südlichen Provinz Urusgan, wo durch eine am Straßenrand versteckte Bombe zwei vorbeifahrende Autos zerstört wurden. Durch die Wucht der Detonation wurden nach Angaben des Innenministeriums 14 Zivilisten getötet. Die Welle der Gewalt machte einmal mehr die zunehmend schlechte Sicherheitslage am Hindukusch deutlich.

"Die Taliban wollten mit der Bombe offensichtlich ausländische und afghanischen Soldaten treffen", sagte der örtliche Polizeichef Juma Gul Hemat am Samstag zum Anschlag in Urusgan. Es seien aber nur Unbeteiligte in den Tod gerissen worden. Bei einem weiteren Bombenanschlag starben in der Provinz Kandahar mindestens sechs weitere Zivilisten. Im Osten und Westen des Landes wurden bei zwei Anschlägen fünf US-Soldaten getötet. Schon jetzt ist 2009 das verlustreichste Jahr für die ausländischen Truppen seit dem Sturz des Taliban 2001.

itz/dpa/AP/Reuters
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