Zum Tod von Peter Glotz Der Denker

Mit Peter Glotz ist ein intellektueller Generalist gestorben, der seiner Partei nie besonders nahe stand. Doch die SPD bräuchte seinen unbequemen, manchmal anstrengenden Rat heute dringender denn je.

Von Claus Christian Malzahn


Peter Glotz: Der SPD-Intellektuelle vom Dienst
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Peter Glotz: Der SPD-Intellektuelle vom Dienst

Berlin - Wenn man ihm gegenübersaß, empfand man großen Respekt - und ein bisschen Mitleid. Respekt, weil er im Kopf immer schon drei Schritte weiter war, als man selbst - und Mitleid, weil dieser Mann dachte und dachte und dachte und offenbar und unter keinen Umständen damit aufhören wollte, auch nachts nicht. Peter Glotz war ein Marathon-Mann. Er publizierte schnell und redete noch schneller. Er brachte es fertig, in drei Talkshows gleichzeitig über die Abendprogramme zu laufen.

Sein stets sprudelnder Fluss an Gedanken und Ideen führte bisweilen in die Irre, aber nie ins Mittelmaß. Selbst seine Fehler waren allemal interessanter als die Gewissheiten jener mediokren Rechthaber, die ihn innerhalb und außerhalb seiner Partei immer wieder umstellten.

Nun wird ihn seine Partei offiziell beweinen, fehlen wird er den Sozis kaum. Leider. Mit der SPD hatte Glotz zuletzt nicht mehr allzu viel zu schaffen, vor allem die Bundesregierung nahm dem in Böhmen zur Welt gekommenen Kriegsflüchtling seinen Einsatz für das Zentrum gegen Vertreibungen übel. Das Thema ist vor allem dem Kanzler nie recht gewesen. Wenn Schröder davon sprach, dass da "die falschen Leute das falsche Thema zur falschen Zeit" anpacken würden, richtete sich das auch gegen Glotz persönlich.

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SPD: Peter Glotz - der Denker

Diese Attacken waren unwürdig und unglaubwürdig. Glotz' Haltung in der Frage der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war von revanchistischer Jammerei ebenso weit entfernt wie von politisch korrekter Schönfärberei. Und natürlich hat Glotz 2003 eines der besten Bücher zum Thema geschrieben: "Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück". Bevor er eine These vortrug, recherchierte er sorgfältig - dass es in der Politik oft andersherum zuging, daran verzweifelte er manchmal.

Dabei war Glotz der erste Generalsekretär der SPD, der diesen Titel verdient hätte. Er war Generalist auf ganzer Linie. Fachidioten konnte er nicht leiden. Von 1980 bis 1987 führte er die Partei an der Seite Willy Brandts als Bundesgeschäftsführer. Wo andere sich um Plakatwände und Info-Tische kümmerten, befasste sich Glotz mit politischer Theorie. Brandt hatte mit diesem intellektuellen Großdenker kein Problem, manch andere Sozialdemokraten, die nicht mit Brandts souveränem Ego ausgestattet waren, fürchteten diesen scharfen Analysten aus Bayern.

Mythos und Politik

Stallgeruch besaß er nie. Während seine Partei sich darüber stritt, ob man in der Bundesrepublik US-Atomraketen stationieren sollte oder nicht, schrieb Glotz ein schmales Buch über "Mythos und Politik". Darin befragte er "die magischen Gesten der Rechten". Bevor er den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan kritisierte - was er kräftig tat - wollte Glotz begreifen, was dran war an diesem US-Präsidenten - und warum der amerikanische Konservative Erfolg hatte und die deutsche Linke nicht.

Glotz verschwand 1987 mit Willy Brandt von der Bonner Bühne - gegen den großen Vorsitzenden war in der Bonner" Baracke" geputscht worden, weil Brandt eine Intellektuelle ohne Parteigeschichte zur SPD-Sprecherin machen wollte. Das verkraftete die Partei der kleinen Leute nicht mehr. Brandts Enkel waren froh, dass der Denker sich aus dem Staub machte, immerhin weinte die linke "taz" damals in einem Kommentar "eine Träne für Peter Glotz". Der versuchte sein Glück anschließend in der bayerischen Landespolitik - nicht sehr erfolgreich übrigens. Bierzeltpolitik konnte er nie.

Glotz blieb auch nach eigenem Bekunden "ein Mann Willy Brandts". Doch mit den neuen Zeiten nach dem Mauerfall, die der Ehrenvorsitzende begrüßt hatte, haderte Glotz wie so mancher Linksliberaler. Die Idee des "demokratischen Sozialismus" war für Glotz mit dem Untergang des Sowjetimperiums lange noch nicht erledigt. Geradezu störrisch stemmte er sich gegen die irritierenden, widersprüchlichen Entwicklungen dieses neuen Jahrzehnts.

Moderne Zeiten und Anti-Bellizismus

Vor allem die Entwicklung auf dem Balkan trieb ihn um. Glotz wandte sich gegen die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens, hielt auch später nichts von militärischen Interventionen, als der Serbe Slobodan Milosevic die blutigen Gespenster des 20. Jahrhunderts noch einmal über den Balkan trieb. Damit unterschied er sich von vielen anderen Intellektuellen gleicher Schule, die damals zum Bellizismus keine Alternative mehr sahen. Glotz nannte die militärische Abwehr der Mordmaschine des Balkans hämisch "peaceful bombing" - und lachte jäh auf, wenn er darüber sprach.

Doch Glotz argumentierte auch hier nie als ahnungsloser Friedensfreund, sondern immer als überzeugter Anti-Nationalist. Nationalismus, gleich welcher Art, war ihm zuwider. Vor allem die Angriffe der polnischen Rechten auf das Zentrum gegen Vertreibungen reizten ihn zum Widerstand und bestärkten ihn in der Sache, die er schlicht für gerecht hielt.

Peter Glotz stirbt wenige Wochen vor der Bundestagswahl, zu einem Zeitpunkt, in der es der Partei nicht gut geht. Damit sind nicht die Umfragewerte gemeint. Die lange Phase der Opposition von 1982 bis 1998 im Bund hat er weitgehend noch als aktiver Politiker erlebt, er wusste, dass es erst rauf und dann wieder runter gehen kann. Sein viel zu früher Tod erspart ihm immerhin den Anblick der SPD vom 19. September, wenn unter Umständen Leute wie Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Klaus Wowereit in die erste Reihe der deutschen Sozialdemokratie aufrücken werden. Gerade dann aber hätte die SPD seinen Rat und seine Voraussicht dringend gebraucht. Ob die Partei beides gewollt hätte, ist eine ganz andere Frage.



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