Zollitsch versus Justizministerin Merkel schlichtet am Telefon

Nach den Missbrauchsenthüllungen liegen die Nerven blank: Mit einem Ultimatum an die Bundesjustizministerin brachte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, die Kirche gegen die Regierung in Stellung. Sogar die Kanzlerin schaltete er ein. Nun ist Schadensbegrenzung angesagt.

Erzbischof Robert Zollitsch: Auf den Tisch gehauen
dpa

Erzbischof Robert Zollitsch: Auf den Tisch gehauen

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Berlin - Erzbischof Robert Zollitsch gilt eigentlich als besonnener Mann. Doch zur Bundesjustizministerin ging der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz auf beispiellose Konfrontation - er stellte ihr ein Ultimatum und beschwerte sich auch noch bei der Kanzlerin über Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Damit brachte Zollitsch den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche bis ins Kanzleramt.

Auslöser war Leutheusser-Schnarrenbergers Kritik an der Aufklärungsarbeit der Kirche. Sie habe nicht den Eindruck, dass die Verantwortlichen "ein aktives Interesse an wirklich rückhaltloser und lückenloser Aufklärung gezeigt haben", hatte die FDP-Ministerin erklärt.

Was Zollitsch mit Angela Merkel am Telefon besprach - darüber schweigen sich beide Seiten aus. Doch die Kanzlerin mühte sich offenbar, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Denn Kirche ist für sie ein heikles Thema. Einige Unionsanhänger haben ihr bis heute noch nicht ihre deutliche Kritik an Papst Benedikt XVI. in der Debatte um den Holocaust-Leugner Richard Williamson verziehen.

Immerhin gelang es der Kanzlerin, eine Aussprache zwischen Erzbischof und Justizministerin am Mittwoch zu vermitteln.

Die Streitpunkte bleiben bestehen

Die FDP-Ministerin nahm ihre Kritik an der Kirche wegen des Umgangs mit den Missbrauchsopfern zwar nicht zurück, betonte aber zugleich, es gehe ihr nicht um einen öffentlichen Schlagabtausch mit Zollitsch. Sie werde auf dessen Kritik auch schriftlich antworten. Zugleich ließ ihr Ministeriumssprecher aber wissen, es sei "ein wenig ungewöhnlich, einem Mitglied der Bundesregierung eine Frist für eine Antwort zu setzen".

Trotz dieser feinen Spitzen, setzte nun auch der Erzbischof auf Schadensbegrenzung. Er ließ erklären, sein Ultimatum habe sich erübrigt. Denn die Ministerin habe ja nun reagiert. Dass sie aber die Rechtstreue der katholischen Kirche in Zweifel gezogen habe, sei ein schwerwiegender Vorwurf. Aus Kirchenkreisen hieß es gegenüber SPIEGEL ONLINE, Zollitsch habe den Rückhalt der Bischöfe. Es werde von einzelnen sogar "als befreiend empfunden, dass er in dieser Sache auf den Tisch gehauen hat". Denn das Verhalten der Justizministerin sei "ungeheuerlich" und ihre Äußerungen "zu pauschal".

Auf die Streitpunkte zwischen Zollitsch und Leutheusser-Schnarrenberger ging Merkel öffentlich nicht ein. Dennoch machte sie deutlich, dass sie die Kirche in der Pflicht sieht. Die Kanzlerin habe keinen Zweifel, dass die Bischöfe ihre bisherigen Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch überprüfen werden, erklärte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Und dass sie dabei auch die Opfer im Blick haben. Schließlich habe auch Papst Benedikt XVI. sexuellen Missbrauch von Kindern als schwere Sünde und Verletzung der Menschenwürde gegeißelt. Diese Haltung habe sich Zollitsch zu eigen gemacht.

"Beide täten gut daran, aufeinander zuzugehen"

Auch wenn die Beteiligten sich um Zurückhaltung bemühen, reißt das Thema in der Koalition Gräben auf. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, Leutheusser-Schnarrenberger sei "eindeutig über das Ziel hinausgeschossen". Die Koalition müsse dafür sorgen, dass sie "sich zurücknimmt". "Es geht nicht an, dass eine wichtige Ministerin in solcher Weise der katholischen Kirche entgegentritt", sagte Geis. "Zollitsch musste reagieren."

Dagegen sprang FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger ihrer Parteifreundin bei und zeigte sich "entsetzt" über den Umgang der Kirche mit den Fällen von sexuellem Missbrauch. "Zum Thema Aufklärung stelle ich mir etwas anderes vor", sagte Homburger. "Es ist die Pflicht einer Justizministerin, an dieser Stelle etwas zu sagen."

Auch der rechtspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Christian Ahrendt, stützte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ausdrücklich die Justizministerin. "Angesichts der Missbrauchsvorfälle, die im Raume sind, würde ich der katholischen Kirche zu mehr Demut raten als nun der Ministerin ein Ultimatum zu setzen."

Für Deeskalation plädierten Mitglieder von kirchlichen Arbeitskreisen in der FDP gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Ich glaube, dass beide gut daran täten, aufeinander zuzugehen", sagte Patrick Meinhardt von der Gruppe "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion" mit Blick auf Zollitsch und Leutheusser-Schnarrenberger. Ausdrücklich lobte er den Vorschlag der Ministerin für einen "runden Tisch" zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Die Sicht müsse auf die Opfer gelenkt werden, forderte Meinhardt.

Mitarbeit: Severin Weiland

Mit Material von dpa

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Pandora's Box, 18.02.2010
1.
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Sie tut m.E. eher alles Erforderliche, Nebelkerzen zu werfen, mit spitzem Finger auf andere zu zeigen, Schuld bzw. Verantwortung abzuwälzen und "Haltet den Dieb!" zu rufen. Verschleierungstaktik.
runzel 18.02.2010
2.
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Nein, tut sie nicht und wird diese Institution auch nicht. Auch nicht morgen, übermorgen oder sonst irgendwann. Einzelne werden sicherlich eine Aufklärung wollen und initieren, wie jetzt geschehen, aber unser geheiligter Stellvertreter Gottes wird es nicht tun und er wird seinen Bischöfen und Kardinälen anordnen eine Aufklärung so gut es geht zu behindern oder zu untersagen. Das höchste der Gefühle wird ein albernes und erbärmliches Gefasel nachdem Motto "Ja, da war die ein oder andere Entscheidung nicht sooooooooooo gut und nicht ganz so nachvollziehbar." Amen. Und dann wird weiter von Werten und Moral gefaselt werden wie seit eh und je. Ohne den eigenen Ansprüchen jemals gerecht zu werden, es zu können geschweige denn dieses zu wollen.
ntholeboha 18.02.2010
3. Aber JA! - zum Selbstzweck
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Leider ist ja das andere, das Mixa-Thema, geschlossen. Damit wird sich wohl auch Cinderella01 als querschiessendes Schneewittchen bald hier einfinden und gegen alle Logik den Kampf pro rkK weiterfuehren. Ob dies jedoch der dieser Heilslehre und deren ( fast weltweitem!)Missbrauch dienlich sein wird?? Wuerde die rkK wirklich Aufklaerung betreiben, saehe dies anders aus. So bleibt es wohl doch bei 'erschuetterten' Mienen und der Notwendigkeit das eigene Haus nicht zu sehr beschmutzen zu lassen. Bleibt die Frage wann eigentlich die Staatsanwaltschaft massiv eingreift, um diesen Suendenpfuhl grundlegend zu reinigen!
Jinen 18.02.2010
4. 2do
Es gibt einfache Wege, diesem Uebel ein Ende zu bereiten: 1. Sofortiger Stop der Verflechtung von Staat und Kirche. Speziell, keinerlei Missbrauch des staatlichen Amtsapparats fuer das Eintreiben der Mitgliedsgelder fuer diese Vereine mehr. Kirchen sollen sich komplett selbst finanzieren. 2. Sofortiges Schliessen von Institutionen, bei denen Missbrauchsfaelle gegenueber Kindern und Jugendlichen glaubhaft bekannt werden bis zur entgueltigen Klaerung der Sachverhalte. Bei Einrichtungen, wo Missbrauch an der Tagesordnung stand/steht, permanente Schliessung wegen Allgemeingefaehrlichkeit. 3. Konsequente Bestrafung der Taeter ohne Wenn und Aber. 4. Konsequente Bestrafung ihrer Vorgesetzten, falls diese ihnen bekannte Faelle intern ignoriert oder vertuscht haben sollten wegen Mittaeterschaft, mindestens unterlassener Hilfeleistung. 5. Pfaendung von Loehnen und Kircheneigentum fuer Opferschadensersatz, die externe Experten via Gericht festlegen. 6. Nichtigkeitserklaerung fuer alle Schweigeerklaerungen, die Opfer abgegeben haben. Bekommenes Geld wird gegen oben genannten Schadensersatz gegengerechnet. 7. Aufhebung der Verjaehrung dieser Verbrechen. Siehe Punkt 3. Nur mal so zum Anfang....
detrius 18.02.2010
5. Verkehrte Frage
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Solange Bischöfe in der katholischen Kirche mit der Verschleierung von sexuellem Missbrauch Karriere machen und ggf. Papst werden, stellt eine Frage wie diese die Realität auf den Kopf.
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