Zum Tod von Rainer Barzel Der Kontrahent Helmut Kohls

Rainer Barzel ist tot. Seine große politische Zeit waren die Jahre zwischen Adenauer und Kohl. Damals tat sich die CDU mit Übergängen und Neuanfängen ähnlich schwer wie heute.
Von Franz Walter

Die Union der 60er Jahre nahm Abschied vom Patriarchen, wollte weg von den autoritären Strukturen, von den finessenreichen Kniffen und Interessen des großen Machtpolitikers Konrad Adenauer. Es gab ein weit verbreitetes Bedürfnis nach mehr Offenheit, mehr Debatte, mehr Demokratie.

Es war noch nicht die Stunde des Rainer Barzel, sondern die des Mister Wirtschaftswunder: Ludwig Erhard. Von ihm wusste man, wie schlimm er unter Adenauer gelitten hatte. Von ihm war bekannt, wie sehr er die ganze Parteipolitik verachtete. Von Erhard war zu hören, dass er als Nachfolger Adenauers mehr Kollegialität und Teamarbeit in Partei und Regierung anstrebte, dass er Visionen hatte und Ziele verfolgte, dass es ihm nicht allein um die Macht als solche ging. Das alles kam prächtig an in den frühen Sechzigern. Erhard blieb die große Wählerlokomotive. Er war der Held der Öffentlichkeit, der Liebling der deutschen Presse.

Und er scheiterte jämmerlich. Als die erste Krise kam, die Popularitätswerte jäh herunterpurzelten, die Zeitungen kritisch über Erhard schrieben, da fehlten dem plebiszitär akklamierten Volkskanzler die Loyalitätsreserven der Partei, die man braucht, um solche Durstrecken aushalten und überstehen zu können. Doch Erhard war der CDU erst 1963 beigetreten, stand am bitteren Ende alleine da. Währenddessen hatten seine machtpolitisch ausgekochten Konkurrenten schon die Schlingen ausgelegt, in denen sich der grundehrliche, aber politisch doch hoffnungslos naive Erhard verfing und so schließlich zu Fall gebracht wurde.

Fähigkeit zum "Menscheln" fehlte

Für Barzel waren das wichtige Jahre. Doch auch und erst recht für den jungen pfälzischen CDU-Landespolitiker Helmut Kohl. In dieser Zeit lernte der eine das politische Geschäft, der andere baute seine Fundamente aus. Beide hatten genau beobachtet, mit welchen Methoden Konrad Adenauer zäh und lange die Macht festgehalten hatte. Beide hatten ebenso scharf registriert, wie rasch und erbarmungslos dessen Nachfolger, der zuvor so populäre Volkskanzler und Verächter der Partei- und Machtpolitik, vom Thron gestürzt wurde.

Und schließlich hatte Kohl mehr als Barzel mit wachem Instinkt erkannt, warum die beiden herausragenden politischen Begabungen der Union in den 60er Jahren, die Herren Eugen Gerstenmaier und Gerhard Schröder, ihr großes Ziel, die Kanzlerschaft, nicht erreichten. Sie waren sehr weltläufige Männer, sehr intelligent und sehr gebildet. Aber sie wärmten ihre Partei nicht. Gerstenmaier war dem Fußvolk der CDU zu intellektuell, zu unverständlich, zu theoretisch; Schröder war einfach zu kalt, zu arrogant, zu gescheit. Das galt ganz ähnlich für Barzel, der zusammen mit Helmut Schmidt einer der klügsten und effizientesten Fraktionsvorsitzenden im deutschen Nachkriegsparlamentarismus war, dem aber die Gabe der Sympathievermittlung, die Fähigkeit zum "Menscheln" fehlte.

Barzels Erfolg hätte Kohl stoppen können

So witterte Kohl schon früh seine Chance. Kurt Kiesinger wäre 1966 wohl nicht Kanzler geworden, hätte Kohl nicht bereits die Strippen gezogen. Für Kohl war Kiesinger der Mann, der Zukunftschancen nicht verbaute. Das wäre bei Schröder und eben vor allem bei Barzel anders gewesen. Kiesinger taugte nur für die kurze Ära der Großen Koalition. Er amtierte präsidentiell, hielt gebildete Monologe, bot interessante Tocqueville-Zitate feil, während die Kraftnaturen unter den SPD- und CDU-Ministern die eigentliche Politik machten. Auch um die Partei kümmerte sich Kiesinger nicht; den Parteivorsitz übernahm er 1967 eher auf Drängen anderer als aus eigenem Willen; die Parteizentrale betrat er nicht ein einziges Mal.

Barzel war da ein weitaus gefährlicherer Konkurrent für den untergründigen Ehrgeiz von Kohl. Er war aus anderem Holz geschnitzt als Erhard und Kiesinger; er hatte im Grunde das Zeug zu einem umsichtigen Parteivorsitzenden und tüchtigen Bundeskanzler. Barzel als Kanzler hätte wie ein Felsblock der Karriere Kohls im Wege liegen können. Rainer Barzel jedenfalls war ein ähnlich guter Integrator und Moderator wie Kohl. Auch in ihrer pragmatischen Flexibilität, in ihrer taktischen Raffinesse unterschieden sich die beiden nicht. Gewiss war Barzel erheblich fleißiger, in den Details der Politik sehr viel kenntnisreicher, administrativ weitaus kompetenter als der Genussmensch Kohl. Dadurch wirkte Barzel allerdings auch immer etwas streberhaft, ein wenig zu ehrgeizig, zu beflissen, war vielleicht mehr kühler Manager als leidenschaftlicher Politiker. Ein Springer-Journalist bezeichnete ihn seinerzeit durchaus maliziös als "glatte Öl-Kopie der "Angestelltenkultur". Sonderlich beliebt war Barzel infolgedessen nicht an der Basis der CDU, auch nicht als er ab 1971 – nach einer Kampfabstimmung gegen Helmut Kohl - an die Spitze der Partei trat.

Das "System Kohl" siegte

Doch setzte Barzel nicht auf die Partei, sondern auf die Bundestagsfraktion, um möglichst rasch Kanzler zu werden. Damit manövrierte er sich indessen in die Abhängigkeit der ebenso selbstbewusst wie seinerzeit unter Franz-Josef Strauß destruktiv agierenden CSU, die dem Fraktionsvorsitzender in den frühen 70er Jahren einige bittere Demütigungen und Niederlagen bescherte. Eigene Netzwerke hatte Barzel nicht. Dafür war er zu verschlossen, in einer gewissen Weise auch zu ungesellig. Barzel war ein Mann, der früh abends seinen Schlaf brauchte, als seine Gegner in feuchtfröhlicher Umgebung munter und verwegen Bündnisse und Intrigen schmiedeten. 1972, nach dem gescheiterten Misstrauensvotum und der verloren gegangenen Bundestagswahl, war Rainer Barzel - der in den 60er Jahren einen rasanten Aufstieg erlebt hatte, sich mit Brandt, Kohl und Strauß aber ganz außergewöhnlich schwergewichtigen Kontrahenten gegenübersah - ein politisch gebrochener Mann.

Dadurch schlug die Stunde des Helmut Kohl. Er hatte seine Lektion aus dem schnellen Scheitern seiner drei Vorgänger gezogen. Kohl setzte auf die Partei. Kohl wurde somit zum ersten CDU-Vorsitzenden, der die christdemokratische Partei als entscheidende Machtressource seiner Führungsstellung nutzte und organisatorisch zu diesem Zweck – "System Kohl" - perfektionierte. Nach dem Scheitern von Barzel begann also eine neue Ära der CDU, begann der Abschied von der Welt selbständiger und selbstbewusster bürgerlicher Honoratioren.

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