Zum Tode von Wolfgang Ullmann Der Grenzüberschreiter

Mit dem früheren DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann starb einer der Helden der friedlichen Revolution von 1989 - doch er selbst hätte sich wohl nie so bezeichnet. Thomas Krüger, Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, erinnert für SPIEGEL ONLINE an seinen Freund und Lehrer, der immer für eine lebendige Bürgergesellschaft eingetreten ist.
Von Thomas Krüger

Bonn - Am selben Tag als Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine historische Rede zum 40jährigen Kriegsende hielt, fuhr Wolfgang Ullmann mit der S-Bahn über die Stadtgrenze am äußersten Berliner Osten nach Ahrensfelde. In der von mir bezogenen Friedhofsdienstwohnung diskutierte er mit einigen seiner Theologiestudenten den "Tag der Befreiung". Er brachte einen Text des ein Jahr später verstorbenen argentinischen Autors Jose Luis Borges mit. In der Erzählung "Deutsches Requiem" wird dabei die Geschichte von Otto Dietrich zur Linde entfaltet, der am Tag vor seiner Hinrichtung sein bildungsbürgerliches Leben Revue passieren lässt. Er war maßgeblich an den Ermordungen in einem Konzentrationslager beteiligt. Wolfgang Ullmann nahm den Text zum Anlass, mit seinen Studenten eine provozierende Diskussion über "Heimat" zu führen.

Die Heimat von Wolfgang Ullmann war der mehrfache Weg von der Provinz in die Welt. Sein Lieblingsdichter Jean Paul hätte seine Freude daran gehabt. Ullmann wurde 1929 in Bad Gottleuba bei Dresden geboren, studierte in Berlin und Göttingen Theologie und Philosophie und fand 1954 den Weg in seine Vikars- und Pfarrstelle Colmnitz bei Freiberg. 1963 wurde er zuerst in Naumburg, ab 1978 dann in Berlin Dozent für Kirchengeschichte an den jeweiligen Kirchlichen Hochschulen. Sein langjähriges politisches Engagement führte ihn 1987 in eine der wichtigen Initiativen der oppositionellen Bürgerbewegung in der DDR, der "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung". Dort traf er einige der Weggefährten, mit denen er am 12.September 1989 "Demokratie Jetzt" gründete, für die er an den Runden Tisch zog und im Übergangskabinett Modrow "Minister ohne Geschäftsbereich" wurde und sich vor allem für die Auflösung der Staatssicherheit einsetzte. Es folgten jeweils vier Jahre Bundestag und Europaparlament, aus dem er nach Ablauf der Legislatur ausschied.

Wolfgang Ullmann war ein inspirierter Denker und ein beherzter Politiker. Er hat sich nie einordnen lassen. Sein Leben folgte biografisch, intellektuell und politisch immer der "Grenzüberschreitung". Er wechselt im Kalten Krieg aus dem Sächsischen für sein Studium nach Berlin und ins Niedersächsische und wieder zurück nach Sachsen. Er richtet in seinen historischen Forschungen seinen reformatorischen Blick immer auch auf die Abweichler, bzw. diejenigen, die dazu gemacht wurden. Und er arbeitet im Wendejahr 1989/90 politisch trotz der konservativen Abwehr an einer gemeinsamen deutschen Verfassung, die mehr plebiszitäre Elemente enthalten sollte.

Als Lehrer war ihm daran gelegen, seinen Schülerinnen und Schülern einen eigenen Weg zu den Erkenntnissen zu eröffnen. Seine Vorlesungen und Seminare waren Fundgruben ausgefallener oder neu interpretierter Quellen, inspirierter oder auch verstörender Verknüpfungen, in jedem Fall Ereignisse, die in den Bann zogen. Wolfgang Ullmann stand für eine Verknüpfung des theologischen Denkens mit ihren verwandten Disziplinen. Er konnte in einem Exkurs über die neuzeitliche Ethik Fenster öffnen, indem er auf Dostojewskis Befassung mit der Todesstrafe in den "Gebrüdern Karamasov" im Kontext der Justizreform im späten Zarentum, hinter die der Bolschewismus Lenins grausam zurückfiel, verwies. Oder auf die weitgehend unbekannten Denker und Grenzgänger wie Pavel Florenskij und Eugen Rosenstock-Huessy. Wolfgang Ullmann überraschte mit seinen Steckenpferden - der Mathematik und der Musik. Wer dem Denker und Politiker, dem Grenzüberschreiter Ullmann auf die Spur kommen will, sollte zu seinem faszinierenden Buch "zukunft aufklärung - eine bestandsaufnahme nach dem ende der utopien" (kontextverlag 1995) greifen.

Er war ein Lehrer auf Augenhöhe und er hat eine weitere Grenze überschritten, als seine Schülerinnen und Schüler mit ihm die parlamentarische Bank geteilt haben. Nun war er Kollege - und wie er es war! Fair, souverän und nachsichtig, aber durchaus auch kontrovers. Immer jedoch offen und optimistisch. Seine Schüler standen plötzlich auf derselben Bühne und machen Karriere - nicht immer in seiner Partei. Aber Wolfgang Ullmann hat das gut aushalten können und hin und wieder hat man ihm seine stille Freude daran angesehen.

Wolfgang Ullmann war ein lebendiger Parlamentarier, der seine Rechte und Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Ich erinnere mich an die endlosen Sitzungen der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer. Als Vizepräsident hat er einmal sehr beherzt nach der Mittagspause die Sitzung eröffnet und mit dem Abstimmungsmarathon begonnen. Die Opposition war im Bilde und auch im Saal und sicherte einige Abstimmungserfolge über die mittagssatte Koalition, die mehr als zwei Drittel des Parlamentes stellte und über den Flurfunk alarmiert erst nach und nach eintrudelte.

Als Abgeordneter ist er dem Meinungsstreit nicht nur nicht aus dem Weg gegangen. Er hat dem Parlament mit der ihm eigenen Polemik ein paar Einblicke in seinen historischen Fundus geschenkt. Mit Wolfgang Schäuble hat er z.B. über die Mitgliedschaft der Türkei in der EU gestritten und ihn als Christdemokraten gefragt, ob ihm denn klar sei, dass alle sieben urchristlichen Konzile auf dem Territorium der Türkei stattfanden und dort noch heute, wenn auch nicht viele, Christen leben würden. Mithin könne man überhaupt nicht von einer fehlenden christlich-abendländischen Tradition sprechen.

Der Parlamentarier Wolfgang Ullmann hatte aber vor allem eine Mission. Ihm war die Zukunft Deutschlands und Europas wichtig und seinen Einsatz in Verfassungsfragen wert. Nach den furchtbaren Jahrhunderten, die in den Katastrophen des 20.Jahrhunderts gipfeln, sind Deutschland und Europa im Begriff, eine wichtige Grenze zu überschreiten, die ihre friedliche Existenz sichern können. Wolfgang Ullmanns politisches Projekt - eine gemeinsame deutsche Verfassung nach der Wiedererlangung der staatlichen Einheit - ist fast in Gänze an parteipolitischen Vorbehalten gescheitert. Er hat deshalb die Kommission unter Protest verlassen. Sein Projekt ist aber, auch dank seines Einsatzes, in eine europäische Verfassungsgesetzgebung eingemündet und somit gut aufgehoben.

Wolfgang Ullmann hat immer wieder danach gefragt, worin der Ertrag der wiedererlangten Deutschen Einheit bestand und dabei an die Frauen und Männer der friedlichen Revolution, ihr Handeln und ihre Ideale erinnert. Unvergessen auch sein Einsatz für die Opfer der SED-Diktatur bis in die jüngste Gegenwart. Der Herbst 1989 und die Jahre, die zu ihm führten, bleiben die Energiequelle seines politischen Denkens und Handelns. Die politische Pragmatik tritt in seinem Wirken häufig hinter den ideellen Kern des Ereignisses zurück. Die Deutsche Einheit sollte für Ullmann nicht zu einem zentralistischen deutschen Einheitsstaat führen (der Umgang mit der Treuhand 1990 schien ihm Beleg dafür), sondern zu einem "demokratisch verfassten Bund deutscher Länder", in dem die Bürgergesellschaft einen zentralen Platz einnimmt und ihr Schicksal selbst mitbestimmt.

Mit Wolfgang Ullmann verliert Deutschland einen kreativen, inspirierten und engagierten Politiker und Denker. Er hat seine Schüler und Weggefährten entzündet und entzückt. Seine letzte Grenze hat er, sehr plötzlich, ohne uns überschritten.

Thomas Krüger, 45, ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, die als SDP im August 1989 in Schwante bei Berlin ins Leben gerufen wurde.

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