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09. Januar 2014, 11:21 Uhr

Zorniger Thomas de Maizière

So wird man nicht Bundeskanzler

Ein Kommentar von

Er lamentiert über Probleme im Ministerium und kritisiert die Verbündeten: Bei seinem Abschied als Verteidigungsminister lässt Thomas de Maizière seinem Frust freien Lauf. Das wirkt unsouverän - und könnte für Angela Merkel zum Problem werden.

Thomas de Maizière gilt als besonnener, ruhiger Macher. Doch offenbar hat sich in diesem Minister in den vergangenen Monaten etwas verändert. In der "Euro Hawk"-Affäre offenbarte er überraschende Schwächen, dann musste er sein geliebtes Amt als Verteidigungsminister räumen - für Ursula von der Leyen. Nun ist der Mann offenkundig schwer genervt.

Ausgerechnet bei seiner Verabschiedung kehrt er nun sein Inneres nach außen. Er lamentiert über die von ihm mitverschuldete "Euro Hawk"-Affäre, ohne selbst wirkliche Fehler einzugestehen. Und er kühlt sein Mütchen an den Verbündeten, beklagt sich über angeblich mangelnde Anerkennung der Bundeswehr durch Franzosen und Briten. Den europäischen Verbündeten wirft er zugleich mehr oder weniger Zauderei in Afghanistan vor, obwohl etwa die Briten dort fast 500 Tote zu beklagen hatten.

Man wundert sich über diesen seltenen Anfall des Zorns bei einem sonst so beherrschten Politiker. Wenn das alles so ist, wie er sagt, warum hat er sich eigentlich in den vergangenen Jahren nie so klar geäußert? Gelegenheiten hätte es bei der Nato oder anderswo reichlich gegeben. Nun nachzutreten, ist sicherlich nicht die feine Art. Das werden auch die Verbündeten so sehen.

Von Merkel lernen

Das vergangene Jahr hat offenkundig Spuren bei de Maizière hinterlassen. Wo ist der souveräne, coole Macher geblieben? Er gilt neben Ursula von der Leyen als der Kronprinz von Angela Merkel. Doch wenn er es bleiben will, muss er zu seiner alten Gelassenheit zurückfinden. Selbstmitleid und Wutausbrüche gegen andere sind unsouverän, gerade bei einem Minister, der sonst so vorbildlich wirkte.

Von Angela Merkel können künftige Kanzler lernen, wie man es richtig macht: Mit Sicherheit würde Merkel gerne bei mancher Gelegenheit ihren Zorn laut herausschreien - über nervige Parteifreunde, arrogante Führer anderer Staaten oder unfähige Kabinettskollegen. Doch sie bleibt stets beherrscht. Das mag langweilig und leidenschaftslos wirken, entspricht aber den Erwartungen der Wähler an die Vorbildfunktion eines Kanzlers - und erklärt auch ihre Beliebtheit.

Wird de Maizière wieder cooler werden? Das ist ihm zuzutrauen, er ist Profi genug, um sich zu fangen. Wenn nicht, hat die Kanzlerin ein Problem: Ein dauergenervter Innenminister kann sich zum Quell von Streit und Unruhe in den eigenen Reihen und in der Koalition entwickeln. Sie wird den Minister im Auge behalten.

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