Zuwanderer Acht Monate Warten auf Integrationskurse

Deutsch, Alltagswissen, Werte: Wer nach Deutschland kommt und die Sprache kaum beherrscht, kann zur Teilnahme am Integrationskurs verpflichtet werden. Doch die Wartezeit darauf hat sich seit 2016 fast verdoppelt.

"Ausreichend Plätze": Integrationskurs für Frauen
DPA

"Ausreichend Plätze": Integrationskurs für Frauen


Im Schnitt 8,1 Monate betrug zuletzt die Wartezeit für Zugewanderte, die zu einem Integrationskurs verpflichtet wurden. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünenabgeordneten Filiz Polat hervor. Zum Vergleich: 2016 lag diese Zeitspanne noch bei 4,3 Monaten.

Der "frühe und effektive Zugang zu Deutschkursen" habe herausragende Bedeutung, sagte Polat, die auch Sprecherin der Grünenfraktion für Migration und Integration ist, der Deutschen Presse-Agentur. "Acht Monate Wartezeit für einen Integrationskurs ist schlichtweg zu lang und verbaut Perspektiven."

Ein Sprecher des Innenministeriums (BMI) betonte, die Zeit von der Verpflichtung zum Kurs bis zur Anmeldung sei zwar "grundsätzlich den verpflichtenden Behörden zuzurechnen", also Jobcentern, Ausländerbehörden oder Trägern der Asylbewerberleistungen - aber nicht dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

BMI: "Es stehen ausreichend Integrationskursplätze zur Verfügung"

"Es kommt jedoch auch darauf an, wie stark sich die Verpflichteten um einen Kursplatz bemühen. Erst nach erfolgter Anmeldung bis zum Kursbeginn kann man also im eigentlichen Sinne von Wartezeit sprechen", betonte der BMI-Sprecher. Diese Zeit habe im vergangenen Jahr nur bei durchschnittlich etwa sieben Wochen gelegen. Dennoch bemühten sich Bamf und Ministerium um eine Verkürzung der Zeit. Erste Erfolge habe ein Pilotprojekt mit Einstufungstests gebracht. "Es stehen ausreichend Integrationskursplätze zur Verfügung", sagte er.

Integrationskurse umfassen Sprach- und Orientierungskurse, bei denen es unter anderem um Geschichte, Rechtsordnung und Werte geht. Das Bamf koordiniert die Kurse und lässt die Anbieter zu. Der Standardkurs beinhaltet 600 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten im Sprach- und 100 Einheiten im Integrationsteil, also insgesamt 525 Stunden. Wer neu zugewandert ist und kein oder nur wenig Deutsch beherrscht, kann von den Behörden zur Teilnahme verpflichtet werden. Das gilt auch für Ausländer, die Hartz IV beziehen, sowie Asylbewerber, die staatliche Unterstützung bekommen.

Für bestimmte Zuwanderer und Asylbewerber ist die Teilnahme freiwillig. Für Menschen, die einen solchen Anspruch haben, aber nicht mitmachen müssen, lag die Wartezeit 2018 im Schnitt bei 4,3 Monaten.

In Bremen vergeht im Schnitt fast ein Jahr bis zum Kursantritt

Bei den verpflichteten Teilnehmern war die durchschnittliche Wartezeit in Bremen mit 11,4 Monaten am längsten, vor dem Saarland mit 11,2 Monaten und Niedersachsen mit 10 Monaten. Am schnellsten kamen die Teilnehmer in Mecklenburg-Vorpommern (6,5 Monate), Brandenburg (6,6 Monate) und Thüringen (6,8 Monate) dran.

Derzeit untersucht das Forschungszentrum des Bamf die Kurse auch ganz grundsätzlich. Dabei geht es etwa darum, welche Faktoren einen Einfluss auf den erfolgreichen Abschluss haben und ob der Erfolg vorhält. Ergebnisse dieser Evaluation sollen laut Ministerium Mitte 2022 vorliegen, Zwischenberichte schon vorher. Dafür sind laut Ministerium Kosten von 2,4 Millionen Euro eingeplant.

Grünensprecherin Filiz Polat kritisierte das "Mammutprojekt mit astronomischen Kosten". Es sei völlig unverständlich, dass so viel Geld für "eine Evaluation des Bamf für das Bamf" ausgegeben werde. Die Unabhängigkeit sei so nicht gewährleistet, "die bekannten Probleme und Herausforderungen können so nicht kritisch und produktiv analysiert werden".

pbe/dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kumi-ori 26.05.2019
1.
Es ist bedauerlich, wenn wir nicht immer sofort dienen können, aber das Problem der Wartezeit besteht nicht nur bei den Integrationskursen, sondern zieht sich überall durch den deutschen Lebensalltag. Warten Sie mal zum Beispiel auf einen Krippenplatz!
isar56 26.05.2019
2. Zwölf
unbegleitete Kinder und Jugendliche habe ich nach deren Ankunft hier nahe begleitet und die Erfahrung gemacht, dass Kontakte zu deutschsprachigen Menschen die schnellsten Erfolge beim Spracherwerb brachten. Eine nigerianische Frau erzählte nach einem Deutsch- und Integrationskurs (6Monate halbtags), sie wisse nun was ein Akkusativ ist, könne aber die Sprache noch immer nicht bzw mangelhaft. Kurse scheinen nicht den durchschlagenden Erfolg zu bringen, selbst dann nicht, wenn die Teilnehmer tatsächlich anwesend sind und bleiben.
Baalsebul 26.05.2019
3. Die berühmten Perlen
Ich hab da Erfahrung, da ich für 10 Monate ehrenamtlich bei der Flüchtlingbeschulung 2016/17 ausgeholfen habe. Auch da war schon alles auf Kante genäht. Jeder Dozent wurde genommen, auch wenn er selbst kaum richtiges Deutsch sprach. Was mich immens damals schon geärgert hat (ich war an einer VHS als Träger): die Faulheit der "Schüler". Da die meisten verpflichtet waren (Jobcenter), MUSSTEN diese das machen und haben kaum etwas gelernt. Sie kamen, wann sie wollten, Hausaufgaben wurden meist nicht gemacht und auch sonst herrschte eine Einstellung vor, nach dem Motto: bring mir was bei! Von den im Schnitt 15 Schülern (alle möglichen Altersstufen) haben sich vielleicht 2 Mühe gegeben und waren ordentlich. Der Rest hat wahrlich nur gekostet: auch Nerven. Es wurde ÜBERHAUPT nicht geschätzt, dass ihnen dies angeboten wurde. Verschwendung von Ressourcen ohne Ende. Letztlich hat auch das mich zum Schluss kommen lassen, dass ich mir diese Undankbarkeit (zusätzlich zum "schwierigen" Verhalten, wie Prügeleien und Aufdenbodenspucken) nicht mehr antue und ging. Es war es nicht wert.
hellas16 26.05.2019
4. Überzogene Erwartungen
Die Kurse sind für Bildungsträger ein mühsames Geschäft, denn das BamF baut beständig seine Bürokratie aus. Schon meine Oma sagte: "Von der Wiege bis zur Bahre. Formulare, Formulare! Es gibt inzwischen zahlreiche Institutionen, die keine Kurse mehr anbieten. Daraus resultieren auch Zeitverzögerungen.
gluonball 26.05.2019
5. Kapaztität
Die Kapaztität ist eben nicht unendlich. Das wollen viele nicht begreifen. Wo sollen plötzlich all die Lehrer herkommen. Normalerweise wächst ein Staat gemächlich und er kann sich somit entsprechend anpassen. Wenn man nun plötzlich Millionen neue Menschen abfertigen muss, muss das auf Kosten der Kapazität gehen. Wie denn sonst?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.