Neue Statistik Zuwanderung so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr

Der Zustrom nach Deutschland ist so groß wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Laut einem Zeitungsbericht rechnen die zuständigen Experten damit, dass im Jahr 2013 rund 400.000 Menschen mehr ein- als abgewandert sind. Der Großteil der Zuwanderer kommt aus Ost- und Südeuropa.
Menschenmenge in Hamburger Einkaufsstraße: Deutschland ist gefragt

Menschenmenge in Hamburger Einkaufsstraße: Deutschland ist gefragt

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Berlin - Deutschland ist gefragt. Seit Beginn der Euro-Krise vor vier Jahren strömen immer mehr Menschen aus dem Ausland in die Bundesrepublik. 2013 lag der Saldo von Zu- und Abwanderern bei plus 400.000. Das geht laut "Welt am Sonntag" aus einer aktuellen Hochrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor, das bei der Bundesagentur für Arbeit angesiedelt ist.

Sollte sich die Zahl bestätigen, wäre das ein Plus von mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Jahr 2012 und der höchste Zuwanderungssaldo seit 1993. Damals kamen 462.000 Menschen mehr in die Bundesrepublik, als das Land verließen. 1995 waren es noch einmal knapp 400.000. Danach ebbte die Zuwanderungswelle ab. In den Jahren 2008 und 2009 wanderten sogar mehr Menschen aus, als nach Deutschland kamen (siehe Grafik).

Zuwanderung nach und Abwanderung aus Deutschland

Jahr Zu­gezo­gene Fort­gezogene Saldo
2012 1.080.936 711.991 368.945
2011 958.299 678.969 279.330
2010 798.282 670.605 127.677
2009 721.014 733.796 -12.782
2008 682.146 737.889 -55.743
2007 680.766 636.854 43.912
2006 661.855 639.064 22.791
2005 707.352 628.399 78.953
2004 780.175 697.632 82.543
2003 768.975 626.330 142.645
2002 842.543 623.255 219.288
2001 879.217 606.494 272.723
2000 841.158 674.038 167.120
1999 874.023 672.048 201.975
1998 802.456 755.358 47.098
1997 840.633 746.969 93.664
1996 959.691 677.494 282.197
1995 1.096.048 698.113 397.935
1994 1.082.553 767.555 314.998
1993 1.277.408 815.312 462.096
1992 1.502.198 720.127 782.071
1991 1.198.978 596.455 602.523
Quelle: Destatis

Grund für die nun erneut hohen Zuwanderungszahlen sind vor allem die Arbeitnehmerfreizügigkeit im Zuge der EU-Osterweiterung sowie die schwere Wirtschaftskrise in Südeuropa. Genaue Daten zu den Herkunftsländern der Zuwanderer gibt es bisher nur für das erste Halbjahr 2013. Daraus ergibt sich, dass die größte Gruppe der Zuwanderer aus Polen stammte, danach folgen Rumänien, Italien, Ungarn und Spanien.

Im Jahr 2014 könnte sich die Zahl der Zuwanderer weiter erhöhen. Grund sind neue Regelungen der EU: Während für Polen und andere EU-Länder schon seit 2011 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, dürfen Bulgaren und Rumänen erst seit dem Jahreswechsel frei entscheiden, wo sie leben und arbeiten möchten. Das IAB rechnet damit, dass allein dadurch die Nettozuwanderung um 30.000 bis 110.000 Personen steigen wird.

"Ein Freund klarer Worte"

Viele konservative Politiker, vor allem aus den Reihen der CSU, warnen mit drastischen Worten davor, dass nach dem Fall der Grenzen verstärkt Armutsflüchtlinge nach Deutschland kommen und hier Sozialleistungen beanspruchen könnten. Besonders umstritten ist der Satz "Wer betrügt, der fliegt", der aus einem CSU-Papier für die Klausurtagung in Wildbad Kreuth kommende Woche stammt.

Unterstützung bekommen die Hardliner nun vom hessischen CDU-Regierungschef Volker Bouffier (CDU): "Ich werde auch als Ministerpräsident mit schwarz-grüner Mehrheit ein Freund klarer Worte bleiben", sagte er der "Welt am Sonntag". "Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass niemand gern sein Heimatland verlässt. Wenn er es aus Armut tut, dann müssen wir ihn dort unterstützen. Gleichzeitig müssen wir aber auch einfordern, dass er sich darum bemüht, seinen Lebensunterhalt aus eigenen Mitteln zu bestreiten."

Der CDU-Europapolitiker Elmar Brok sagte dem Blatt, es gehe nicht darum, die Freizügigkeit einzuschränken, sondern Probleme in ihrem Vollzug zu lösen. "Die deutschen Ausländerämter warten viel zu lange, bis sie Menschen ausweisen, die offenkundig nur auf Sozialleistungen aus sind und nicht auf eine regelmäßige Beschäftigung. Wenn die Behörden hier konsequenter gegen den Missbrauch unseres Sozialsystems vorgehen würden, hätte das auch eine abschreckende Wirkung."

"Es gibt zu viele pauschale Vorurteile"

Die deutsche Wirtschaft fürchtet dagegen, dass die Diskussion dem deutschen Image schaden und dringend benötigte Fachkräfte davon abhalten könnte, nach Deutschland zu kommen. Deutschland brauche in den kommenden Jahren bis zu 1,5 Millionen qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland, um Wachstum zu sichern und die Sozialsysteme zu stabilisieren, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Auch die neue Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), warnt davor, Stimmung gegen die Einwanderer aus ärmeren EU-Ländern zu machen. "Es gibt zu viele pauschale Vorurteile", sagte die Staatsministerin im Kanzleramt der "Welt am Sonntag". Deutschland profitiere in hohem Maße von gut ausgebildeten EU-Bürgern. Ähnliche Befürchtungen, wie sie jetzt in Bezug auf Rumänen und Bulgaren geäußert würden, hätte es vor einigen Jahren auch gegenüber Spaniern, Portugiesen und Polen gegeben. Die Menschen seien aber keineswegs in Massen gekommen. Und viele der europäischen Zuwanderer seien längst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

stk/dpa