Zukunft der Verliererin Schwan sagt Nein zur SPD-Karriere

Sie hat zweimal gegen Horst Köhler verloren - trotzdem feiert die SPD plötzlich Gesine Schwan. Kein Wunder, denn der Schaden durch die Niederlage hält sich noch in Grenzen. Mancher Genosse will ihr nun ein Parteiamt antragen, doch sie verkündet: Dafür steht sie keinesfalls zur Verfügung.

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Berlin - Eine Niederlage ist schmerzhaft. Doch sie kann auch befreiend wirken.

Selten jedenfalls hat man SPD-Parteichef Franz Müntefering so euphorisch über Gesine Schwan reden hören wie am Samstagnachmittag kurz nach ihrer Schlappe. "Wir sind stolz auf sie", sagt er und umgarnt die gescheiterte Kandidatin. Er lobt ihr großes Engagement für Bildung, Integration und den sozialen Zusammenhalt. Er attestiert ihr, belebend gewesen zu sein - für die Debatten im Lande, für den politischen Wettbewerb und für alles, was es sonst noch so gibt in der Demokratie.

Gesine Schwan gebühre deshalb ein "besonderes Dankeschön", schlussfolgert der Parteichef.

Das ist einerseits natürlich ein bisschen geheuchelt. Denn es dürfte kaum jemandem verborgen geblieben sein, wie sehr die SPD-Spitze mit ihrer eigenen Kandidatin im vergangenen Jahr fremdelte. Nervös verfolgte man im Willy-Brandt-Haus ihre Äußerungen zu tagespolitischen Themen und fühlte sich - wie nach ihren Sätzen zu sozialen Unruhen - mitunter zu eiligen Distanzierungen berufen.

Schwans Unberechenbarkeit galt nicht wenigen in der Partei als Risiko, zumal in Vorwahlkampfzeiten wie diesen. Und wenn es darum ging, ihre Kampagne zu unterstützen, taten die Genossen vor allem eins: Sie lehnten sich zurück.

Andererseits dürfte Münteferings Dankeschön größtenteils ernst gemeint sein. Der Parteichef ist erleichtert. Er kann mit dem Verlauf der Bundesversammlung in der Tat zufrieden sein. Ein Sieg Schwans wäre zwar auch ein Sieg für die Partei gewesen - aber eben nur mit den Stimmen der Linkspartei möglich geworden. Vieles, vor allem die Wahlkampflogik, spricht dafür, dass die SPD sich dann über Wochen eine neue Debatte über Rot-Rot hätte anhören müssen.

Schwierig zu kommunizieren wäre auch das Gegenteil gewesen, eine regelrechte Klatsche für Schwan. Hätten viele Sozialdemokraten der eigenen Kandidatin die Zustimmung verweigert, wäre dies als Symbol einer neuen Spaltung und als Zeichen fehlender Autorität der Parteispitze interpretiert worden.

Das tatsächliche Ergebnis (siehe Grafik) bietet dagegen wenig Angriffsmöglichkeiten: Das sozialdemokratische Lager dürfte praktisch geschlossen für Schwan votiert haben. Eine Grünen-Abgeordnete bekannte sich zu Köhler. Der Amtsinhaber ist ein wenig gekitzelt worden, denn er hatte exakt so viele Stimmen, wie er mindestens brauchte. Von einem "Achtungserfolg" ist deshalb in der SPD jetzt die Rede. Und in ein paar Tagen ist die Wahl vergessen - das zumindest ist die Hoffnung.

Was nicht unbedingt vermessen ist, denn die anstehende Europawahl dürfte ein weitaus wichtigerer Gradmesser für mögliche Mehrheiten nach der Bundestagswahl im September sein.

Bleibt die Frage: Was wird aus Gesine Schwan? In diesen Tagen ist von den meisten Sozialdemokraten zu hören, dass man eine Persönlichkeit wie Schwan nicht einfach ziehen lassen kann. Manche sehen in ihr gar die nächste Parteivorsitzende - trotz der Verstimmungen während ihrer Kandidatur, trotz oder gerade wegen ihrer Eigenständigkeit.

Parteivorsitzende? "Nein" - Schattenministerin? Eher nicht

Tatsächlich bringt Schwan Qualitäten mit, die man im politischen Berlin lange suchen muss: Sie ist prominent, eloquent, intelligent - und noch dazu eine Frau. Allerdings: "Ämter werden bei uns nach Einfluss vergeben. Es geht darum, wer dran ist", sagt einer aus der Spitze der Bundestagsfraktion. "Und sie ist weder dran, noch hat sie die nötigen Truppen hinter sich."

Gegen diese Option spricht aber vor allem Gesine Schwan selbst. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schloss sie am Samstag aus, künftig eine Funktion in der SPD zu übernehmen. Auf die Frage, ob sie sich für ihre Zukunft ein Parteiamt vorstellen könne, sagte sie klipp und klar: "Nein." Konkreter wurde sie nicht.

Sie habe zwar "eine Idee", was sie machen wolle, werde aber erst später darüber sprechen.

Möglich wäre auch ein Posten im Schattenkabinett von Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Sie könnte dort die Koordination der Bildungsfragen übernehmen, später - im Falle einer Regierungsbeteiligung der SPD - Ministerin werden. Ein Parteiamt wäre das nicht, und Expertise hätte Schwan reichlich zu bieten.

Sie hat eine klassische Universitätskarriere hinter sich, habilitierte im Alter von 31 Jahren, war Dekanin an der Freien Universität Berlin, zuletzt Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Als Beauftragte der deutsch-polnischen Beziehungen kennt sie zudem das Innenleben politischer Institutionen.

Trotzdem ist auch ein Posten im Schattenkabinett äußerst unwahrscheinlich. "Steinmeier wird sich nicht gerne mit jemandem verbinden lassen, die schon zwei große Niederlagen hinter sich hat", sagt einer, der Schwan seit Jahren sehr gut kennt.

Auch ihre eigenen Ambitionen auf ein Regierungsamt dürften sich in Grenzen halten. Schon einmal hatte sie die Chance: 2005, kurz nach ihrer ersten Niederlage in der Bundesversammlung, fragte der damalige Kanzler Gerhard Schröder, ob sie nicht Bildungsministerin werden wolle. Schwan lehnte ab.

Ein politisches Amt, das scheint sicher, kommt für Schwan künftig nicht in Frage. Wahrscheinlicher ist eine Tätigkeit an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik.

Wenn es darum geht, den Chefposten der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung neu zu besetzen, dürfte ihr Name zumindest Teil der Diskussion sein. Auch andere namhafte Stiftungen oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) dürften an einer Person mit derartiger Reputation interessiert sein. An Kontakten dorthin und zu Forschungsinstituten mangelt es Schwan nicht. Auch ihr Mann Peter Eigen, Gründer von Transparency International, ist bestens in die Szene verdrahtet. "Sie kann abwarten. Ihr läuft nichts weg", sagt einer ihrer Weggefährten.

Arbeit dürfte ohnehin so ziemlich das Letzte sein, woran Gesine Schwan jetzt denkt. Ihr stecken mehr als 200 Veranstaltungen innerhalb von 12 Monaten in den Knochen, Dutzende Interviews und ein paar Scharmützel mit den eigenen Parteifreunden.

Am Samstagnachmittag, kurz nach ihrer Niederlage, steht die 66-Jährige vor dem Fraktionssaal der SPD im Bundestag. Sie hat ihr kleines Enkelkind auf dem Arm, schaukelt es ein wenig und ist nicht einmal genervt, als es an ihren großen Ohrringen zieht und ihrem Mann in der Nase bohrt.

Sie brauche jetzt vor allem eins, sagt sie: "Ein bisschen Ruhe."

insgesamt 670 Beiträge
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Seite 1
Klapperschlange 23.05.2009
1.
Zitat von sysopMit der knappestmöglichen Mehrheit von 613 Stimmen ist Bundespräsident Horst Köhler im Amt bestätigt worden - die richtige Wahl?
Absolut!
Puttappel 23.05.2009
2.
Zitat von sysopMit der knappestmöglichen Mehrheit von 613 Stimmen ist Bundespräsident Horst Köhler im Amt bestätigt worden - die richtige Wahl?
Ja klar - dabei nicht vergessen, daß es 2 ungültige Stimmen + 10 Enthaltungen gab, die offensichtlich Frau Schwan getroffen haben. Muß ja Gründe haben.
Adran, 23.05.2009
3.
Absolut.. Insolvenzverhalter..
G. Henning, 23.05.2009
4.
Zitat von sysopMit der knappestmöglichen Mehrheit von 613 Stimmen ist Bundespräsident Horst Köhler im Amt bestätigt worden - die richtige Wahl?
Glückwunsch für Horst Köhler. Er hat seinen Job -Repräsentant unseres Landes - in den letzten Jahren gut erledigt.
...ergo sum, 23.05.2009
5. mir ist übel ...
In meinen Augen die falscheste Wahl. Dementsprechend wird es wohl auch bei der Butagswahl so kommen wie die Meisten hier vorhersagen, - alles bleibt beim Alten, der Kurs für D weiter auf die Betonwand zu bleibt bestehen. Dann "Gute Nacht" D ! Naja, zur Not kann ich auswandern und diesen Köhler tue ich mir seit Jahren nicht mehr an. MICH jedenfalls repräsentiert DER ganz sicher nicht! Das möchte ich mal klargestellt haben !
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