Zug statt Flug Im Prinzip sehr schön

Alle reden vom Klimaschutz - und steigen dann doch in den Flieger. Es geht aber auch anders: Wer mit dem Zug nach Süditalien reist, für den beginnt das Abenteuer bereits am deutschen Bahnsteig.

ÖBB-Nightjet München-Rom
Stefan Kuzmany/ DER SPIEGEL

ÖBB-Nightjet München-Rom

Eine Kolumne von


Lieber SPIEGEL, Papa schläft noch und hat gesagt, wehe man weckt ihn auf, darum schreibe ausnahmsweise ich heute seinen Aufsatz für Dich. Das ist auch gar kein Problem, weil ich ja weiß, worüber er schreiben wollte: Unsere Ferienreise nach Italien.

Papa hat sich nämlich diesmal etwas ganz Besonderes ausgedacht. Diesmal, hat er gesagt, fahren wir mit dem Zug. "Von Berlin nach Süditalien mit dem Zug", hat die Mama gesagt, "Du spinnst ja."

"Nein, ich spinne nicht, und wir machen das", hat der Papa gesagt. Weil alle würden immer über den Klimaschutz reden und dann doch in den Flieger steigen, aber diesmal nicht. Aus Prinzip, hat er gesagt, und überhaupt wäre das doch gar kein Problem, weil wir erst mal nur nach München fahren könnten und die Oma besuchen, die freut sich, und dann fahren wir weiter.

Au ja, habe ich gesagt. Die Mama hat gesagt, das könnt Ihr gerne machen, aber sie fliegt. Und so haben wir es dann gemacht.

Gleich haben wir es gemütlich

Am 3. Oktober sind wir vom Hauptbahnhof in Berlin losgefahren. Das war diesmal nicht nur ein Feiertag, sondern auch der erste Tag der Herbstferien, und der ganze Bahnsteig war voller Familien mit ganz vielen Kindern und Koffern, und der Papa hat gesagt, zum Glück habe ich uns früh ganz günstig zwei Plätze in der ersten Klasse gebucht, und gleich werden wir es gemütlich haben.

Der Zug ist dann aber lange nicht gekommen und es war auch nichts auf der Anzeige zu lesen, und alle Leute sind schon ganz nervös geworden. Dann kam eine Durchsage, dass unser Zug ausfällt, aber dass dafür ein Ersatzzug fährt und dass es keine Reservierungen gibt.

Kein Problem, hat der Papa gesagt, in der ersten Klasse finden wir immer einen Platz, und wir sind schon mal zu der Stelle gegangen, wo die erste Klasse halten sollte, nämlich im Abschnitt A, so wurde es angezeigt.

Als dann der Zug endlich gekommen ist, war er viel kürzer, als wir erwartet hatten für die vielen Leute. Und die erste Klasse hat dann doch ganz am anderen Ende gehalten. Alle sind schnell gerannt, das war gar nicht leicht mit den vielen Koffern, und es gab viel Geschrei und Rempelei.

Als wir in der ersten Klasse angekommen sind, waren alle Plätze schon besetzt. Nur zwei waren noch frei, aber daneben saß ein Mann, der hat gesagt, die sind nur für Comfort-Kunden, aber der Papa hat gesagt, er ist selbstverständlich Comfort-Kunde, und ich soll mich hinsetzen und bloß nicht wieder aufstehen.

Heute kontrolliert sowieso niemand

Kurz nach der Abfahrt ist dann eine feine Dame mit ihrem Mann gekommen und hat auf Englisch zum Papa gesagt, das wären ihre Plätze und wir sollen aufstehen. Papa hat ihr ganz geduldig erklärt, dass das nicht mehr der Zug ist, in dem sie reserviert hat, und wir stehen nicht auf. Das hat ihr nicht gefallen, und wenn ich das richtig verstanden habe, hat sie gesagt, das wäre eine Unverschämtheit und sie komme nie wieder nach Deutschland.

Sie hat sich dann neben uns in den Gang gestellt und den Papa die ganze Fahrt über böse angeschaut. Am Tisch nebenan saßen Leute, die die ganze Zeit Bier getrunken haben und sich laut darüber unterhalten haben, dass sie gar keine Karte für die erste Klasse haben, aber das würde heute sowieso niemand kontrollieren.

Das hat die Englisch sprechende Frau zum Glück nicht verstanden, sonst wäre sie mit denen wahrscheinlich auch noch böse gewesen.

Bei der Oma war es dann sehr schön und bald sind wir wieder nach München reingefahren, um den Nachtzug nach Rom zu nehmen. Das war ein österreichischer Zug, und vielleicht liegt es daran, dass die Bayern die Österreicher nicht so mögen, jedenfalls war nirgends angeschrieben, wo der Zug abfährt, und wir mussten kreuz und quer durch den Bahnhof laufen, bis wir ihn gefunden haben, auf dem hintersten Gleis ganz weit weg. Gleich haben wir es gemütlich, hat Papa gesagt, denn er hatte uns ein eigenes Abteil reserviert mit eigener Toilette und sogar einer Dusche.

Gemütlich war es schon, aber auch sehr eng. Die Toilettentür ging nicht auf, weil der Koffer davor stand. Also hat der Papa den Koffer ganz nach oben in die Gepäckablage gehoben, aber das war nicht so einfach, weil der Zug schon fuhr und alles wackelte und der schwere Koffer einfach nicht hinauf wollte und dem Papa mehrmals fast auf den Kopf gefallen wäre. Aber irgendwann hat er es geschafft und dann war es auch schon bald Schlafenszeit.

Leider konnte ich nicht so gut schlafen, weil das Fenster nicht richtig zu war und deshalb war es ziemlich laut. Am nächsten Morgen hatte der Papa ganz rote Augen, ich glaube, er hat überhaupt nicht geschlafen. Außerdem hatte er Blut im Gesicht, weil er sich in der rumpeligen Toilette beim Rasieren geschnitten hatte, er sah wirklich schlimm aus. Zum Glück hat ihn der Koffer beim Herunterholen nicht erschlagen.

In Rom sind wir mit einer halben Stunde Verspätung angekommen, deshalb mussten wir rennen, um unseren Zug nach Lamezia Terme in Süditalien noch zu erwischen, aber wir haben es geschafft. Das war eine schöne Fahrt, wir hatten unsere Plätze und im Bordrestaurant gab es leckeres Risotto. "Je weiter man von Deutschland weg ist, desto besser funktioniert die Bahn", hat Papa gesagt, und ich glaube, er hat Recht.

Zwei Wochen nicht geduscht

In Italien war es sehr schön. Mama war schon da und wir hatten einen tollen Urlaub, obwohl ich die ersten Tage etwas krank war, weil ich mich im Nachtzug erkältet hatte.

Nach einer Woche ist Mama wieder nach Berlin abgeflogen und wir sind am nächsten Morgen zum Bahnhof gefahren. Alles hat wunderbar geklappt, nur diesmal hat der Koffer den Papa im Nachtzug tatsächlich fast erschlagen, und geschlafen hat er wieder nicht, glaube ich, weil im Nebenabteil ein alter Mann die ganze Nacht so gehustet hat, dass man Angst haben musste, er überlebt die Fahrt nicht.

Wir waren dann noch ein wenig bei der Oma und sind schließlich zurück nach Berlin gefahren. Diesmal ist auch der richtige Zug gekommen und wir hatten auch unsere schönen Plätze in einem schönen kleinen Abteil. Leider roch es sehr nach Schweiß, weil da auch ein junger dicker Mann saß, der wahrscheinlich zwei Wochen lang nicht geduscht hatte. Aber das roch man bald nicht mehr, weil ein anderer Mann gleich nach der Abfahrt ein Brathuhn ausgepackt und mit den Fingern gegessen hat. Sah sehr lecker aus!

Daheim in Berlin war Mama schon da und sah sehr entspannt aus. Ob er das denn wieder machen würde, mit dem Nachtzug nach Italien, hat Mama ihn gefragt und etwas spöttisch gelächelt.

"Im Prinzip jederzeit", hat Papa gesagt. Aber jetzt brauche er erst mal Urlaub.



insgesamt 145 Beiträge
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uezegei 21.10.2019
1. Brathuhn...
oder zwei Twens, die eine große Tüte McDoof mit ins Abteil bringen und genüßlich futtern, dabei ihren Abfall verteilend. Es fehlt auch der Hinweis, dass man ohnehin nicht schlafen kann, wenn man nicht die Durchsage des Zugbegleiters verpassen will, dia davor warnt, an diesem Banhof, wo der Halt etwas länger dauert, auch nur daran zu denken, zu schlafen oder auszusteigen, weil bekanntermaßen marodierende Banden die Abteile nach Bargeld und Wertgegenständen filzen.
jufo 21.10.2019
2. Schöner Artikel
Ein schöner, unterhaltsamer Kuzmany Artikel. Dass er sehr negativ ausgefallen ist dürfte der Wahrheitsliebe des Autors geschuldet sein, meine Erfahrungen mit der Bahn sind nicht immer so schlecht aber man merkt, dass da viel Geld und Personal fehlt. Ich wundere mich aber über die gute Laune ihrer Frau. Tegel ist total überfüllt, die Flüge sind verspätet oder fallen ganz aus und nach Schweiss stinken da auch manche und sitzen noch dichter. Brandenburg oder Sachsen sind übrigens auch sehr schön.....
spon_4_me 21.10.2019
3. Mondays
4 future. Ich hoffe, die junge Dame erhält einen regelmäßigen Platz. Sie schreibt besser als 50 und lustiger als 100% der hauptamtlichen Kommentaremacher.
Dominik74 21.10.2019
4. Ein bisschen wahr...
Wenn ich meinen Senf dazu geben darf: als geübter Zugfahrer kann ich die Anfänger (die sonst Auto fahren) immer leicht erkennen. Es sind Kleinigkeiten, aber in der Summe geschehen diesen Personen so viele kleine Patzer, dass es am Ende eben heisst "also die Bahn, die ist ja schon nicht mehr das....". Ich würde als Autofahrer auch auffallen. Übung macht den Meister, Herr Kuzmany!
Lykanthrop_ 21.10.2019
5.
Ja, der Zustand der Bahn und des ÖPNV muss endlich Chefinnensache werden, aber für den Klimaschutz werden wir auch Opfer bringen müssen.
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